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WIEN / Volkstheater: KINDERTRAGÖDIE

05.03.2014 | Theater

Kindertragoedie 1 Raum x 
Fotos: Volkstheater /Marko Lipuš

WIEN / Volkstheater / Schwarzer Salon: 
KINDERTRAGÖDIE von Karl Schönherr
Premiere: 14. Februar 2014
Besucht wurde die Vorstellung am 5. März 2014

Ein falsches Image, das nicht ausreichend hinterfragt wird, und schon bringen sich Österreichs Theater um einen ihrer besten Dramatiker. Wer „Karl Schönherr“ sagt, denkt fälschlich „Grund und Boden“, was vom Zeitgeist nicht geschätzt wird, weil man es früher als Klischee zu gerne sah. Und es bedarf dann schon eines Kusej, damit man wenigstens den „Weibsteufel“ spielt, eines der „einfachsten“ Stücke des Autors, wenn auch sicher eines der besten. Darüber hinaus interessiert man sich für ihn wenig.

Umso höher ist zu schätzen, dass das Volkstheater zu einem von Schönherrs kleinen, konzentrierten Meisterstücken greift, wobei diese „Kindertragödie“ von 1918 „Heimvorteil“ hatte, wurde sie doch in diesem Haus, damals noch das „Deutsche Volkstheater“, 1919 uraufgeführt. Nun ist sie „unters Dach“ gewandert, in den so genannten „Schwarzen Salon“, der nur wenige Zuschauer fasst, aber doch mehr, als an diesem Abend gekommen waren. Theaterinteressierte sollten die Gelegenheit nicht vorbei gehen lassen, das Stück kennen zu lernen  – denn die Aufführung, die der aus Heidelberg stammende Philip Jenkins geschaffen hat, ist wirklich in hohem Maße bemerkenswert.

Zwar versucht er anfangs durch vereinzelt hinzugefügte Texte einen „modernistischen“ Einstieg zu finden, zwar ist der Bühnenraum seltsam-sinnlos mit billigem Mobiliar vollgestopft (Sabine Ebner), zwar muss der ältere Bruder die längste Zeit mit einem Dia-Projektor herumspielen – aber sobald die „richtige“ Handlung einsetzt, wird das alles irrelevant und alles fügt sich richtig. Auch sprachlich, wobei  man zwar nicht das originale „dicke“ Tirolerisch pflegt, aber doch eine so eingeschliffene Form, dass das Kolorit erhalten bleibt, die Verständlichkeit nie in Frage gestellt ist und die Darsteller vor allem die nötige Selbstverständlichkeit im Sprachlichen erreichen können.

Drei Kinder, zwei Buben, der Franzl ist 15 und der Liebling der Mutter, Hans ist 18 und will sich erwachsen fühlen, zwischen ihnen die 16jährige Liesl, die schon Verehrer abweisen muss. Eine ganz normale Geschwisteraufstellung innerhalb einer offenbar ganz normalen Familie, die gar nicht im Förstermilieu spielen muss, auch anderswo kann die Bindung an durchaus bewunderte Eltern stark sein. Was Schönherr aufzeigt und Jenkins so überzeugend zu uns herholt, ist das Leiden der Kinder, wenn der Bund der Eltern auseinander bricht – jeder Anwalt, jeder Psychologe könnte beim Thema von „Scheidungskindern“ den Dichter konsultieren.

Ungemein genau spürt Schönherr nach, wie jungen Menschen der Boden unter den Füßen wankt, wenn man sich auf nichts mehr verlassen kann, wenn die Mutter nicht mehr die bewunderte, liebevolle Frau ist, wenn man am Vater zweifelt, der möglicherweise angesichts des Seitensprungs der Mutter wegschaut. Jeder reagiert anders, und nicht jeder kann damit fertig werden, dass die Welt zusammen gebrochen ist…

Kindertragoedie 3 die drei 2 x

Die Darsteller des Volkstheaters sind bemerkenswert. Dabei sind alle drei „erwachsen“, keine Jugendlichen, das ergibt einen Verfremdungseffekt, der dem Stück gut tut und seine Allgemeingültigkeit noch deutlicher herausarbeitet. Man hätte zwar vielleicht einen jungen Burschen finden können (die Schauspielseminare platzen ja vor Aspiranten?), aber wenn man Annette Isabella Holzmann sieht, wünscht man sich nichts anderes als zuzusehen, wie sie diesen kleinen, noch kindhaften Franzl und sein überbordendes Leid am Verlust der Mutter zeichnet. Andrea Bröderbauer entwickelt aus der braven Tochter eine Aufmüpfigkeit, die aus ihrer Erkenntnis des „schlechten Vorbilds“ erwächst – und auch Roman Schmelzer als älterer Bruder weiß nicht, wie er ohne den Glauben an die Menschen, ohne die Parameter vorgegebenen „richtigen“ Tuns selbst handeln soll. Als er das Gewehr hebt, hat Schönherr seinen Charakter ganz genau gezeichnet – so dass man weiß, dass er auf den Liebhaber der Mutter nicht schießen wird. Einen Toten gibt es dennoch…

Eine starke Stunde unter dem Dach des Volkstheaters. Nichts wie hin!

Renate Wagner

 

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