Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Volkstheater: HOTEL SAVOY

17.03.2012 | Theater

WIEN / Volkstheater: 
HOTEL SAVOY von Joseph Roth
Fassung von Koen Tachelet
Österreichische Erstaufführung
Premiere: 16. März 2012   

„Hotel Savoy“ von 1924 ist einer der berühmten, wenn auch inhaltlich nicht sonderlich spannenden Romane von Joseph Roth. Darin finden sich um 1920 Nachkriegsexistenzen jeglicher Facon im „Hotel Savoy“ ein, von dem man nie genau erfährt, wo es steht (die Interpreten tippen auf Lodz). Aber die Kriegsheimkehrer, die Abgewrackten, die Geldlosen, die Geschäftemacher, die Schwindler, die Revolutionäre könnten in jeder Stadt der Monarchie-Nachfolgestaaten oder auch in Berlin zusammen kommen. Schließlich steht das Hotel als Symbol für eine in sich geschlossene Welt, in der sich der gesellschaftliche Querschnitt zwischen Superreich und Bettelarm zusammen findet – wenn auch nur punktuell in einzelnen Gestalten.

Das liest sich, um es gleich vorwegzunehmen, interessanter, als es sich ansieht. Die Fassung, die der Dramaturg Koen Tachelet dem Werk gegeben hat, war schon bei Uraufführung in den Münchner Kammerspielen schwach, und dort hatte immerhin Johan Simons mit aller verfügbaren Energie inszeniert, laut und mit Drive, zweieinhalb pausenlose Stunden, die einen mit Kopfweh zurückließen. In Wien benötigte der deutsche Regisseur Ingo Berk für das Werk nur eindreiviertel pausenlose Stunden, und selbst die wurden lang.

Dennoch muss man anerkennen, was der Abend, der weit stiller ist als jener in München, leistet: Im Gegensatz zu vielen schreibenden Kollegen war Joseph Roth ein nobler Mensch und eine sanfte jüdische Seele, das heißt, dass er mit den Figuren seines Romans mit vollem Mitgefühl verfährt. Und das transportiert die Inszenierung, die in einem hervorragenden Bühnenbild von Damian Hitz (das Hotel als stimmungsstarker riesiger Raum mit funktionierendem Lift, in dem sich das Geschehen immer stimmig einfügt) von einer Atmosphäre intensiver Traurigkeit erfüllt ist (wobei die diskrete Musik von Patrik Zeller eine Menge beiträgt) – weit mehr elegische „Endzeit“ spiegelnd als Beginn einer neuen Ära, die schließlich von der Figur des Revolutionärs Zwonimir Pansin eingeläutet wird.

Was der Regisseur nicht verhindern konnte, war eine Art lähmender Langeweile, die sich immer wieder über das nicht wirklich interessante Geschehen legte, das gewissermaßen von keinen „Temperamenten“ getragen wurde: Denn Christoph F. Krutzler als Zwonimir Pansin war nur laut (und überdies schlecht verständlich), aber in keiner Weise intensiv oder gefährlich. Und Dominik Warta, der als die „erzählende“ Hauptfigur Gabriel Dan, der stille Ostjude, auf der Bühne stand, war zwar eine sympathische, aber weitgehend blasse Erscheinung.

 
Marcello de Nardo, Christoph F. Krutzler                                      Dominik Warta

Es gibt nur noch eine weitere Hauptfigur: Der „Liftboy“ Ignatz, den Marcello de Nardo (mit Grauhaar unter der Mütze) als alt gewordenen Spätknaben spielt, hektisch und hintergründig genug, dass man die – auch nicht so aufregende – Schlusspointe ohne weiteres glaubt: Dass nämlich der angebliche griechische Hotelbesitzer, dessen Name wie der eines unsichtbaren Popanz geflüstert wird, gar nicht existiert – und Ignatz, der so begierig die Besitztümer jener konfisziert, die nicht zahlen können, als der heimliche Eigentümer mit seinem Hotel zugrunde geht…

Das Ensemble des Volkstheaters funktioniert, die meisten in mehreren Rollen, darunter Rainer Frieb auch als jener Henry Bloomfield, der als „der Reiche aus Amerika“ damals, zu Beginn der zwanziger Jahre, die Inkarnation der großen Hoffnungen darstellte, die man verzweifelt an die Zukunft hatte. Matthias Mamedof darf all die unglückseligen Existenzen spielen, die an Bloomfield vorbeiparadieren, um ihn anzuschnorren, und das ist nicht nur ein Virtuosenstück des schnellen Umziehens, sondern auch ein köstliches Panoptikum an Figuren – dafür wären schon ein paar Bravo-Rufe gerechtfertigt gewesen.

Andrea Bröderbauer umgibt die Tänzerin Stasia mit der Poesie von Einsamkeit und Unglück, Susa Meyer übernimmt überzeugend die restlichen Damenrollen des Stücks. Arne Gottschling dient sich mit Nebenrollen hoch und fällt immer auf, während der meist so intensive Thomas Kamper den ewigen Geschäftemacher Abel Glanz nicht besonders nachdrücklich profiliert. Thomas Bauer und zwei Komparseriedamen als Tänzerinnen, die wohl im wirklichen Leben in keiner Bar auftreten dürften, ergänzen.

Man muss ehrlich sagen, dass doch eine Anzahl von Zuschauer der Langeweile anheim fielen und sich zwischendurch aus dem Staub machten. Die anderen klatschten sehr herzlich. Joseph Roth ist schließlich, daran ist nicht zu rütteln, große Literatur.

Renate Wagner

 

 

Diese Seite drucken