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WIEN / Volkstheater: JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN

18.02.2012 | Theater

 

WIEN / Volkstheater: 
JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN
von Martin Sperr  
Premiere:  17. Februar 2012  

Wer alt genug ist, sich sehr lange zurück zu erinnern, der weiß noch, was es in den späten sechziger, frühen siebziger Jahren bedeutet hat, als Stücke von Autoren wie Martin Sperr oder Franz Xaver Kroetz auf den Bühnen erschienen, meist im bäuerlichen Milieu angesiedelt, aber jedes volkstümliche Theater im bekannten Sinn nicht nur spottend, sondern geradezu höhnend und demolierend. Die „Jagdszenen aus Niederbayern“ von Sperr, 1966 uraufgeführt, 1974 erstmals in Wien (schon damals im Volkstheater), waren eine solche Ohrfeige in das Gesicht eines bürgerlichen Publikums. Ein niederbayerisches Dorf als Vorhof der Hölle, wo jeder jeden zu Tode jagt.

Eine der Lieblingsformulierungen bei der Wiederaufnahme von Stücken, die – wie dieses – viele Jahrzehnte auf dem Buckel haben, besteht in der Feststellung, es habe sich im Grunde nichts geändert. Es ist allerdings zu hoffen, dass auch dörfliche Gesellschaften, die sich durch ihre notgedrungene Enge auszeichnen (weil einfach jeder jeden kennt und nichts anderes zu tun hat, den lieben Nächsten zu beobachten), inzwischen etwas toleranter und aufgeschlossener geworden sínd. Sperr siedelt ja sein Stück noch 1948 an, in der wirtschaftlichen Not der unmittelbaren Nachkriegszeit. Und in einer Welt, wo die eigene sexuelle Gier unter den Tisch gekehrt, aber die Sexualität der anderen (zumal die als „abweichend“ bezeichnete Homosexualität) gnadenlos verfolgt wird. Da sollten die Ansichten mittlerweile etwas liberaler sein.

Grundsätzliches mag noch stimmen: Dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, sich innerhalb einer Gemeinschaft (ist es nicht das Dorf, dann ist es halt die Firma, in der man arbeitet, oder die Familie oder der Freundeskreis) einen Platz zu erobern – und dass viele Menschen zu sehr vielem bereit sind, diesen zu erringen und zu halten. Und natürlich die Erkenntnis, die man auch schon bei Nestroy findet und die dem heutigen politischen Bewusstsein so widerspricht: Dass die „Armen“, die „Ausgegrenzten“, die „Verfolgten“ keineswegs notwendigerweise die Guten, Edlen und still Leidenden sind, sondern in ihrem Verhalten zu genau solchen Gemeinheiten greifen wie jene, deren Zielscheibe sie sind…

Regisseurin Schirin Khodadadian, die deutsche Regisseurin mit dem armenischen (?) Namen, verzichtet auf bäuerliches „Milieu“ und das Ausspielen eines atmosphärischen Realismus. Hugo Gretler stellt eine nüchterne Allzweck-Einraum-Bühne hin, die aus Versatzstücken der Schäbigkeit besteht und folglich ziemlich heutig wirkt (ebenso wie die Kostüme von Carolin Mittler nicht die Nachkriegszeit historisieren). Ein interessantes Detail sind allerdings die glänzenden, fast durchwegs hochroten Gesichter der Beteiligten – ungeschönte Menschen in der Hitze, zu keinerlei Attraktivität hochgeschminkt (mit Ausnahme der einzigen Figur dieser Art, der jungen Frau, die sich als Fabriksarbeiterin den Dörflern haushoch überlegen fühlt – am Rande, aber präsent: Nina Horváth).

Das Geschehen verläuft solcherart zwar gewissermaßen skelettiert, aber ohne Schonung, auch dann, wenn es darum geht, auf der Bühne Beischlaf zu vollziehen oder sich in der Metzgerei zu ergehen (tatsächlich herrscht die ganze Zeit im Zuschauerraum ein penetranter Salmiak-Geruch, der die Vermutung nahe legt, dass da oben mit echten Ingredienzien agiert wird). Geifernd rotten sich jene zusammen, die sich als die „Guten“ begreifen und sich als die Üblen desavouieren (wobei Sperr jeden positiven Gegenpol schuldig bleibt – vermutlich weil er meinte, dass es ihn nicht gibt): die selbstgefälligen Weiber (Heike Kretschmer als Metzgerin, Wiltrud Schreiner als Taglöhnerin) und die aggressiven Männer (Patrick O. Beck als Knecht), die können heftig schmähen, und meist schließt sich der Totengräber mit dem sprechenden Namen Knocherl ihnen an (Günther Wiederschwinger) – nur als Letztgenannter einmal wagt, dem Pfarrer (salbungsvoll-hinterfotzig: Alexander Lhotzky) mit ein paar Gedanken darüber zu kommen, dass vielleicht auch das Schlechte auf der Welt von Gott kommen könnte, da wird er auf die einfachste Art und Weise mundtot gemacht: Wenn er seinen Job behalten will, zieht er sich am besten ganz schnell auf den schweigenden Glauben zurück… Der Bürgermeister (Erwin Ebenbauer) vergattert alle am liebsten zur Ruhe – unheimlich das „gesellige Beisammensein“ der „braven“ Überlebenden, die am Ende im Chor ein flottes Volkslied singen und das Publikum starr zurücklassen…

Davor allerdings haben sie ihre Außenseiter gejagt und zumindest teilweise erlegt: Die Witwe Maria, deren Mann noch nicht für tot erklärt ist (Martina Stilp in hektischer Suche um Boden unter den Füßen), wagt es dennoch, schon mit ihrem Knecht Volker zusammen zu leben: Besser ein halb lahmer Mann als gar keiner (und Günter Franzmeier macht klar, wie viel ihm durch den Kopf geht, wenn er sich an diese Frau hält, auch wenn ihn die Dorfhure natürlich aufreizen kann). Dazu kommt der halb debile Sohn (Robert Prinzler), der natürlich auch potentielles Opfer aller ist (auch der Mutter!) und sich wütend wehrt. Immerhin, diese Maria und ihr Volker schaffen es am Ende, zur Dorfgemeinschaft vorzustoßen, in die „Respektabilität“ des Akzeptiertseins – dass der Sohn Selbstmord begangen hat, hilft natürlich sehr…

Nicht geschafft hat es Abram, der Homosexuelle (hervorragend: Simon Mantei), der nicht weiß, wie er unter dem allgemeinen Druck überhaupt existieren soll, nicht geschafft hat es die Dorfdirne Tonka (vital: Nanette Waidmann), die unter seinen Händen stirbt, als sie ihre verzweifelten Provokationen zu weit treibt, nicht schafft es auch die Taglöhnerin Barbara, Abrams Mutter (Claudia Sabitzer, an diesem Abend leider mit einem eklatanten Mangel an rein sprachlicher Verständlichkeit), die diesen Sohn viele Male verleugnet, nur um die eigene Existenz zu sichern, und dennoch ausgestoßen wird, als man ihn als Mörder endlich im wahrsten Sinn des Wortes „jagen“ kann…

Der Menschheit ganzer Jammer packt einem an diesem Abend an, und es soll (dies eine Information aus privater Hand) Direktor Schottenberg selbst zu verdanken sein, dass die Aufführung nur eineinhalb pausenlose Stunden dauert – viel länger hätte man es in diesem menschlichen Elend ohnedies nicht ausgehalten. Und so ausgezeichnet die Aufführung auch ist (die die ausgestellte, spekulative Geilheit des Sozialpornos meist umschifft), stellt sich doch die Frage nach der Nutzanwendung dieser Stücke: Die Leute, die hinein gehen, sehen nichts, was sie nicht wüssten und ihren Mitmenschen leider zutrauten. Und diejenigen, die von diesem Spiegelbild vielleicht erschüttert oder geläutert (?) würden… wann wären die je ins Theater gegangen?

Renate Wagner

 

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