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WIEN / Volkstheater: DER REVISOR

22.03.2013 | Theater

 

WIEN / Volkstheater: 
DER REVISOR von Nikolaj Gogol
Premiere: 22. März 2013  

Du liebe Güte, wohin ist man da geraten? Wann war es „neu“, „modern“, Staunen erregend, nichts anderes als stilisiertes Karacho-Theater zu machen, schreiend, zuckend, zappelnd, gestikulierend? Seltsam, dass dies einer so souveränen Regie-Persönlichkeit wie Thomas Schulte-Michels eingefallen ist, um den großen russischen Komödien-Klassiker „Der Revisor“ von Nikolaj Gogol auf die Bühne des Volkstheaters zu stellen. Rauf und runter, rauf und runter und viel Lärm um nichts.

Für das Rauf und Runter sorgt der Regisseur als sein eigener Bühnenbildner: eine steile Riesentreppe erfüllt den ganzen Bühnenraum, oben begrenzt von einer Bühnenöffnung, die jener darunterliegenden des Volkstheaters gleicht. Wie sinnig. Was bedeutet es eigentlich? Dass im Volkstheater Theater gespielt wird?

Und da tollen sie also von der ersten bis zur letzten Minute (es sind glücklicherweise nur 85 pausenlose) herum – die Darsteller alle  grotesk-bunt geschminkt und gekleidet (Kostüme: Tanja Liebermann, die bei ihrem Lumpen-Kareval besonderen Wert auf teils schmutzige Unterwäsche der meisten Beteiligten legt), schrille Karikaturen, die keine Geschichte zu erzählen, sondern nur einen virtuosen Regie-Ablauf zu exekutieren haben.

Die Geschichte der panischen korrupten Beamten im Russland des Jahres 1836, die sich vor einem zaristischen Revisor aus der Hauptstadt fürchten (2007 hat man das Stück in der Josefstadt in eine nüchterne österreichische Gegenwart versetzt und damit einiges an Erkenntnis erzielt), ist nur noch eine Slapstick-Tollerei, kein existenzieller Totentanz. Und wie immer, wenn auf Stil, Stil und nochmals Stil und sonst gar nichts gesetzt wird, ist die Bühnenrealität innerhalb kürzester Zeit von schrecklicher Einförmigkeit und in der Folge Langeweile. Man erkennt, was der Regisseur wollte – irgendwie sollten Figuren, wie ein satirischer Zeichner sie grell auf ein Blatt geworfen haben könnte, lebendig werden. Aber das ist keine fünf Minuten lang lustig…

Die Schauspieler müssen nicht für ihre darstellerischen, sondern ihre handwerklichen Leistungen bewundert werden. Günter Franzmeier wirft seine ganze Befähigung für die Groteske ins leere Spiel, und er ist der einzige im Konzert der von Gorki so differenziert gezeichneten korrupten Typen, der gewissermaßen „erkennbar“ bleibt: Die anderen, im Schmuddel-Look, im Veitstanz, ähneln einander als Figuren so sehr, dass man sie nur auseinander hält, weil man die Darsteller kennt: Erwin Ebenbauer, Alexander Lhotzky, Thomas Kamper, Rainer Frieb, Matthias Mamedof, Günther Wiederschwinger, Christoph F. Krutzler, Jan Sabo.

Susa Meyer und Andrea Bröderbauer kreischen Mutter und Tochter, Claudia Sabitzer versucht am Rande auf sich aufmerksam zu machen.

Man hat ja schon viele Chlestakow erlebt, der hungrige Aufschneider, der oft als Pfiffikus daherkam, wenn er merkt, dass man ihn für einen Kontrollbeamten hält, der er wahrlich nicht ist: So kläglich, wie Marcello de Nardo ihn winselt, war er jedoch noch nie. (Aber auf Glaubwürdigkeit – nämlich dass auch die dümmsten Kleinverbrecher sich vor dieser Lächerlichkeit nicht fürchten würden! –  braucht man im Rahmen einer solchen Inszenierung nicht zu pochen – alles ist Gleichnis, und nichts stimmt.) Till Firit trippelt den Diener Ossip – er erinnert noch mehr als die anderen an eine Figur der Commedia dell’arte.

Als unterhaltend hat das Publikum den ebenso schrillen und bunten wie leeren und öden Abend wohl begriffen, denn es gab eine Menge Applaus.

Renate Wagner

 

 

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