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WIEN / Volkstheater: UNTER DER TREPPE

16.01.2013 | Theater

WIEN / Volkstheater:
Aufführung für die Bezirkstournee
UNTER DER TREPPE von Charles Dyer
Premiere: 16. Jänner 2013

1966… Man muss sich bewusst machen, dass dies nun schon fast ein halbes Jahrhundert her ist. Wenn ein englischer Schauspieler / Dramatiker namens Charles Dyer, der bis dahin keinen nennenswerten Erfolg gehabt hatte (auch danach nicht mehr), in dem Stück „Staircase“, zu Deutsch: „Unter der Treppe“, zwei homosexuelle Friseure auf die Bühne brachte, die nichts anderes tun als sich zwei Stunden lang anzuzanken, wobei es sprachlich (und auch menschlich) nicht sehr nobel zugeht, stellte dergleichen damals noch eine ziemliche Provokation da. „Nichts für Pastorentöchter!“ musste eine fortschrittliche Theaterkritik das Publikum zu liberalen Ansichten auffordern – und der Erfolg war enorm.

Wirklich ganz große Schauspieler (Quadflieg / Steckel, zwei wahre Bühnengiganten in Berlin, Richard Burton und Rex Harrison, geniale Schauspieler und nebenbei die wildesten Womanizer, die man sich vorstellen kann..) schlüpften in den Tuntenfummel und genossen die Möglichkeit, die Sau rauszulassen. Das war ein Spaß, damals.

Heute, wo die Love Parade jährlich marschiert und die Homosexuellen in der Gesellschaft so selbstverständlich sind, dass sie sich vielleicht selbst darüber wundern, wie so gar niemand mehr Anstoß an ihnen nimmt, sieht man an „Unter der Treppe“ nur noch eine Anhäufung von Klischees und ziemlich schlechtem Geschmack. Zumal, wenn es so holzhammermäßig-gefühllos  inszeniert ist wie nun im Volkstheater.

Es ginge tatsächlich um einiges subtiler, als Regisseurin Katrin Hiller hier zugegriffen hat, die jede billige Pointe ausspielen ließ, sich auf jede hüftwackelnde, kreischende Tuntigkeit einließ, statt – wenn es denn schon sein muss, das überhaupt zu spielen – die Menschen hinter dem künstlichen Theater  zu suchen. Aber sie wählte mit Sicherheit immer die billigste Variante.

Zwei Friseure, mit einander quasi eingeschlossen in ihren „Salon“, die Außenwelt kommt nicht herein. Szenen einer Ehe, gewiss, aber auf welchem Niveau! Als ein paar Jahre später der Franzose Jean Poiret in seinem „Käfig voller Narren“ die offenbar erfolgsversprechende Konstellation des schwulen Paares neu variierte, konnte er in der Nachtclubszene mit einer Transvestitendiva den ganzen äußeren und inneren Fummel des Milieus weit überzeugender einsetzen, während man sich hier fragt, warum um Gottes Willen sich zwei blöde Vorstadtfriseure so aufführen…

Dabei hat Marcello de Nardo als Harry die dankbarere Rolle – das demütige Hausmütterchen, liebend und liebevoll, nur selten ausfällig, aber sehr verletzt, was man mit entsprechenden Blicken und Kopfbewegungen kundtut, und de Nardo, der es besser könnte, ist von der Regie in die Vordergründigkeit getrieben worden. Gott, wie rührend, zumal mit seinem immer wieder kokett angespielten Turban (und dann nur Stoppelhaare darunter! Ach!). Gott, wie nervig.

Robert Joseph Bartl, der – Entschuldigung schon – in seiner Zeit am Burgtheater nicht weiter aufgefallen ist, stellt sich hier mit der Rolle ein, der Dyer seinen eigenen Namen gegeben hat. Dieser Charles muss in dauernder Aggression herumfegen, aber die Regie gibt ihm kaum Möglichkeit, den riesigen inneren Druck, unter dem er steht, aufzubauen (Anklage wegen sexueller Belästigung, das erwartete Auftauchen der Tochter aus dem früheren Leben, dann bekommt er noch all seine Lügen und Lebenslügen aufs Brot geschmiert). Was immer dieser Charles in dieser Aufführung tut, man weiß eigentlich nie, warum.

Das alles geschieht in dem altmodischen, relativ aufwendigen Salon von Hans Kudlich, während Erika Navas und Katharina Kappert den Fummel zusammengetragen haben, in den sich zwei Herren, die einander als „sie“ (weiblich) ansprechen, offenbar hüllen müssen. Man kann sich vorstellen, dass „echten“ Homosexuellen dergleichen zum In-den-Boden-versinken peinlich sein muss.

Im Publikum waren sie offenbar nicht vertreten, denn hier bejubelte ein volles Haus die beiden Darsteller schrankenlos. Da kann sich der Kritiker nur im paraphrasierten Grillparzer-Sinn seinen Teil denken – und lässt die anderen klatschen. Erlaubt ist, was gefällt?

Renate Wagner

 

 

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