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WIEN / Volkstheater: IM WEISSEN RÖSSL

15.12.2012 | KRITIKEN, Oper, Theater

WIEN / Volkstheater:
IM WEISSEN RÖSSL von Ralph Benatzky
Premiere: 14. Dezember 2012 

Was ist das? Außen glänzend rosa, innen eine alkoholgetränkte braune Masse. Ein Punschkrapferl? Nicht nur. Michael Schottenberg sieht darin ein Gleichnis für das Österreichertum. Und wenn es sich seiner Meinung nach besonders verlogen gebärdet wie in dem Singspiel „Im weißen Rössl“, dann schreitet er energisch dagegen ein. Solcherart macht die Weihnachtspremiere des Hauses nicht wirklich Spaß.

Die Bühne: Ein Wirtshaussaal, allerschäbigste fünfziger Jahre (Bühne: Hans Kudlich). Links die Rezeption, rechts hinten eine kleine Kapelle, in der Mitte unfreundliche Tische. Der Fettsack, der den Müll vom Boden wegkehrt, wird später als „Piccolo“ bezeichnet, stammt aber aus der Welt von Palfrader und Braunschlag. Eine stumme Menge stolpert bei der Tür herein – verschreckte amerikanische Touristen. Der Kaffee, den man ihnen anbietet, wird als Nescafé in die Tassen gelöffelt, das heiße Wasser kommt aus der Thermoskanne. Zucker gibt es keinen, dafür wird als Extraverkauf (kleines Nebengeschäft des „Piccolo“) eine rosa Decke in Plastik angeboten. Nein, in dieses „Weiße Rössl“ von Michael Schottenbergs Gnaden würde man freiwillig keinen Fuß setzen.

Der Singspiel-Klassiker wird auf die Schäbigkeit reduziert – Österreich in den fünfziger Jahren, Tourismus-Künstlichkeit. Die Satire auf eine Bemühung, die Welt himmelblau erscheinen zu lassen. Die Musik, von Bearbeiter Patrick Lammer im Umfang reduziert, in der Rhythmik aufgepeppt, vielfach kaum zu erkennen. Die Darsteller (Kostüme: Erika Navas) im Häßlichkeitswettbewerb. Der rosa Zuckerguss ist vergessen, die bräunliche Masse ist geblieben. Sch… Mit einem Feuerwehrhauptmann, der einer dumm-dumpfen-beschimpften Touristenschar als „Emperor“ angeboten wird. Kläglich. Aber so soll es nach Wunsch des Regisseurs wohl sein – charmelos, plump, schäbig. Man soll nicht mehr über das Stück lachen, sondern darüber, wie es vorgeführt wird – also quasi „um die Ecke“. Auch Häme ist eine österreichische Eigenschaft. Die Regie evoziert sie.

  

Maria Bill zeigt, wie anstrengend das Leben einer Rössl-Wirtin ist, und was die – weitgehend vergeblich – vorgespielte Charmeoffensive sie nervlich kostet. Arme Frau. Günter Franzmeier als Leopold hechelt hinter ihr her. „Piccolo“ Christoph F. Krutzler schaut hämisch zu. Wilhelm Giesecke hat in Gestalt von Erwin Ebenbauer nicht einmal annähernd Ahnung, wie Berlinerisch sich anhört. Prof. Hinzmann sollte sächseln, was auch nicht gelingt, aber Thomas Kamper stellt zumindest eine liebenswerte Figur auf die Bühne. Matthias Mamedof bietet das Minimum dessen, was man von einem „schönen Sigismund“ erwarten darf. Patrick Lammer ist, wie alle anderen auch, als Dr. Siedler kaum der Umriss seiner Rolle. Als weiblicher Aufputz stehen Nanette Waidmann und Andrea Bröderbauer zur Verfügung, sich mit den dazugehörigen Herren im fünfziger Jahre-Doppelbett (links oben über der Rezeption) zu wälzen. Der Tiefpunkt: Haymon Maria Buttinger (als Ersatz für den ursprünglich vorgesehenen Heinz Petters, den offensichtlich guter Instinkt zum Rückzug trieb) mit seinem peinlichen Laienauftritt eines Feuerwehrkommandanten alias Kaiser Franz Joseph. Niemand braucht das originale „Weiße Rössl“ heutzutage. Aber die Verballhornung als des Volkstheaters Marthaler-Variation bringt auch nichts ein.

Michael Schottenberg scheint Probleme mit Tieren zu haben: Vor einigen Jahren zerstampfte er brutal eine Fledermaus. Diesmal erweist er sich als Pferde-(Rössl)Schinder. Was, so fragt sich der Tierfreund, kommt als nächstes?

Heiner Wesemann

 

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