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WIEN / Volkstheater: DIE PRÄSIDENTINNEN

21.03.2014 | Theater

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Foto: Volkstheater / Christoph Sebastian

WIEN / Volkstheater:
DIE PRÄSIDENTINNEN von Werner Schwab
Premiere: 21. März 2014  

1990 wurde der Steirer Werner Schwab mit seinem Stück „Die Präsidentinnen“ schlagartig berühmt. Ein paar Jahre später war er tot, gestorben am Neujahrstag des Jahres 1994. In dieser Zeit hatte er im Ganzen 15 Theaterstücke geschrieben, ein Teil wurde posthum uraufgeführt. Seine Obszönitäten klingen noch aus dem Grab zu uns, aber von größerer Nachhaltigkeit ist Werner Schwab nicht geblieben. Gelegentlich tröpfelt wieder eines seiner Stücke auf die Spielpläne, im Volkstheater derzeit „Die Präsidentinnen“. Vielleicht auch, weil „Schotti“ sparen muss und es eine billige Produktion ist…

Besser als in den „Präsidentinnen“ ist Schwab nie geworden, wo er Thema, Sprache und Schockelemente (es ist ja auch schon wieder ein Vierteljahrhundert her, damals regte man sich noch auf) auf das konzentrierteste verband. Drei Frauen, in einer Kunstsprache parlierend, die ihre Simplizität ebenso deutlich ausstellt wie ihre erotischen Fixierungen, phantasieren sich aus ihrer proletarischen Putzfrauen-Existenz ins Kleinbürgerglück. Das heißt, zwei von ihnen suchen es bei einem Mann und scheitern an ihrer Vergangenheit, sprich, ihren Kindern. Die dritte begnügt sich damit, mit vollen Händen, Armen, „bis unter die Achseln“ in der hier buchstäblichen, nicht metaphorischen Scheiße zu wühlen und findet unendliches Glück darin.

Es sind vor allem die „Scheiße“-Passagen der Rolle der Mariedl, die sich in ihrer zynischen Absurdität ins Gedächtnis krallen. Die fromme Erna, die ihren polnischen Fleischhauer Wottila umgurrt, und die Grete, die es mit ihrem Freddy hält, kommen da an Abstrusität nicht völlig mit, dürfen aber am Ende die Mariedl ermorden – Schwab erspart dem Publikum wahrlich nichts. Aber, wie es heute so ist, nichts geht mehr wirklich unter die Haut, niemand scheint die Scheußlichkeit zu empfinden, niemand erregt sich über die Pervertierung der Religion, es gibt nur den großen Publikumsjubel. Warum eigentlich? Weil’s gar so schön widerlich ist?

Bisherige Produktionen der „Präsidentinnen“ in Wien (1990 die Uraufführung im Künstlerhaustheater, 1994 die Burgtheater-Aufführung im Akademietheater, 2001 die Rabenhof-Produktion) haben die Damen dort belassen, wo sie gedacht waren: auf der Putzfrauenebene. Aber wir haben es ja mit keinerlei Realismus zu tun, wenn auch „reale“ Psychologie aus dem irrealen Geschehen hervorblinzeln soll. Wenn Miloš Lolić die Putzfrauen also nach allen Regeln der Kunst aufputzt – wen soll es stören?

Dazu hat Hyun Chu die Bühne des Hauses fast verschont – eine Treppenflucht führt in den Zuschauerraum (der den ganzen Abend lang hell bleibt und in dem in der Folge viel gespielt wird), im Hintergrund ein Prospekt, das den leeren Innenraum des Volkstheaters zeigt. Später senkt sich eine rotglitzende Wand herab. Am Ende, nach sehr langen eineinhalb Stunden, geht dann auch der Eiserne Vorhang herunter. Endlich.

Die Damen ziehen in weißen Bademänteln singend durch den Mittelgang ein. Dann beginnen sie sich zu schminken, machen sie sich die Nägel, die Haare, schließlich schlüpfen sie in lange, seidene Abendkleider (Nina Ball sorgte wohl auch für die darunterliegende Unterwäsche – man muss ja schon froh sein, wenn nicht Nacktheit, sondern nur Fleisch in Dessous ausgestellt wird). Schwab hat vordringlich Monologe geschrieben, nur selten gibt es echte Interaktion zwischen den dreien (aber die wird einmal so wild handgreiflich, dass Programmheft sogar eine „Kampfchoreografie“ von Martin Woldan verzeichnet). Im übrigen reißen sie abwechselnd das Mikrophon an sich, um ihre Perversionen und Leidenschaften zu verkünden.

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Martina Stilp    Foto: Volkstheater / Christoph Sebastian

Vor allem das Mariedl macht das mit permanent strahlender Miene, so dass sich die Gesichtszüge von Martina Stilp geradezu im Lächel-Krampf verzerren. Aber diese an sich schöne, elegante Schauspielerin ist vom Typ her nicht unbedingt das Underdog-Geschöpf, das durch den Ruhm einer Klo-Säuberin bis zur Lebenssinn-Erfüllung beglückt werden kann…

Eher glaubt man schon Claudia Sabitzer als Grete ihre Spagate zwischen verschwundener Tochter, Hündchen und schmierigem Liebhaber. Katja Kolm, erstmals am Volkstheater (in Wien aus dem Schauspielhaus bekannt), kann im Programmheft auf allergrößte Referenzen zurückblicken, verunsichert den Zuschauer allerdings durch schlechte Sprache, die ihre exzellente darstellerische Leistung ja doch beeinträchtigt.

Durch die Scheiße in den „Präsidentinnen“ ist Werner Schwab berühmt geworden, an seiner Kotze ist er erstickt. Poetische Gerechtigkeit? Ein österreichisches Schicksal? Jedenfalls ein Schwabisches.

Renate Wagner

 

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