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WIEN / Volkstheater: BON VOYAGE

18.09.2012 | Theater

WIEN / Volkstheater:
BON VOYAGE von Rupert Henning
Uraufführung. Nach einer Idee von André Heller
Premiere: 14. September 2012,
besucht wurde die zweite Vorstellung am 18. September 2012

Greta Keller (1903-1977) stand in ihrer Jugend mit der nur wenig älteren Marlene Dietrich gemeinsam auf der Bühne. Die Deutsche hat allerdings die ungleich größere Karriere gemacht als die Wienerin, die „nur“ Diseuse wurde und damit den Ruhm der Live-Auftritte, Radiosendungen und Schallplatten genoss, nicht aber den viel weiter reichenden des Films. Die Keller konnte ihre Biographie, in der es offenbar drei eher tragische Männerbeziehungen gab, auch nicht wie die Dietrich mit zahlreichen großen Namen der Filmszene schmücken, die Marlene als Liebhaber vorführte. Tatsächlich ist, wenn man von der bloßen „Aktion“ ausgeht, in diesem Leben nicht viel los gewesen. Außer der Tatsache, dass die Keller Deutschland verließ, obwohl sie es nicht gemusst hätte, im Gegenteil: Man hatte ihr (wie ja auch der Dietrich) von Seiten Hitlers große Angebote gemacht, die beide Damen ablehnten.

Rupert Henning hat nun eine Art von Greta-Keller-Stück geschrieben, das allerdings deren Schicksal vor allem dazu benützt, Andrea Eckert eine große Rolle zu verschaffen. Nach ihrem Felix-Mitterer-Erfolg im Vorjahr ist wohl klar, dass es auch dem Volkstheater und seinen Auslastungszahlen gut tut, wenn von Zeit zu Zeit ein „Star“ auf den Brettern erscheint. Nun kann sie gleich drei Rollen an einem Abend verkörpern.

Denn Henning wollte offenbar die Möglichkeiten der Eckert vergrößern und ihr auch die virtuosen Umstiege von einer Figur zur anderen verschaffen: Erstens die Keller von der Jugend in Wien bis ins Alter mit Krebserkrankung, wieder in ihrer Heimatstadt. Zweitens erfand er eine Wiener Arbeiterfrau, die er Anna nennt und die als großer Greta-Keller-Fan erscheint. Um diesen beiden Schicksalen, die im Lauf des Abends parallel laufen, noch einen Rahmen zu verschaffen, gibt es die Enkelin der Arbeiterfrau. Die ist offenbar eine Journalistin, die Omas Koffer mit den Keller-Erinnerungen abholt.

Wirklich überzeugend ist die Anreicherung der tatsächlichen Biographie mit den fiktiven Geschichten nicht. Es geht darum, am Beispiel der Anna österreichische Zeitgeschichte, vor allem in der Zwischenkriegszeit und während des Zweiten Weltkriegs aufzuarbeiten. Aber die Figur bringt wenig, zumal Andrea Eckert mit ihrem Schönbrunner-Wienerisch hier vielleicht darstellerisch, aber nicht wirklich sprachlich überzeugt. Der so ausgewalzte Abend, der letztendlich zweidreiviertel Stunden dauert, wäre vermutlich überzeugender, wenn das Keller-Schicksal als Monolog gestaltet wäre und ihre Karriere dabei ein bisschen genauer, detailreicher geschildert würde.

Man muss heute keine alten Greta Keller-Platten im Regal haben, man kann sie sich im Internet ansehen, und da zeigt sich schnell, dass Andrea Eckert eigentlich keine Ähnlichkeit mit ihr hat. So wird das nicht zum Greta-Keller-Abend, sondern zum Andrea-Eckert-Abend, und als solcher war er ja auch gemeint. Sie steht erst im Blumenkleidchen, dann im schwarzen Gewand (sie verlor ihren zweiten Gatten unter extrem tragischen Umständen durch einen Mord) schmal auf der Bühne, dabei aufgeladen von Energie und vielfältig als Sängerin. Sie und die fünfköpfige Band finden sich zwischen flottem zwanziger Jahre Humor („Benjamin, ich hab nichts anzuziehen“) bis zur schweren Tragik, die später vorherrscht, stilistisch voll zurecht. Was diese Tragik betrifft, so wird der Abend im zweiten Teil immer schwerer und länger.  Das Publikum aber blieb (bis auf die wenigen, die nach der Pause nicht wieder kamen) bei der Stange.

 Die zweite Vorstellung war gänzlich voll, und die Zuschauer klatschten begeistert. Bei der zweiten von drei Zugaben („Sag beim Abschied leise Servus“) wurde sogar schüchtern mitgesungen.

Heiner Wesemann

 

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