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WIEN / Volkstheater: WOYZECK

22.11.2013 | Theater

Woyzeck 3 Buttinger  Woyzeck 3 Buttinger 2 x

WIEN / Volkstheater:
WOYZECK
Nach dem Stück von Georg Büchner
Songs und Liedtexte von Tom Waits und Kathleen Brennan
Konzept von Robert Wilson
Premiere: 22. November 2013

Niemand kann Michael Schottenberg Mut absprechen. Schon mit der Originalversion von Georg Büchners „Woyzeck“ könnte man allerlei Schockierendes anstellen. Denn die Geschichte des dumpfen Außenseiters, der irgendwann ausrasten musste, hat einfach das Potential, auch einem heutigen Publikum noch ins Gesicht zu springen, wenn man sie entsprechend präsentiert. Aber indem Schottenberg die Fassung wählte, die Robert Wilson für die Musik von Tom Waits verfasst hat, konnte er zu einer inszenatorischen Tour de Force ansetzen, wie man sie lange nicht gesehen hat.

Durch die düstere, rhythmische, letztendlich einförmige, aber doch immer eindrucksvolle Musik von Waits, die sich ununterbrochen ins Geschehen schiebt und eine Art schwarzes Musiktheaterstück daraus macht, war es Schottenberg möglich, einen völlig irrationalen Tanz von Gespenstern auf die Bühne stellen, die nicht nach Gesetzen der Logik, sondern des schrillen Effekts agieren.

Das ist handwerklich wirklich hervorragend gemacht, in einem klaustrophobisch geschlossenen Raum von Hans Kudlich, dessen Öffnungen nicht nur schmal an den Wänden zu finden sind, sondern auch im Boden – und in der Luft: Wie in der Staatsopern-„Zauberflöte“, wo einige Darsteller schweben, kommen die Beteiligten zu Beginn in Schnüren hängend vom Lusterboden herab… Der Boden der Bühne ist (dies wieder wie beim „Idomeneo“ im Theater an der Wien) mit Erde bedeckt, die noch ausführlich herumgeschmiert und schließlich auch auf Woyzeck geworfen wird (Dreck ist ein vordringliches Element dieser Inszenierung). Die Kostüme (Erika Navas), vor allem aber die Schminkmeister machen aus allen Beteiligten Zombies. Kurz, was hier stattfindet, ist einerseits eine schrille Show, wenn auch eine schmerzliche, andererseits Schottenbergs Apokalypse, eineinhalb pausenlose, laute, extrem hässliche Stunden lang, an deren Anfang und Ende der Song „Misery is the River of the World“ steht (wobei Schottenberg den ganzen Abend lang überhaupt keinen Wert darauf legt, dass man die englischen Texte der Songs auch versteht – es geht um Impression, nicht um intellektuelle Zergliederung).

Woyzeck sie haengen

Woyzeck 1 alle

Am Premierenabend saß Marcello de Nardo im Zuschauerraum, von Rechts wegen natürlich eine Idealbesetzung der Titelrolle, hätte Schottenberg sie mit einem Schauspieler besetzen wollen. Aber gerade die ungeschlachte Unbeholfenheit des Haymon Maria Buttinger, ein alter Mann, der in bepisster Trainingshose über die Bühne wankt und Text aufsagt wie ein unbegabter Schüler, der in der Klasse „mit verteilten Rollen“ zum Theaterspielen vergattert wurde, muss ihm richtig erschienen sein. Kein Schauspieler, irgendetwas Fremdes unter echten Schauspielern, die angesichts der Anforderungen nicht weniger als virtuos sein müssen…

Künstlich sind sie alle bis zum Exzess, beginnend mit Thomas Bauer, der im Nosferatu-Look als Ausrufer den Abend schon vor seinem Beginn einleitet, wenn er im Zuschauerraum herumgeistert. Dann kommen sie Schlag auf Schlag, wenn auch die Dramaturgie nicht ganz dem Büchner-Original folgt, weil alle –begleitet vom Orchester, das durch eine Öffnung in der Bühnenmitte zu sehen ist – ihren „Song“ bekommen müssen, den manche zur Showeinlage ausreizen dürfen wie der Doktor des Ronald Kuste. Extrem: der weißgesichtige Hauptmann des Thomas Kamper, mit ein paar überraschend „normalen“ Tönen der gewaltig einherstapfende Tambourmajor des Christoph F. Krutzler.

Hanna Binder bekam mit der Marie ihre zweite Hauptrolle am Haus, durchaus intensiv in ihrer dünnen, sperrigen Blondheit und ihrem willigen, kaum von Widerstand begleiteten Tod. Absolut nicht zu erkennen ist Susa Meyer als Margreth (höchstens an ihrem professionellen Gesang), ein ausgeliehener Schlossgeist, und Matthias Mamedof (auch er völlig entstellt), der das Kind singt und dazu die kitschig-rührseligen Melodien zugeteilt erhielt. Tany Gabriel bekam die Rolle des Andres wohl zugeteilt, weil er ganz hörbar weit mehr als jeder sonst auf der Bühne ein Profi im Singen dieser Art von Musik ist – kreischend, aus der Tiefe geholt, unheimlich, wie sie von der doch sehr großen Band im Hintergrund realisiert wurde.

Es gab sehr viel Beifall, für den auch viele Kollegen im Zuschauerraum verantwortlich waren (das richtige Pfeifen und Johlen, wie es bei Pop-Konzerten üblich ist, beherrscht der schlichte Durchschnittsmensch ja nicht…).

Woyzeck 2 springen im Dreck Woyzeck 4 Meyer

Für eine Aufführung wie diese gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder sie avanciert zum Kult, indem sämtliche vorhandenen Alternativ-Junkies aus ihren Löchern kriechen, die Vorstellungen füllen und die Grauslichkeiten nur so in sich hineinschlürfen. Oder das Normal-Publikum schüttelt den Kopf und bedankt sich: Thanks, but no thanks. (Zu Deutsch: Lieber doch nicht…)

Renate Wagner

 

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