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WIEN / Volkstheater: HAKOAH WIEN

09.09.2015 | KRITIKEN, Theater

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Foto: Volkstheater / Lupi-Spuma

WIEN / Volkstheater:
HAKOAH WIEN von Yael Ronen und Ensemble
Übernahme vom Schauspielhaus Graz
Wiener Premiere: 9. September 2015

Die zweite Premiere am neuen Volkstheater der Anna Badora ist eine Übernahme aus dem Schauspielhaus Graz und kein richtiges „Stück“, vielmehr das, was sich – wie es im Programm heißt – „Yael Ronen und Ensemble“ in einer zweifellos offenen Probenarbeit zum Thema „Juden heute“ zusammen erarbeitet haben. Wobei der interaktive Aspekt zwischen Israel heute und Österreich heute besteht, basierend auf der Tatsache, dass viele der Großväter heutiger junger Israelis einst aus Wien kamen…

Der dramaturgische Zusammenhang der erzählten Großvater / Enkel-Geschichte einerseits, das Finden jüdischer Identität andererseits, ist mit „Hakoah“ nur sehr vage verbunden. Aber vermutlich sagt dieser Begriff (der zeigte, dass ein „Herr Jud“ nicht nur im Kaffeehaus zu finden war, sondern auch am Sportplatz) vielen Österreichern nicht zuletzt durch Friedrich Torberg etwas. Er hat zwar in diesem berühmten, das jüdische Selbstbewusstsein so stärkenden Sportverein nicht auch im legendär siegreichen Fußballteam spielen dürfen, war aber hoch geachtet bei den Schwimmern…

Wie dem auch sei, „Hakoah“ bedeutete jüdischen Nationalstolz. Und Fußball spielt auch immer wieder (wenn eben nicht gerade zwingend) in den Abend hinein, den Autorin Yael Ronen mit ihrem Bruder Michael Ronen in der Hauptrolle über ihrer beider (offenbar echten) Großvater Wolf Fröhlich geschrieben hat.

In offener Dramaturgie, angereichert mit viel Jux, rasen neben Michael Ronen drei Männer (jeder in mehreren Rollen) und eine Frau zu einer Menge lauter Musik über die Bühne, verlieren ihr Thema manchmal aus den Augen, finden es wieder – und erzählen es schließlich.

Ausgangspunkt ist, dass Michael als israelischer Soldat mit österreichischen Wurzeln und Deutschkenntnissen nach Wien geschickt wird, um ein wenig für seine Heimat Werbung zu machen. Wenn er allerdings salutierend vor der israelischen Flagge steht, muss schnell verhindert werden, dass der Eindruck eines Propagandastücks entsteht (denn aufgrund sehr effizienter palästinensischer Medienarbeit hat Israel nicht nur Freunde).

Also berichtet Michael auch schnell von der Tragik des dort herrschenden Dauerzustands von Aggression und Haß, der auch die israelische Armee immer wieder zu Übergriffen verleitet, die schon von den eigenen Soldaten in Frage gestellt wurden… (Am Ende aber entschuldigen sich Autorin und Hauptdarsteller quasi für die Kritik am Vaterland, dem sie begreiflicherweise nicht weh tun wollen.)

Die Story des Stücks bezieht sich nun auf Michael, der dem eigenen Großvater in dessen alter Wohnung gewissermaßen als sehr lebendigem Geist „begegnet“, wobei sich die beiden allerlei an den Kopf werfen, ein Generationenkonflikt, der sich nicht auf die übliche Unzufriedenheit der Alten mit den Jungen beschränkt, sondern ans Eingemachte geht: An die Frage, ob das Projekt Israel nicht vielleicht gescheitert sei… Was man natürlich nicht gelten lassen kann. Und dass die Juden, kämen sie alle zurück, in Österreich wohl nicht mit offenen Armen aufgenommen würden…den Zweifel, wie erwünscht eine solche Rückkehr wäre, kann man der Autorin nicht übel nehmen.

Aber es geht nicht nur um Michaels wohl autobiographische Auseinandersetzung mit dem Großvater. Die Liebesbriefe im Nachlaß einer Großmutter, die von Wolf Fröhlich, der rechtzeitig nach Israel ging, verlassen wurde, zeigen auf, dass diese Frau eine Jüdin war, die sich in Kriegszeiten mit falschen Papieren als Christin ausgab – aber der Enkelin, die sich in ihrer Haut nie wohl fühlte, nun posthum eine jüdische Identität schenkt, in der sie sich finden kann…

Darum geht’s, nicht ernsthaft aufbereitet und schon gar nicht dramaturgisch stringent, aber als Thema (auch wenn ein paar Grundaussagen sozusagen frontal ins Publikum geschleudert werden) doch ein wenig unter dem Wert verkauft.

Immerhin – außer dem köstlichen Michael Ronen, der einen Teil seiner Rolle in Hebräisch spricht (Übersetzung läuft im Bühnen-Hintergrund) sind sowohl Birgit Stöger wie auch Knut Berger, Julius Feldmeier und Sebastian Klein vom Theaterhandwerk und von der Gestaltung her ganz auf der Höhe ihrer Aufgaben.

Es gab stürmischen Jubel. Hakoah spielt zwar nicht mehr Fußball, aber Israel kann immer noch verlässlich siegen – zumindest auf dem Theater.

Renate Wagner

 

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