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WIEN / Volkstheater: MARIA STUART

21.12.2013 | Theater

 

Maria Stuart Eckert xx  Maria Stuart Stilp xx
Fotos: Volkstheater / Gabriela Brandenstein

WIEN / Volkstheater: 
MARIA STUART von Friedrich Schiller
Premiere: 20. Dezember 2013 

Wenn eine Aufführung von Friedrich Schillers „Maria Stuart“ knapp zwei Stunden (Pause inklusive) dauert, ist das vom Inhalt her bestenfalls das halbe Stück. Sieht man, was Regisseur Stephan Müller auf die Bühne des Volkstheaters gebracht hat, flattern die Ideen: „Schiller im Schnelldurchlauf“? „Szenen aus Maria Stuart“? „Was Sie schon immer über  Maria Stuart wissen wollten, leicht gekürzt“? „Best of Schiller“? „Schiller leicht gemacht“? „Kurz und gut: ein bißchen Maria Stuart“?

Maria Stuart Buehne x

In vielen Worten gesagt: Es ist wenig. Es ist in jeder Hinsicht das Skelett eines großen politischen und psychologischen Dramas. Auf leerer Bühne, deren neutrale Hintergrundwand sich verschieben lässt: Bühnenbild Michael Simon. Die Herren im Alltagsanzug, teils töricht, Graf von Leicester groß kariert, Mortimer ganz rot. Immerhin erlesener Geschmack für die Damen, da bleibt Kostümbildnerin Birgit Hutter den beiden Hauptdarstellerinnen nichts schuldig, sie dürfen schön sein und auf bezeichnende Art parallel: Keine von ihnen hat Mühe, ihre schlanke Erscheinung in das im Prinzip gleich geschnittene, lange, fließende Kleid mit rundem Ausschnitt und langen Ärmeln zu gießen, Elisabeth in Silbergrau, Maria in Dunkelblau, hoch elegant. Wenn sie in dem hier nicht vorhandenen Wald aufeinander prallen, bekommen sie noch Mäntel. Sehr edel anzusehen.

Auf diesen Schauspielern ruht alles, denn mehr hat Stephan Müller dem Stück nicht gelassen – kein Ambiente, keine Atmosphäre, keinen Funken greifbare Realität. Allein gelassen mit Teilen ihres Textes, die oft so lapidar sind, dass die psychologische Entwicklung nicht stattfindet und der politische Kontext minimal-lapidar wirkt, versuchen sie, etwas von dem zu vermitteln, was Schiller geschrieben hat – ein bisschen mehr als den Kampf zweier starken Frauen. Aber am Ende kann man froh sein, wenn man wenigstens das gesehen hat. Damit kein Missverständnis entsteht: Niemand reklamiert jetzt die – von dem Historiker Schiller bemerkenswert treulich gezeichnete – historische Haupt- und Staatsaktion aus der Welt Elizabeths I. Aber ein bisschen mehr als rabiate Damen hätte es schon sein können…

Martina Stilp bekommt nun langsam die Rollen, um derentwillen sie wohl von Graz nach Wien ans Volkstheater gezogen ist: Als Maria Stuart steht sie von Anfang an hoch gespannt auf der Bühne. Die empörte Gefangene ist wütend und sagt das ihrem Kerkermeister. Die Spannung muss sie durchhalten, bis sie nach ihrer schwerst gekürzten Szene vor ihrem Tod (man dachte nicht, dass Schauspielerinnen sich so etwas gefallen lassen), wo sie keinerlei Ansprechpartner hat, in königlicher Ruhe und Würde hinwegschreiten darf. Was sie zwischendurch nicht spielen konnte, weil es nicht da ist – davon will man gar nicht reden.

Maria Stuart beide x

Es muss für Andrea Eckert, die vor 21 Jahren, im September 1992, an diesem Haus die Maria Stuart war, ein schönes Gefühl sein, hier die Elisabeth zu spielen. Optisch so schlicht, wie vermutlich selten eine Schauspielerin in dieser Rolle auf der Bühne stehen musste, wo der Gegensatz der Königinnen sich immer aus dem erkennbaren Unterschied gespeist hat – aber jenes tragische Überdrüber, das jedes Gemälde der in allem „überladenen“ (Gewand, Frisur, Schmuck) originalen Elizabeth I. spiegelt, findet hier nicht statt. Nur dass sie, im Gegensatz zu Marias schwarzem Langhaar, auf ihrem andeutungsweise rötlichen Haar ein paar Locken zeigt. Der Gegensatz der Frauen als Frauen, in der Wirklichkeit so wichtig wie bei Schiller, wurde durch ihre hier programmierte Ähnlichkeit als Thema überhaupt weggewischt. Dennoch muss Andrea Eckert (und sie tut es souverän) so differenziert, wie ihre Textreste es ermöglichen, mehr die Unsicherheit der Privatperson als die von Schiller genial gezeichnete Tücke und Raffinesse der Politikerin ausspielen. Wenn sie am Ende allein ist, ganz allein, dann ahnt man etwas von der Größe des Schillerschen Originals.

Eindimensional schlicht fallen die Herren aus, wobei man einen Totalausfall zu verzeichnen hat: Jan Sabo als rot gewandeter Mortimer ist nicht nur ein miserabler Sprecher, sondern auch eine unfreiwillige und peinliche Lächerlichkeit. Bei Günter Franzmeier als Leicester hegt man dagegen den Verdacht, dass der knieweiche Schwächling absichtlich ebendieser Lächerlichkeit preisgegeben wird. Die anderen Herren spielen glattweg die Klischees ihrer Rollen, ohne irgendwelche Differenzierung: Erwin Ebenbauer (Talbot) den hölzernen „guten Menschen“, Patrick O. Beck (Burleigh) den brutalen und lustvollen Machtpolitiker, Roman Schmelzer (Davison) das unschuldige Opfer der Machinationen der Mächtigen, Alexander Lhotzky (Paulet) den aufrechten, aber harten Gefängniswärter, Rainer Frieb (französischer Gesandter) die nötige Nebenfigur. Im übrigen hat sich der Regisseur eine Schar von „Trabanten“ ausgedacht, junge Männer in schwarzen Gewändern, die zu Beginn des Stücks irgendwelche asiatische Kampfsportarten zu pflegen scheinen und wie eine Art „Chor“ agieren: Welch schmaler Ersatz für alles, was es sonst nicht gibt.

Aber wer es nicht besser weiß, ist bald mit etwas zufrieden – oder man lässt sich mit zwei sehr guten Schauspielerinnen abspeisen: Das Publikum applaudierte so heftig, als hätte es eine vollgültige „Maria Stuart“ gesehen. Dabei war es die Kurzversion des Medienzeitalters, die den Anschein erweckt, jetzt wüsste man Bescheid. Super.

Renate Wagner

 

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