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WIEN / Volkstheater: RATGEBER FÜR DEN INTELLIGENTEN HOMOSEXUELLEN…

16.02.2013 | Theater

WIEN / Volkstheater:
RATGEBER FÜR DEN INTELLIGENTEN HOMOSEXUELLEN ZU KAPITALISMUS UND SOZIALISMUS MIT SCHLÜSSEL ZUR HEILIGEN SCHRIFT von Tony Kushner
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 15. Februar 2013

Vor 30 Jahren war „Angels in America“ von Tony Kushner das Stück der Stunde – die Seuche Aids in einer Welt intellektueller Homosexueller, eingebettet in seine Analyse einer gnadenlosen Reagan-Welt, ein Psychogramm der damaligen USA. Die intellektuellen Homosexuellen spielen auch in Kushners jüngstem Stück von 2009 eine große Rolle. Dennoch ist „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ alles andere als das Stück zur Stunde. Weit eher abgestandene Nostalgie, die uns nicht erreicht.

Rein äußerlich ist es eine bis zum Exzess getriebene Familiengeschichte. Vor allem aber sollen in diesem Rahmen „Werte“ diskutiert werden. Bzw. die Umwertung aller Werte, die einen einst glücklich „kämpfenden“ Kommunisten in einer glatten Kapitalismus-Welt heimatlos hinterlassen hat. So, wie noch immer Leute der „guten alten DDR“ nachweinen, so ist Hauptperson Gus – eigentlich Augusto Giuseppe Garibaldi Marcantonio und für einen handfesten Italiener geradezu jüdisch-intellektuell – tränenfeucht auf der Suche nach dem verlorenen Glanz der Gewerkschafter-Zeiten. Er will sich zwar, wie er seiner Familie verkündet, umbringen, weil er Alzheimer auf sich zukommen sieht – tatsächlich aber ist es die ideologische Verzweifelung eines Mannes, der gegen und für nichts mehr kämpfen kann.

Kushner setzt das Stück 2007 an, und schon damals war die Position des alten Helden wohl mühevoll altbacken. Abgesehen davon ist dieser Gus als Hausbesitzer in Brooklyn selbst ein halber Kapitalist und als Horaz-Übersetzer  eindeutig ein Intellektueller und als solcher weit von den Proletarier-Wurzeln entfernt, von denen er so schwärmt. Zumindest zieht sich das als ironisches Element durch den Abend. Und weil Erich Schleyer den Alten gänzlich unheldenhaft spielt, in seinem Zwiespalt auch komisch und von einer entsetzlichen Familie quälend eingekreist, genießt er die Sympathie des Publikums.

Das gilt auch noch für seine Schwester: Inge Maux, sonst oft so unwiderstehlich komisch, gewinnt hier ernsten, fast tragischen Umriss als Frau, die offenbar allen Ideologien von Moses bis Mao auf den Leim gegangen ist.

Die Schicksale seiner drei Kinder sind verwirrend und setzen sich im Lauf der Geschehens mühsam zusammen: Kushner hat im Programmheft eine langwierige Familien-Chronik seiner Marcantonios geliefert, und man tut gut daran, sich vor der Vorstellung durch die wilden Ereignisse des „Was bisher geschah“ zu arbeiten: Man hat es dann mit dem „Durchblick“ leichter.

Homosexualität wird immer eines von Kushners zentralen Themen sein, hier behandelt er es an den Beispielen des ältesten Sohn und der Tochter gleich von beiden Seiten. Hans Piesbergen spielt Pill, den Geschichtsprofessor, der in einer verzweifelten Bindung mit Paul (Ronald Kuste kämpft um die Beziehung) lebt und sich in einen miesen, fiesen Strichjungen verliebt, der ihn manipuliert und ausnimmt: Robert Prinzler hat damit die schwierigste Rolle des Stücks.

Claudia Sabitzer ist die Tochter mit dem vielsagenden Nickname „Empty“ (leer), die von der Krankenschwester zur Anwältin wurde und mit ihrer Lebensgefährtin Maeve (Martina Stilp mit Riesenbauch und am Rande des Nervenzusammenbruchs) ein Kind erwartet. Als ob es in der Familie nicht schon genügend Verstrickungen gäbe, stellt sich heraus, dass der andere Bruder Vito – Roman Schmelzer schreit besonders viel Frust aus sich heraus – den Samen nicht „künstlich“, sondern auf natürliche Art „gespendet“ hat. Aber schließlich geht ja auch Empty von Zeit zu Zeit mit ihrem Exgatten (Patrick O. Beck) ins Bett. Mit dabei ist noch Vitos Gattin (Nina Horváth), die dem Alt-Kommunismus des Schwiegervaters die Nordkoreaner entgegen setzt…

Einen unheimlichen Auftritt am Ende hat Nanette Waidmann als Sterbehelferin, aber  der Autor lässt die Gnade walten , den Tod des Patriarchen letztendlich als Frage in der Luft hängen zu lassen.

Die Inszenierung von Elias Perrig bezieht ihre größte Stärke aus dem bühnenfüllenden Riesenhaus, das Wolf Gutjahr  auf die Drehbühne gestellt hat und das dem Geschehen von sich aus Dynamik verleiht. Die Schwäche der Inszenierung besteht darin, dass das Überlappen vieler Szenen nicht nahtlos gelingt. Vor allem aber sind viele Darsteller einfach akustisch nicht verständlich, möglicherweise Opfer des auferlegten Tempos. Das ist natürlich auch das Ergebnis dessen, dass Tony Kushner zu viel in sein Stück hineingestopft hat. Dabei dauert die stark gestrichene Wiener Aufführung nur knapp drei Stunden – in den USA soll es eine mehr gewesen sein. Nicht auszudenken.

Heiner Wesemann

 

 

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