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WIEN / Volkstheater: EIN SOMMERNACHTSTRAUM

25.04.2015 | KRITIKEN, Theater

SOMMERNACHTSTRAUM Theater a d Th xxx 
Fotos: Volkstheater / Lalo Jodlbauer

WIEN / Volkstheater: 
EIN SOMMERNACHTSTRAUM von William Shakespeare
Premiere: 24. April 2015   

Die Ära Michael Schottenberg am Volkstheater geht zu Ende, Wehmut schleicht sich ein. Man hatte den „Schotti“ – auch wenn man ihn gelegentlich gezaust hat – ungemein gern, er ist „einer von uns“, aus dieser Stadt gewachsen, von seiner Persönlichkeitsstruktur und Ideologie richtig gerade in diesem Haus. Nun hat er mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ seine letzte Visitenkarte als Regisseur abgegeben, solange er noch Intendant ist (vielleicht lässt ihn die Nachfolgerin inszenieren oder spielen? Sie täte sicher gut daran.). Und er bot eine veritable Überraschung.

Natürlich hat man in der Ära Schottenberg, wie es eben derzeit Mode ist, im Volkstheater oft genug auf „leerer“ Bühne gespielt. Aufwand ist ja eigentlich heutzutage verpönt, die Optik wird hintangestellt, vergessen ist die Idee des theatralischen „Gesamtkunstwerks“, wo alles zusammen wirkt. Zu gestrig.

Nun, Schottenberg hat es gewagt. Er spielt den „Sommernachtstraum“ nicht nur in der unvergleichlichen  Übersetzung von August Wilhelm Schlegel (man geht vor Glück in die Knie angesichts der wunderbaren Sprache, die keiner der modernen Übersetzer auch nur annähernd bedient), sondern auch in einem Ambiente, das aussieht wie – ja, wie vor hundert Jahren. So könnte ein „Sommernachtstraum“ im alten Burgtheater ausgesehen haben. Zumindest auf den ersten Blick.

Die Optik ist überbordend in ihrer Buntheit und Reichhaltigkeit. Hans Kudlich stellte den Bühnenbogen des Volkstheaters gleich noch einmal auf die Bühne, samt den Seitenlogen, wo nun Musiker sitzen, die mit Barocktrompeten Barockmusik (und gelegentlich auch ein bisschen Mendelssohn) schmettern: Es wird zum Fest geladen: So könnten die englischen „Masques“ ausgesehen haben… Innerhalb des Bühnenrunds auf der Bühne kann es nicht genug Blumen, Blätter, aufgemalte antikisierende Helden oder, wenn man es braucht, auch Säulengänge geben – wir sind in Athen, nicht vergessen, dort hat Herzog Theseus zum Fest gerufen, weil er die Amazonenkönigin Hippolyta heiraten will (die von Kostümbildnerin Erika Navas ein abenteuerliches Outfit bekommt, bei dem man nicht vergisst, dass diese Amazonen-Damen bekanntlich nur eine Brust haben).

Überhaupt die Kostüme! Eine Pracht. Aber hintergründig, wie das ganze Geschehen, ein bisschen chinesische Oper spielt mit (auch in einigen weiß geschminkten,  mit Dekorationen verzierten Gesichtern), aber auch der Karneval von Venedig ist mit seinen Masken dabei… Die bunte, phantasievolle Überfülle spielt Theater, wagt Theater, wie es lange auf keiner Bühne dieser Stadt zu sehen war.

Dabei braucht der Regisseur Schottenberg gar keine großen Maschinenkünste, vor dem Theater auf dem Theater ist der „Repräsentations“-Raum für die Fürstlichkeiten, „im“ Theater auf dem Theater-Raum dürfen sich sowohl die Geisterwesen (selten waren auch Oberon und Titania so sehr als solche kenntlich), die zappelnden Liebenden und die dummen Handwerker tummeln, und Schottenberg braucht nicht viel mehr als ein paar Klappen im Bühnenboden, um mit den Pawlatschen-Möglichkeiten einer Shakespeare-Bühne auszukommen.

Der Regisseur hat hier wirklich etwas gewagt – er ist in die Theatergeschichte zurückgegangen. Er hat das Spektrum heutiger Interpretationsmöglichkeiten mutig wieder um eine bewusst und zitathaft eingesetzte historisierende Facette erweitert, der kein „heutiger“ Regisseur, der auf sich hält, auch nur in die Nähe kommen würde…

SOMMERNACHTSTRAUM Rüpel xxx

Nicht nur mit Prunk und Festlichkeit, auch mit Tempo, Humor und elastischer Sprachbewältigung (wie gesagt: die schönste aller Übersetzungen!) geht der „Sommernachtstraum“, der sich auch schon bis zu vier mühevollen Stunden gezogen hat, in weniger als zweieinhalb über die Bühne. Gescheit gestrichen eben (und dennoch scheinen die Rüpelszenen noch zu lang – oder ist man ihrer einfach zu müde?).

Die Personenführung stimmt sowohl in ihrer Demonstrationsfunktion (Theseus etwa als schlecht gelaunter Herrscher, dem man jede Gewalttat  zutraut) wie in ihrer psychologischen Ausformung: Da toben die jungen Liebespaare auf bewährte, aber eben richtige und wirkungsvolle Art –  Andrea Bröderbauer und Annette Isabella Holzmann, Matthias Mamedof und Jan Sabo zeigen Humor, aber auch (das war Shakespeare wichtig), dass Liebe weh tut…

Besonders nachdrücklich gelingen die Herrscherpaare – Günter Franzmeier, als Theseus so weißgesichtig wie ein chinesischer Opernheld und zweifellos ein Mann, mit dem nicht gut Kirschen essen ist, und Claudia Sabitzer, im wilden Look als streitbare Hippolyta. Souverän (und nicht so kleinlich, wie er oft dargestellt wird) der Oberon des Patrick O. Beck, ein entzückendes Weibchen die Titania der Martina Stilp.

Ja, und da sind dann noch – von ein paar Nebenrollen abgesehen – die Handwerker. Erwin Ebenbauer als der übereifrige Klaus Zettel, herrlich albern mit dem Eselskopf, Rainer Frieb als betriebsamer und dabei von den Kollegen genervter Peter Squenz, Thomas Kamper, der den Flaut als Thisbe sehr komisch in den Griff bekommt, dazu noch Thomas Bauer (Schluck, der „Mond“), Haymon Maria Buttinger (Schmock, der „Löwe“) und Tany Gabriel (Schnauz, die „Wand“ und noch das Loch darin…).

SOMMERNACHTSTRAUM Puck xxxxx
„Puck“ Erni Mangold

Tany Gabriel, Sohn von Schottenberg und Maria Bill, für die Rolle des Törichten mit einer furchtbaren Zahnprothese entstellt, wäre vielleicht – ein junges, schmales, freches Bürschchen – eine Idealbesetzung für den Puck gewesen. Schottenberg entschied sich, die hintergründige, weit über 80jährige Erni Mangold als den Kobold Puck zu besetzen, der bei ihr jene seltsam negative Ausstrahlung bekommt, die die Mangold als Person immer umwittert (abgesehen davon, dass ihr schleppender Sprechstil entweder auf schlecht sitzende Zähne oder ein Gläschen zuviel deutete, jedenfalls der Rolle diametral entgegengesetzt war).

Wie dem auch sei – auch dieses seltsame Gespenst mengte sich in diesen an Seltsamkeiten reichen Abend, aber es waren wunderliche, wunderbare Seltsamkeiten im Stile Shakespeares…

Am Ende machte es der Regisseur kurz, keine Tränen, keine Reden, kein Hinausziehen des Beifalls. Michael Schottenberg hat gezeigt, was er zeigen wollte, er wird unzweifelhaft Schelte dafür bekommen, aber auch Lob. Es ist eine gute Arbeit, ein „Sommernachtstraum“, der seinen Namen verdient.

Renate Wagner

NACH DER PREMIERE 

Sommern  Vor dem Vorhang ensemble

Sommern Vor dem Vorhang Franzmeier Sabitzer~1

Sommern Vor dem Vorhang Schotti ua~1

Sommern Vor dem Vorhang Schotti Mangold~1

Fotos: Renate Wagner

 

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