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WIEN / Volkstheater: IWANOW

19.03.2016 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Volkstheater / lupispuma

WIEN / Volkstheater:
IWANOW von Anton Tschechow
Premiere: 18. März 2016,
besucht wurde die öffentliche Generalprobe am 17. März 2016

Vorbemerkungen, die nicht unbedingt mit der Kritik zu tun haben.
Erstens: Das hat man davon, wenn man unbedingt einmal – ohnedies ausnahmsweise, weil man als Kritiker überzeugter Premierenbesucher ist – in die Generalprobe gehen muss, aber wenn die Volkstheater-Premiere von „Iwanow“ mit der Theater an der Wien-Premiere von „Agrippina“ zusammen fällt, die sich kein Opernfreund entgehen lässt… Und das Volkstheater ist großzügig, gibt eine Pressekarte für die öffentlich (um den halben Preis) verkaufte Generalprobe des Abends, mit dem Hinweis, dass man erklärt, man sei nicht in der Premiere gewesen. Eh klar. Alles bestens. Oder was?
Da tritt nämlich der kaufmännische Direktor vor den (nicht vorhandenen) Vorhang und muss leider verkünden, dass der Schauspieler Günther Wiederschwinger, der den Steuereinnehmer Kossych spielen sollte, erkrankt ist. Er würde nicht ersetzt, sein Text sei auf die Darsteller verteilt…
Das ist toll. Bevor da jemand dumm herumsteht und aus dem Büchl liest, wird die Figur gestrichen bzw. irgendwie umverteilt, und das sozusagen am Tag vor der Premiere. Ein Kunststück. Noch dazu: Es geht dem Zuschauer nichts ab. Bei „Drei Schwestern“ oder „Der Möwe“ könnte man das nicht so leicht machen, die wurden auf und ab gespielt, die kennt man. Aber „Iwanow“, Tschechows Frühwerk? Den hatten wir in Wien 1965 (! Damals inszenierte Benning im Akademietheater) und dann noch einmal 1990 (das war im Akademietheater eine Zadek-Inszenierung mit Voss und Winkler). Lang ist’s her.
Kurz, der Steuereinnehmer ging nicht ab, man wird die Aufführung auch ohne ihn bewerten können. Was bei der Premiere geschah, ob der Darsteller gesundet war, ob man das Kunststück wiederholte, entzieht sich (weil „Agrippina“-mäßig beschäftigt) meiner Kenntnis.

Zweitens: Anna Badora hat getan, was die meisten Theaterdirektoren tun, so anfechtbar es auch sein mag. Auch sie schleppt ihr ganzes Gepäck mit, in diesem Fall das Grazer – so wie uns Peymann mit Bochum beglückt hat (und wie letztendlich auch Vorgänger Schottenberg mit ganz neuen Leuten kam und jene von Emmy Werner größtenteils verschwanden): Im Prinzip ist einzusehen, dass man mit denen, die man kennt und schätzt, weiterarbeitet. Aber zerschlagen werden dabei ganze Ensembles – und wenn man hier die verbliebenen Oldies (man kann sie an weniger als den Fingern einer Hand abzählen!!!) sieht, wie herausragend exzellent etwa Günter Franzmeier ist und wie andere, die genau so gut waren, jetzt engagementlos herumirren – dann fragt man sich eigentlich, wie berechtigt diese Kahlschläge sind.

Egal, was man nicht ändern kann, muss man hinnehmen. Immerhin hat Anna Badora „ihren“ in Graz bewährten ungarischen Regisseur Victor Bodo mitgebracht und damit ein halbes Jahr nach ihrem Amtantritt in ihrem Volkstheater die erste Inszenierung gezeigt, die wirklich bemerkenswert ist. Das fällt aber schon in den Bereich „Kritik“.
Interessant ist bei diesen Vorbemerkungen vielmehr, dass der „Iwanow“ mit ungarischen Übertiteln gespielt wird. Erwartet man wirklich in jeder Vorstellung Hundertschaften ungarischer Fans, die hier nach Wien kommen, um die Inszenierung eines Landsmannes zu sehen? Die Grazer werden ja kommen, zumindest einige (in den Leserbriefen des „Standard“ angekündigt), aber so viele Ungarn, dass man das Stück für sie übertitelt? Nun ja, willkommen, bloß: Es ist der alte Fall, dass man Hellgrau auf Dunkelgrau eigentlich so gut wie nie lesen kann. Der Wiener Theaterbesucher braucht es ja auch nicht, könnte man sich sagen. Bloß, aus unerfindlichen Gründen lässt Bodo den Titelhelden seine letzten Worte auf Ungarisch (!) sprechen. Da ist die Übertitelung dann Deutsch. Nur nicht lesbar.
Ich weiß, es tut mir leid, jetzt wirklich nicht, was uns Iwanow da verkündet hat – zudem Bodo das Stück ja dermaßen zurecht gebogen hat, dass es am Ende wohl kaum noch mit dem Original zu tun hat.

Ungarisch also. Merkwürd’ger Fall.

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„Iwanow“, einer der frühen dramatischen Versuche Tschechows, 1887 schnell und aus dem Herzen hingeschrieben, „seine“ Themen schon, von denen so viele wiederkommen. Die „Langeweile“ als Synonym für das leere Leben, das der Einzelne nicht füllen kann, wenn er (so würde man nach heutiger Sicht diagnostizieren, und Tschechow war Arzt) in eine ganz tiefe Depression fällt, aus der er sich nicht selbst am Schopf herausziehen kann. Andere seiner Themen sind der Geiz der Reichen, der hier ganz stark mitspielt. Der Reigen der Figuren, die Tschechow beschwört, das Leben der Gutsbesitzer auf dem Lande, die einen besser, die anderen viel schlechter gestellt, ist gleicherweise typisch für ihn und gelungen.

Warum funktioniert „Iwanow“ nicht wie die „großen Vier“ aus Tschechows Feder, sein spätes Meisterquartett (Die Möwe 1895 / Onkel Wanja 1896 / Drei Schwestern 1901 / Der Kirschgarten 1903)? Weil er sich inhaltlich zerfranste und zerfaserte, einfach noch nicht so viel vom „Theater“ verstand wie später.

Aber es scheint, das gewisse Chaos des „Iwanow“ käme dem jungen ungarischen Regisseur Victor Bodo (er ist noch keine 40) sehr recht. Es ist das, was er an dem Stück inszeniert – Menschen, die herumwanken und sich in ihrem Leben nicht auskennen. Und er zieht die Schraube immer ärger an, bis zu einem gänzlich von jeglicher Realität abgehobenen „Totentanz“ am Ende…

Optisch ist man voll hässlich in der Sowjetzeit (Bühne Lőrinc Boros, Kostüme Fruzsina Nagy), was schon deshalb nicht ganz stimmt, weil eine kapitalistische Ökonomie hier eine zu starke Rolle spielt, die sich mit dem realen Sozialismus, der von diesen hässlichen Bänken ausgeht, nicht verbinden lässt. Ein Einheitsbühnenbild außerdem, ungeachtet verschiedener Schauplätze. Aber das ist Theater, das geht. Zu Beginn klopft Iwanow in eine dieser kleinen Reiseschreibmaschinen. Mitte des vorigen Jahrhunderts also inetwa.

Und immer wieder Musik – Klaus von Heydenaber bearbeitet verschiedene Male das Klavier im Hintergrund, Loukia Loulaki streicht das Cello, dramaturgische Funktion? Ein alter Plattenspieler darf auch gelegentlich Töne beisteuern. Die Klangdramaturgie spielt mit – wo man sich vom Boden des Realen abhebt, setzt seltsamer Nachhall ein.

Wie realistisch nimmt Victor Bodo das Stück? Schon von Anfang an kaum, wenn Thomas Frank als Borkin hereinstürzt und sich wie ein überdrehter Pausenclown benimmt, was er den ganzen Abend lang nicht ablegen, sondern eher noch verstärken wird. Sie alle drücken gewaltig auf die Tube, sind nicht die Tschechow’schen Figuren, sondern führen sie in Überzeichnung vor. Nun ist das ein legitimes Stilmittel, das nicht nur durchgehalten, sondern auch noch sukzessive gesteigert wird, mit der Tendenz, Schwäche und Schlechtigkeit, Primitivität und Kläglichkeit der Menschen so stark wie möglich auszustellen. Es ist kein schöner Anblick, es ist kein (elegisches) Tschechow-Erlebnis der früher üblichen Art, hat aber als Verzweiflungsorgie seine großen Momente.

Stefanie Reinsperger spielt Iwanows jüdische Gattin Anna, und da sie nicht einen Hauch von dieser Ausstrahlung mitbringt, ist sie wohl a priori nicht der rechte Typ für diese Figur (die antisemitischen Bemerkungen der Gesellschaft hat die Inszenierung gemildert, dass Iwanow ihr das „Jüdin!“ entgegen wirft, hingegen nicht). Was Stefanie Reinsperger spielt, ist die an sich reine Seele, die erst kippt, als sie den Betrug des Gatten, an dem sie mit allen Fasern ihres Herzens hing, vor Augen hat. Der Ausbruch einer total veränderten Persönlichkeit ist faszinierend.

Um sie herum wirbelt der Arzt Lwow (herrlich steif und überheblich: Gábor Biedermann), heimlich in Anna verliebt, selbstgefällig darin schwelgend, Iwanow sein falsches Benehmen seiner Frau gegenüber vorzuwerfen, sich in den Rausch des eigenen Gutmenschentums so hineinsteigernd, dass man weiß, warum einem diese Spezies Mensch so unsympathisch ist…

Rund um Iwanow, dem durchs Leben schwankenden, seine Gattin längst nicht mehr liebenden, bis zum Konkurs verarmten Gutsbesitzer, sind der erwähnte Borkin als sein Verwalter, dessen Denken sich nur ums Geld dreht, und sein ebenfalls verarmter Onkel Schabelskij, der nur seinen Barontitel hat: Auch einer, der nichts mit sich anzufangen weiß, was Stefan Suske eindrucksvoll vermittelt. Borkin will ihn mit einer reichen Erbin verkuppeln, Claudia Sabitzer als Babakina erwägt liebenswert-töricht, mal kokett, mal verblüfft, wie es wäre, mit ihrem Geld einen Titel zu kaufen…

Die andere Welt, die hier mitspielt, ist jene der Reichen, der Lebedews, wobei es die Frau ist, die das Geld hat und gnadenlos darauf sitzt (und auf jede Kopeke besteht, die man ihr schuldet): Steffi Krautz kann Figuren auf die Bühne stellen, vor denen man sich wirklich fürchtet, und sie tut es auch hier. Wie an ihrer Seite Günter Franzmeier als Lebedew durchs Leben schwankt, immer auf der Suche nach einer Wodkaflasche, an der er sich in seiner Verzweiflung und Ratlosigkeit anhalten kann, ist eine Meisterleistung. Und wunderbar moduliert Nadine Quittner seine junge Tochter Sascha, die sich in diesen Iwanow verliebt, weil junge Mädchen auch am Retterinnen-Syndrom leiden und traurige Verlierer romantisch finden… Wenn ihr aber dann (im Brautkleid!) die Zweifel kommen, dann ist sie stark in ihrer Verwirrung.

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Jan Thümer /  Günter Franzmeier

Und dann gibt es da noch die Nebenfiguren wie jene Nasarowna, im Programmheft „eine Frau mit unbestimmbarem Beruf“ genannt, an sich einfach eine Bettelarme, die als Schnorrerin überall herumkriecht, in der Hoffnung, ein Stück Brot, eine Gurke oder einen Schluck Wodka abzustauben. Martina Spitzer spielt sie mit aller Penetranz, außerdem schreit sie wie viele taube alte Leute und erzielt damit geradezu gespenstische Wirkung. Luka Vlatkovic gesellt sich zu ihnen, auf der Suche nach einem Platz, wo er hingehört.

Ja, und dann ist da noch Iwanow. Jan Thümer, Grazer „Star“ (er war dort auch der „Faust“), hat sich in den österreichischen Jahren eine angenehm neutrale (nämlich nicht so spezifisch „deutsche“) Aussprache angewöhnt. Er ist ein Schauspieler, der aufpassen muss, nicht an Michael Maertens zu erinnern, denn das hat er nicht nötig. Er ist selbst stark genug. Eine verlorene Seele so zu spielen, dass kein Waschlappen daraus wird, dem man sein Interesse versagen würde, ist eine große Leistung. Das offensichtliche Vertrauensverhältnis zu dem Regisseur, mit dem er in Graz oft zusammen gearbeitet hat, erweist sich in einer langen Verzweiflungsszene, die Thümer ohne jede Hemmung splitterfasernackt spielt, nicht nur am Sofa zusammengekauert, sondern auch den Bretterboden aufreißend und dergleichen. (Nur dass er in das Badewasser steigt, das eben noch die Kollegin benützt hat, dürfte eine der Härten des Schauspielerlebens sein – wie hygienisch ist das?) In der Schlussszene, die wie eine Höllenvision wirkt, knickt er ganz einfach ein – Ende.

Gespenstisch ist manches an diesem Abend, der erst einmal hochgradig gekonntes Theater ist, seinen Weg wählt und diesen konsequent bis zum Ende geht. Ob einem das gefällt oder nicht.

Renate Wagner

 

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