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WIEN / Volkstheater: SUPERGUTE TAGE

13.06.2014 | Theater

Supergute Tage Szene x 
Fotos: Volkstheater /Christoph Sebastian

WIEN / Volkstheater:
SUPERGUTE TAGE oder
DIE SONDERBARE WELT DES CHRISTOPHER BOONE
Nach dem Roman von Mark Haddon,
Bühnenfassung von Simon Stephens
Premiere: 13. Juni 2014 

Im englischsprachigen Raum ist “The Curious Incident of the Dog in the Night-Time” von Mark Haddon ein Bestseller, bei uns rangiert der Roman so halb und halb unter den Kinderbüchern. Erzählt wird die Geschichte von Christopher Boone, der „fünfzehn Jahre, drei Monate und zwei Tage alt“ ist. Dass er das so genau weiß, ist kein Zufall: Wie alle Menschen, die mit dem so genannten „Asperger-Syndrom“ geschlagen sind (teilweise vielleicht auch gesegnet), hat er eine außerordentliche Begabung für Zahlen.

Aber er und seinesgleichen nehmen die Welt ganz anders wahr als die so genannten „normalen“ Menschen. Dem englischen Dramatiker Simon Stephens ist nicht nur gelungen, einen Roman auf die Bühne zu bringen. Er schafft es auch, dass der Theaterzuschauer die Welt mit den Augen dieses Jungen sieht, der immer „Warum?“ fragt und schon damit bei seiner Mitwelt aneckt.

Christopher Boone hat seine Geschichte niedergeschrieben: Seine Lehrerin Siobhan liest sie aus einem Schulheft vor – das ist die Rahmenhandlung, aus der sich Szenen aus dem Leben von Christopher entwickeln. Dabei wird klar, wie unfähig er zu konventionellem Normalverhalten ist. Ein Hund wird erschlagen. Seine Mutter ist verschwunden. Ereignisse, die sein unabdingbares Bedürfnis nach Ordnung und Klarheit herausfordern. Er bekommt heraus, wer den Hund ermordet hat und warum. Er erfährt, dass seine Mutter nicht tot ist. Am Ende steht die Hoffnung: „Ich werde Wissenschaftler.“ Dass er begabter ist als viele andere, steht außer Zweifel.

Dennoch ist Christopher doch „verhaltensauffällig“ anders als die anderen. Das könnte eine kitschige Außenseitergeschichte ergeben. Im Volkstheater war ein – wie es beim Verbeugen erschien – blutjunges Team am Werk, das zu verhindern. Matthias Kaschig erlaubt nirgends Sentimentalität. Die Bühne von Michael Böhler wirkt mit ihren Kacheln wie ein klinischer Raum, vermittelt das Gefühl, wie anders und auch bedrohlich Christopher die Welt erlebt. Wie surreal sich die Menschen benehmen, ist Zeichen für seine „Fremdheit“ unter ihnen. Wenn er nach London aufbricht, reichen ein paar Videos, um etwa die Schrecken eines U-Bahn-Schachts zu schildern. Das ist von minimalistischer Ökonomie. Hier siegt das Wissen, dass man auf eine solche Geschichte nicht noch „drücken“ darf.

Supergute Tage U Bahn x

Matthias Mamedof als Christopher spielt die Tragödie des Andersseins mit der größten Selbstverständlichkeit, leidet extrem, aber ohne Pathos aus seinem Wesen heraus. Wichtig für die Schilderung dieses „Falles“ – und zweifellos wird für diese „Krankheit“ um Verständnis geworben – ist die Differenzierung der Umwelt. Hier ist ein Vater (Patrick O. Beck), der bereit ist, sein ganzes Leben diesem Sohn zu opfern, mit Respekt und Verständnis und Liebe. Da ist eine Mutter (Martina Stilp), die ihn nicht weniger liebt, aber klar macht, dass sie mit den Verhaltensexzessen des Sohnes nicht zurecht kommt. Da ist die Lehrerin (Annette Isabella Holzmann), die einen Glücksfall darstellt, voll bereit, sich auf einen Menschen, der aus der Norm läuft, einzulassen.

Supergute Tage er x

Überhaupt wird hier nicht das obligate, tränendrückende Spiel vom Einsamen in der bösen Umwelt ausgereizt: Claudia Sabitzer und Thomas Bauer, die souverän und mit Lust an Verwandlung alle Nebenrollen spielen, zeigen sich schon als Vertreter einer „fortgeschrittenen“ Gesellschaft, die gelernt hat, Außenseiter nicht a priori auszugrenzen, zu verspotten und zu demütigen. Dennoch haben es die „Aspies“ schwer genug – vor allem, wenn sie nicht so begabt sind wie dieser Christopher Boone.

Das Publikum ließ sich voll auf den Abend ein, stürmischer Beifall, vor allem Matthias Mamedof hat Außergewöhnliches geleistet.

Heiner Wesemann

 

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