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WIEN / Volkstheater: KINDER DER SONNE

27.04.2012 | Theater

Patrick O. Beck, Heike Kretschmer

WIEN / Volkstheater: 
KINDER DER SONNE von Maxim Gorki
Premiere:  27. April 2012 

Maxim Gorki hat mit seinen „Kindern der Sonne“ 1905 nichts anderes geschrieben als eine Geschichte des Untergangs, den er geradezu prophetisch beschwor: Der Wissenschaftler ein versponnener Idealist, der Künstler ein auf andere Art in sich versponnener Egozentriker – und keiner merkt so recht, was „draußen“ vorgeht. Damals brauchte man nicht lange zu warten: 1917 ist es dann passiert, die Revolution hat nicht nur den Adel, sondern auch die „Intelligenz“ weggefegt, so sie sich nicht rechtzeitig auf Seiten der Revolutionäre gestellt hat… Prophet Gorki wusste schon Jahrzehnte davor die Ursachen dessen, was da kommen musste.

Da die Meinung heutiger Regisseure ausschließlich darauf abzielt, dass uns die Vergangenheit nichts angeht, muss alles mit Krampf aktualisiert werden – was nicht passt, wird passend gemacht. Im schlimmsten Fall so, wie es der „Nachwuchsregisseur des Jahres 20122“, Nurkan Erpulat, im Volkstheater tut. (Verbeugung in grüner Jogging-Hose ist in diesem Zusammenhang sehr einleuchtend.) Man lasse einmal Gorki und seine interessante Gesellschaftsanalyse ganz beiseite und ersetze sie durch szenisches Chaos und jede Menge Willkür. Das wirkt auf jeden Fall „modern“ und „zeitgemäß“, da kann nichts passieren…

Dass der Regisseur heftig gestrichen hat, ist in Ordnung, es gibt Nebenfiguren, ohne die man leben kann, zumal der Ansatz hier ja alles andere als realistisch ist. Dass Hauptfigur Protassow, der versponnene Chemiker, nun ein Biochemiker ist, weil man mit veränderten Nahrungsmitteln (und in der Folge: Menschen) deutlicher in die Gegenwart zielen kann, macht auch nichts aus. Aber was die Geschichte, in der es auch stark um (tragische, lächerliche, verquere, vergebliche) menschliche Beziehungen geht, hier erzählen soll, bleibt völlig unklar.

Das szenische Chaos, das durch das Bühnenbild von Magda Willi (heutig-häßliche Kostüme: Pieter Bax) entfesselt wird, steht für den Abend. Die Bühnenarbeiter sind (als Volk?) auf der an sich leeren, aber voll gemüllten Bühne stets präsent, ein Tisch darf hier nicht auf vier Beinen stehen, das wäre langweilig und konventionell, er muss von zwei Bühnenarbeitern gehalten werden. Wenn diese – Achtung: Pointe! – ihre Pause einfordern und sich Zigaretten anzünden, steht das Geschehen einmal kurz still. Dafür ist es bei anderen Gelegenheiten so hektisch und laut, dass man kaum weiß, wohin man sehen soll: Es sind ja sozusagen meist alle gleichzeitig auf der Bühne, auch wenn sie gerade nicht mitspielen. Und die Darsteller brechen wohl auch in einen Chor aus, um bald in der Dissonanz zu enden: Symbolik?

Ja, und die Seile, mit denen die Herren Bühnenarbeiter (später „Revolutionäre“) die von den Decken hängenden Lüster festhalten, lassen sich dann auch dazu verwenden, einen Selbstmörder baumeln zu lassen. Wofür man freilich Lüster braucht, wenn sonst faktisch nichts Substanzielles da ist… aber wer bei Inszenierungen dieser Art die Sinnfrage stellt, ist bekanntlich selbst schuld.

Nurkan Erpulat hat sich um Gorkis Figuren so gut wie nicht gekümmert – er erlegt den Schauspielern schreckliche, vordergründige und spekulative Zuckungen auf, die sie zu bloßen Erfüllungsgehilfen einer Inszenierung, nicht aber zu greifbaren Figuren machen. Kein Wunder, wenn da gleich die zentrale Gestalt verloren geht: Patrick O. Beck ist als Protassow so gut wie nicht vorhanden. Heike Kretschmer als seine Gattin Jelena dafür umso mehr – niemand muss mehr ziellosen Unsinn vorspielen als sie. (Nebenbei gesagt: Nun ist sie seit Beginn der Ära Schottenberg im Ensemble, und niemand hat ihr je die nötigen Nachhilfestunden auferlegt, die sie von ihrem S-Fehler und ihrer extrem unsauberen Sprechweise befreien würden.) Nanette Waidmann wirkt nun wahrlich nicht wie eine filigrane Kranke, das ist eine schon vom Typ her gänzlich verkehrte Besetzung, zumal man ihr die tragische Sinnsuche nicht glaubt. Und schrecklich die Schmiere, die Alexander Lhotzky als Schlosser Jegor, der primitive Mann aus dem Volke, da abziehen muss. Günther Wiederschwinger als „Kapitalist“ ist eine Nullnummer in dieser Spezies Mensch.

Etwas besser geht es mit Günter Franzmeier als rücksichtslosem Künstler, Simon Mantei als skeptischem Tierarzt, vor allem aber mit Claudia Sabitzer, die sich als waidwunde Seele lächerlich macht, und Inge Maux, die als alte Dienerin nie die Erdung verliert – ein Mensch, ein wahrer Mensch unter vordringlich zappelnden Marionetten.

Am allerschlimmsten: Das alles ist so grottenlangweilig wie uninteressant. So kurz können die 110 Minuten des pausenlosen Abends gar nicht sein, dass sie nicht länger wirken als der „Ring des Nibelungen“ in einem Stück. Schlechtem Theater zusehen zu müssen, tut immer weh.

Freilich hat der spekulative Gewaltakt dieser Inszenierung bei einem Teil des Publikums durchaus sein Ziel erreicht: Es wurde geklatscht, als hätte man einen Abend von Bedeutung und nicht einen ärgerlichen, quälenden, faden Bluff gesehen.

Renate Wagner

 

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