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WIEN / Volkstheater: DER RIESE VOM STEINFELD

08.09.2012 | Theater

 

WIEN / Volkstheater:
DER RIESE VOM STEINFELD von Peter Turrini
Deutschsprachige Erstaufführung
Premiere: 7. September 2012, besucht wurde die Generalprobe

Vor ziemlich genau zehn Jahren, im Juni 2002, lernte man den „Riesen vom Steinfeld“ in der Wiener Staatsoper kennen, damals in Gestalt von Thomas Hampson (auf Stelzen). Es war eine Uraufführung von Friedrich Cerha nach einem Libretto von Peter Turrini, und weil beide verdiente österreichische Künstler sind, gab es einigen Beifall. Die Staatsoper hat das Werk in drei Tranchen im Ganzen zwölfmal gespielt, über seine weitere Karriere verrät das Internet wenig, in Krefeld wurde es jedenfalls nachgespielt.

Das dem Libretto zugrunde liegende Stück erfuhr eine Aufführung in französischer Sprache und musste zehn Jahre warten, bis das Volkstheater nun zur Aufarbeitung des Turrini-Altbestands schreitet und die „deutschsprachige Erstaufführung“ anbietet. Eine Oper funktioniert allerdings anders als ein Theaterstück, und was als pittoresker Rummelplatz-Hintergrund zu Musik funktioniert, kann auf der Bühne durchaus dürftig ausgefallen. So geschehen im Volkstheater, obwohl alle Beteiligten sich spürbar Mühe gaben.

Turrini erzählt die – historisch verbürgte – Geschichte eines 2,37 Meter großen Burschen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ort der Handlung war Oberösterreich, und in seinem Dorf wurde der „Riese“ (wie auch anders?) verspottet und ausgegrenzt. Er wollte  (wie auch anders?) sein wie alle anderen, er wurde (wie auch anders?) ausgebeutet und als Schaustück auf Marktplätzen präsentiert, und er mutierte (wie auch anders?) nach seinem Tod zur Touristenattraktion genau der Gemeinde, in der man ihn nur verlacht hatte.

Kurz, Turrini bietet in grellen Szenen eine völlig auf der Hand liegende Außenseiter-Geschichte, auf die Anteilnahme des Publikums spekulierend. Dabei ist das Thema in dieser Form im Grunde überholt: Denn heute stellen sich die Außenseiter selbst aus, kassieren selbst und pflegen das „Anderssein“ noch, weil es mittlerweile so chic geworden ist. Abgesehen davon gelingt die Zeichnung der „Riesen“-Titelfigur nur höchst vage: Dass er, von einem Jahrmarkt zum anderen geschleppt, sich nach seiner Mutter zu Hause sehnt und dass er wiederholt erklärt „Mein Herz ist ein schwarzes Loch“, erzählt halt nicht viel über eine Figur. Und dass der große Mann ausgerechnet von einer zwergenhaften „kleinen Frau“ geliebt wird, mag zwar rührend sein, aber nicht mehr.

Der bunte Reigen des Geschehens eilt in eineinhalb Stunden vorbei, die Bühne dreht sich, der Riese wird vom „Kammerschneider“ geschnappt, in Berlin, London, Paris vorgeführt, und als er nichts mehr einbringt, weggeworfen. Dann darf er in den Armen seiner Mutter sterben. Dazwischen gibt es viel Grelles – in Berlin erscheint Kaiser Wilhelm II. als brüllende Karikatur, der mit dem Riesen eine neue Rasse züchten will, in London teilt Queen Victoria ihr Interesse zwischen dem Riesen (der sie dann besteigen darf) und dem neuen Wasserklosett, das sie ihren Minister auszuprobieren befiehlt: „Shut up and shit, Mr. Pitt!“ In Paris muss sich der Riese dann einen riesenhaften Penis umbinden, um die Demütigung mit dem Holzhammer zu präsentieren. Viel Lärm um nichts, denn der große Held mit seiner kleinen Heldin gehen letztlich im Trubel unter.

Regisseurin Stephanie Mohr hat sich in der nicht sehr spektakulären Drehbühnen-Ausstattung von Miriam Busch einigermaßen um Übersichtlichkeit bemüht, aber sie kann auch nicht mehr tun, als die vorgegebenen Brocken zu präsentieren, die kaum ein Stück ergeben. Kyrre Kvam macht Musik, ein Chor (exakt: die Chorvereinigung Wien Neubau) singt, und die zahlreichen Darsteller leisten Aufopferndes, denn die meisten müssen dauernd „Ensemble“ spielen.

 Kuste, Sabitzer, Schmelzer, Meyer

Einige können wenigstens mit einer Figur in den Vordergrund treten – kaum einer ist so präsent wie Ronald Kuste als der gnadenlos peitschende „Manager“ des Riesen. Claudia Sabitzer gibt die Mutter des Riesen als eine Art Naturwesen, eine Frau Aase, nur dass sie ihren Peer in den Tod wiegt und nicht umgekehrt; als Queen Victoria ist sie dann für Nonsense zuständig. Inge Maux darf als Rabbi verkleidet ihre fabelhafte Fähigkeit des Jüdelns unter Beweis stellen, Susa Meyer ist u.a. die als Mann verkleidete Frau, die das Wasserklosett erfunden hat, auf das sich Mr. Pitt in Gestalt von Erwin Ebenbauer setzen soll. Für die anderen auf dem Programmzettel ist es sich kaum für richtige Rollen ausgegangen.

Und das zentrale Paar? Der aus Klagenfurt ans Volkstheater geholte Roman Schmelzer wirkt auf Schuhen mit dicken Sohlen wahrlich sehr groß, außerdem lieb und naiv und wenig sonst, aber das ist absolut nicht seine Schuld. Es wird sich herumsprechen, dass seine „kleine Frau“ – die wirklich höchst kleinwüchsig ist – Fernsehruhm genießt: Im Münsteraner „Tatort“ umarmt Jan Josef Liefers sie periodisch und versichert seiner „Alberich“, sie sei sein Schatz (auch als „Sams“ war sie im Kino entzückend): Schade, dass die wirklich Poesie ausstrahlende ChrisTine Urspruch (sie schreibt ihren Vornamen genau so) eigentlich wenig mehr tun darf, als ein paar bedeutungsschwere Sätze sagen und ihre 1,32 Zentimeter Größe live bewundern lassen.

Turrini hat vor mehr als 40 Jahren, 1971, mit „Sauschlachten“ im Volkstheater begonnen – es war ein veritabler Skandal und der Beginn einer großen Theaterkarriere, die ihn dann über Burg und Josefstadt jetzt offenbar ans Volkstheater zurück führte. Man wünscht ihm, dass er irgendwann mit einem veritablen Krach und einem tollen Stück endet und nicht mit dem Widerkäuen von etwas, das schon vor zehn Jahren nicht wirklich gut war.

Renate Wagner  

 

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