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WIEN / Volkstheater: DER KAUFMANN VON VENEDIG

08.09.2018 | KRITIKEN, Theater

 
Fotos: www.lupispuma.com / Volkstheater

WIEN / Volkstheater:
DER KAUFMANN VON VENEDIG von William Shakespeare
Premiere: 8. September 2018

Das Volkstheater der Anna Badora hat dringend etwas positive mediale Betrachtung benötigt, am besten im Zusammenhang mit der ersten Premiere der Spielzeit, auf die neugierig gemacht werden sollte: So erklärt sich die Ankündigung, das Publikum könne zwischen drei Darstellern des Shylock wählen. Seltsame Idee, die auf Anhieb nicht wirklich sinnvoll erschien.

Aber dann geht es bei der Aufführung von „Der Kaufmann von Venedig“, inszeniert von der Chefin selbst, umweglos zur Sache. Wir sind in einem Show-Ambiente, Jan Thümer tänzelt – halb auf Deutsch, halb Italienisch radebrechend – als Conferencier vor uns herum. Ja, meine Damen und Herren, das Event findet statt – und Sie dürfen entscheiden! Man ist voll in der Welt der „interaktiven“ Fernsehshows. Wie prickelnd für ein Theaterpublikum? Nun, es sei.

Wir bekommen drei Möglichkeiten. Shylock als seriöser Kapitalist? Shylock als typischer Jude mit Schläfenlocken? Oder Shylock gar als Frau, noch dazu mit Migrationshintergrund? Das ist natürlich die zeitgemäße und politisch korrekte Lösung. Also – Frau Shylock, bitte vortreten! Wie sehr das Volkstheater an dieser Lösung, die per Applausmessung getroffen wird, tricksen kann, sei dahingestellt, ganz überzeugt ist man nicht, dass das mit rechten Dingen zugeht – aber warum nicht einmal eine Frau? Wir steigen also ins Geschehen ein.

Die Aufführung wird übrigens, wir lesen es im Internet, „freundlich unterstützt“ von „Casinos Austria“. Wie auch nicht, sie spielt ja im Casino, mit viel Musik und Tanz und Heckmeck, und wieder hat man – wie bei der letzten Shakespeare-Aufführung des Hauses, „Viel Lärm um nichts“ vor einem halben Jahr  –  das Gefühl, das Ganze sei nur auf die Smartphone-Generation und ihre Entertainment-Bedürfnisse  zugeschnitten. Viel Lärm, viel Bewegung, viel Chichi und Tralala. Shylock fährt mit einem Kabüffchen aus dem Untergrund, als besäße er nur ein schäbiges Geldwechsel-Hüttchen am Rialto. Und wenn man bei Portia anlangt…

Nun, zugegeben, das märchenhafte Element ihrer Werber (drei Kästchen, die klassische Geschichte, man darf nicht Gold wählen) ist extrem schwer zu realisieren. Hier ist man in einer Fernsehshow, Portia moderiert sich selbst im Glitzerkleid, das Glücksrad dreht sich – aber zeigt es für diese Aufführung auf „Gewinn“ und „Sieg“? Zumal das Stück in der Plessen-Übersetzung geradezu radikal gekürzt ist, zweieinviertel Stunden (inklusive Pause), da ist viel weggefallen. Dem Publikum, dem angesichts des ganzen Wirbels der Kopf dröhnt, fällt das möglicherweise gar nicht auf.

Immerhin, eines muss man Anna Badora lassen. So oberflächlich bunt der gewählte „heutige“ Rahmen für das Geschehen ist, so konzentriert sie die Geschichte doch auf ihre Essenz: Shylock gegen den Rest der Welt. Sicher, darum geht es. Und wenn Shylock noch eine Frau ist, dann lässt sich noch mehr an Diskriminierung erzählen, dann verachten die Venezianer nicht nur den Juden, sondern die Jüdin, die Frau… was bildet sie sich ein in der Männerwelt?

Nun ist die Figur des Shylock ja unser Nachkriegsproblem, denn Shakespeare hat den „Juden“ keinesfalls positiv gezeichnet. Getrieben von Rache, besessen vom Geld (dessen Verlust ihn ebenso trifft wie der Verlust der Tochter), schließlich von kochender Bösartigkeit der Mitwelt gegenüber, zum Mord entschlossen. So konnten ihn die Nazis, auch noch klischiert mauschelnd, lustvoll sehen – für uns kann er natürlich nur der Erniedrigte und Beleidigte sein. Was ihn im Ernstfall auch ein wenig kleiner machen würde.

Man muss es Anna Badora lassen, dass sie nicht versucht hat, die Figur zu verbiegen, sie an unser mitleidiges Herz zu legen. Anja Herden, die nun Mrs., Madame oder Signora Shylock ist, wie man will, brodelt von Anfang bis zum Ende vor Wut, Haß und ja, Rachedurst. Da haben die Männer, die sie am Rialto anspucken und beschimpfen, den Nerv, zu ihr zu kommen und Geld leihen zu wollen. Dafür lässt sie sie zuerst eklig zynisch zappeln. Und dann will sie sie zahlen lassen, in mehr als nur barer Münze. Und würde es bis zur letzten Konsequenz durchziehen, wenn das Stück es ihr nicht am Ende verwehrte.

Die Darstellerin hat die Kraft, all das zu spielen, sie muss aber nicht als Gebrochene übrig bleiben – ganz schnell springt wieder der Moderator vors Publikum, quasi mitten in der dramatischen Schlussphase bricht das Stück ab. Nun, unvergesslich ist das nicht – so wie damals, 1988 im Burgtheater, als der Shylock des Gert Voss (von Peter Zadeks Gnaden) einen Scheck über sein Vermögen ausschrieb und erstarrt von der Bühne ging… Das war halt noch großes Theater.

Im Volkstheater leiden wieder alle Darsteller (auch die an sich eindrucksvolle Mrs. Shylock) an ihren mangelnden Sprecherqualitäten. Vor allem, wenn die Szenen turbulenter werden, kann man sich von der Verständlichkeit verabschieden. Immerhin ist Rainer Galke (er wäre der Kapitalismus-Shylock gewesen, wäre die Wahl auf ihn gefallen) als Antonio ein echt mieser Kerl, überzeugend in seinem verächtlich-ekelhaften Hochmut. Die tänzelnde Portia im Silberkleid (sonst hätte Anja Herden sie gespielt) fällt nun Isabella Knöll zu, ein albernes Show-Girl, das zwar optisch tatsächlich fast nicht zu erkennen als Mann verkleidet den „Richter-Fachmann“ spielt, aber hier könnte es weit pointierter und präziser zugehen im grausamen Spiel der Shylock-Vernichtung. Sebastian Pass, der seinerseits um den Schläfenlocken-Shylock kam, war ein erschütternd unpräziser Lancelot Gobbo (die Rolle allerdings bis zur Unkenntlichkeit reduziert), Evi Kehrstephan konnte das Schicksal der Jessica kaum andeuten, und in dieser Fassung sind dem Haus die Damen ausgegangen, so dass Marius Huth in die Kleider von Portias Dienerin schlüpfen musste. Übrigens wird auch – völlig überflüssig und nebenbei – plötzlich eine homosexuelle Bindung von Antonio und Bassano (Peter Fasching) angedeutet, über die man nur den Kopf schütteln kann. Für Günter Franzmeier, sonst als Antonio vorgesehen, bleiben in dieser Fassung nur unwichtige Nebenrollen. Einige junge Herren fallen nicht unbedingt positiv auf.

Möglicherweise spekuliert der Abend auf neugierige Zuschauer, die nun so oft in die Aufführung gehen werden, bis sie alle Shylocks mit den auch wechselnden Besetzungen rundum gesehen haben. Aber ich würde mich nicht darauf verlassen…

Renate Wagner

 

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