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WIEN / Volkstheater: DAS MISSVERSTÄNDNIS

04.11.2015 | KRITIKEN, Theater

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Fotos: Volkstheater / lupispuma

WIEN / Volkstheater:
DAS MISSVERSTÄNDNIS von Albert Camus
Übernahme vom Schauspielhaus Graz
Spiel mit Schauspieler/innen und Puppen
Premiere: 23. Oktober 2015,
besucht wurde die Vorstellung am 3. November 2015

Es ist gleichsam obligatorisch, dass frisch bestellte Direktoren die alten Produktionen ihrer vorangegangenen Wirkungsstätte in den neuen Job mitbringen – Claus Peymann hatte, als er ans Burgtheater kam, reichlich Bochum im Gepäck. Anna Badora verpflanzt Aufführungen des Schauspielhauses Graz an das Volkstheater in Wien. Im Fall von „Das Missverständnis“ hat es sich in hohem Maße gelohnt. Und das in doppelter Hinsicht.

Erstens: das Stück. Es ist einfach grauenvoll und dabei völlig glaubwürdig in seiner Voraussetzung. Dass zwei einsame Frauen in einem einsamen Gasthof alleinreisende Gäste umbringen, um sie zu berauben und sich den Wunsch nach einem anderen, besseren Leben – symbolisiert durch das „Meer“, an das sie ziehen wollen – zu erfüllen. Sie kennen die Fremden nicht, zerbrechen sich nicht weiter den Kopf, servieren einen Trank voll Gift, werfen die Leichen in den Fluß…

Das ist Nihilismus pur, der schon funktionieren würde, wenn nicht die Tragödie geradezu antiken Ausmaßes (die aber wiederum auf der Hand liegt) einträte: Der Sohn der alten Frau, Bruder der jüngeren Frau, kehrt nach 20 Jahren heim, will sich nicht zu erkennen geben, weil er – weniger sentimental als in der Hoffnung auf eine Sprache des Blutes – erkannt werden will. Er wird es nicht, wird ermordet wie die anderen auch. Damit ist aber auch das Leben von drei Frauen – Mutter, Schwester, Ehefrau des Toten – am Ende. Die Sinnlosigkeit menschlichen Tuns und Strebens springt einen an. Ein Abgrund des Nihilismus, der in einer Weise unter die Haut geht, dass man selbst erstaunt ist – wie kommt es, dass man Camus kaum je spielt?

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Zweitens: die Aufführung. Man muss kein dezidierter Freund und Bewunderer des „Puppentheaters“ von Nikolaus Habjan sein, man kann diese „Methode“ der Interpretation, so virtuos mit den Klappmaulpuppen auch umgegangen wird, durchaus für überschätzt halten. Aber im „Missverständnis“ passt die Verwandlung, passt die Verdoppelung in erstaunlicher Weise. Es ist völlig einsichtig, dass der Sohn sich ein anderes Gesicht gibt, es ist klar, dass Mutter und Tochter nicht nur ihr mörderisches Selbst besitzen – und die einzige klare, eindeutige Figur des Stücks, die unverstellte Gattin des Sohnes, ist auch ohne verdoppelnde Puppe zu sehen.

Die Bühne von Jakob Brossmann, mit einem Mini-Häuschen gekrönt, das sicher absichtsvoll an Hitchcocks „Psycho“-Horrorhaus erinnert, ist schief – so schief wie etwa eine halb im Meer versunkene „Titanic“. Der Effekt ist verstörend, man kann Kopfweh davon bekommen. Hier spielt, in pausenlosen eindreiviertel Stunden, die Geschichte, die durch die Puppen einerseits natürlich Verfremdung, andererseits gesteigerte Intensität erhält. Wie die drei Darsteller, die ihre Figuren führen und im Hintergrund den Text sprechen, es schaffen, dass sie selbst kaum zu existieren scheinen und ihr Leben, ihre Sprache in diese Figuren eingeht (die im Fall von Mutter und Tochter, weiße Gesichter, schwarze Gewänder, unausweichlich „Tod“ atmen) – das ist phantastisch.

Wobei Nikolaus Habjan selbst die Tochter spielt, kaltherzige Entschlossenheit und ganz, ganz tiefes Unglück zugleich, aber Seyneb Saleh als alte, an ihrem Tun zweifelnde Mutter immer die stärkste Wirkung erzielt – und vorher und nachher als menschliche Ehefrau ein ganz anderes Geschöpf ist. Florian Köhler gibt, Jan, das Opfer, und alle drei sind (wer halt gerade „frei“ ist) abwechselnd auch der alte Knecht in einer Verkleidung, die eine Horrorfilm-Figur aus ihm macht.

Vielleicht hat Nikolaus Habjan als Regisseur genau dieses Horrorfilm-Element vor Augen gehabt – aber hingezielt und getroffen hat er ins Herz der Finsternis, in den Camus’schen Nihilismus, und hat einen Abend des Schreckens hingestellt, der schwer unter die Haut ging.

Renate Wagner

 

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