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WIEN / Volkstheater, Bezirke: NORA

16.02.2012 | Theater

 
Annette Isabella Holzmann, Till Firit  (Foto: Volkstheater)

WIEN / Volkstheater in den Bezirken:
NORA ODER EIN PUPPENHEIM von Henrik Ibsen
Premiere: 15. Februar 2012, besucht wurde die Voraufführung

Wenn ein Stück so weltberühmt ist wie Ibsens „Nora“ und wir uns (nicht erst heute) so schwer damit tun, muss man nach den Ursachen fragen. Nun, 1879 geschrieben traf Ibsen punktgenau die damalige Situation der bürgerlichen Ehefrau, die tatsächlich das „Eigentum“ des Mannes war, mit seinem gänzlichen Bestimmungs- und Verfügungsrecht über sie, wodurch sich die Frauen quasi durch alle möglichen Tricks ihre Stellung in ihren Ehen erarbeiten mussten (etwa mit der „Weibchenhaftigkeit“, die Nora an den Tag legt). Der Schlussmonolog der Nora hat nie gestimmt, weil er einen Erkenntnisprozess voraussetzt, der in der Figur nicht angelegt ist, aber was Ibsen einer durch und durch chauvinistischen Männergesellschaft damals zu sagen hatte und es durch Noras Mund tat, war so wichtig und so provokant, dass man den Ruhm des Werks mühelos daraus erklärt.

Wir hingegen vermögen in der Nora vielleicht die romantische Närrin sehen (falls es diesen Frauentyp noch gibt), aber sicherlich ist die Tatsache, dass sie am Ende ihren Mann verlässt, in unserer Welt absolut kein Problem (und keine Leistung) mehr – Tausende und Abertausende Frauen tun es in gescheiterten Ehen täglich. Was also fängt man mit einem Stück an, das erstens nicht so gut ist wie sein Ruf und verdammt schwer zu spielen, und das zweitens von vorn und hinten nicht mehr stimmt?

Auch Babett Arens, einst eine der führenden Schauspielerinnen des Volkstheaters in der Ära Emmy Werner, nun als Regisseurin zurückgekehrt, konnte sich nicht entschließen, Noras Geschichte einfach als historischen Tatbestand hinzustellen und solcherart „stimmig“ zu machen: Es wagt heutzutage einfach niemand mehr, den Menschen auf der Bühne die Kostüme ihrer  Epoche anzuziehen und von dort ausgehend auf die heutigen Erkenntnisse hinzuarbeiten… Und dabei macht man es sich so schwer, wenn Nora in einer geradezu scheußlichen Wohnung der sechziger Jahre etwa (Bühne: Hans Kudlich) leben muss, in reizlosen Gewändern (Kostüme: Erika Navas), eingeschlossen von Pappkartons, weil man ja bald übersiedeln will… Hatte man damals übrigens schon Dienstmädchen aus dem Ostblock? Und Abbas „Money, money, money“ (sehr passend für dieses Stück: Money, money, money / Must be funny / In the rich man’s world) stammte aus der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Egal, Ibsens Zeit, die die richtige gewesen wäre, wurde durch eine andere ersetzt, in der das Stück ebenso wenig stimmt wie heute – wenn sich auch nach wie vor alles um Geld dreht.

Im besten Teil ihrer Inszenierung hat Babett Arens Ibsen von den Personen her geknackt, vor allem bei Noras Gatten, dem Advokaten Helmer: Das ist die Meisterleistung des Till Firit, manchmal ein Seiltanz, der in die Parodie umkippen könnte, sich aber immer noch rechtzeitig fängt. Das ist die Studie des peniblen, gesetzestreuen Spießers mit den tiefen Ängsten um seine bürgerliche Existenz, dessen Leben normalerweise durch seine von ihm gönnerhaft behandelte Frau (auf die er vor allem in der Szene nach dem Ball erotisch voll angespitzt ist) durchaus erhellt wird, wenn sie ihn nicht mit ihrer Verschwendungssucht in die tiefe Unruhe stürzt, die ihn stets in den Krallen hält. Diese Leistung sollte beim hauseigenen Skraup-Preis keineswegs vergessen werden.

Sehr interessant auch zwei weitgehend neue Gesichter: Katrin Grumeth wirkt so unscheinbar und dabei so sympathisch und vernünftig als Frau mit dem schweren Schicksal, die kein großes Wasser um sich macht, und der meist so unsympathisch-schmierige Krogstad ist in Gestalt von Tobias Voigt nichts anderes als ein Mann, der schlechtweg um sein Leben kämpft. In der Szene, wie Tim Breyvogel als Doktor Rank klar macht, dass er sein Leben verliert, erzielt er tatsächlich beklemmende Wirkung. Irene Pernsteiner ist eine anteilnehmende Bedienstete mit Ostblock-Akzent.

Wo der Abend dann doch verliert, ist die Besetzung der Nora. Man hat Annette Isabella Holzmann oft in Nebenrollen im Haus gesehen und so gut wie immer positiv wahrgenommen. Die Nora kann sie gar nicht bewältigen, weil es dermaßen nicht ihre Rolle ist. Dieses Geschöpf muss, um dem Publikum nicht berechnend und leider schlechtweg dumm entgegen zu kommen, einfach eine naive Romantikerin sein, die sich in die Rolle einer Heldin hineinträumt, die von ihrem Mann die Anerkennung dieses Heldentums und seinen Edelmut erwartet – und über den Abgrund einer nüchternen Wirklichkeit stürzt. Ihr Leichtsinn und ihre sträfliche Dümmlichkeit dem realen Leben gegenüber müssten mit einer entwaffnenden Selbstverständlichkeit in ihr verankert sein, ebenso wie eine elementare Weibchenhaftigkeit, die mit angeborenem Instinkt den Weg findet, einen Mann um den Finger zu wickeln. Wenn eine Schauspielerin wie Annette Isabella Holzmann so viel Intellekt und heutiges Selbstbewusstsein ausstrahlt, kann ihre Nora nur an der Rolle vorbeigehen und nichts begreiflich machen. Sicherlich, man wüsste derzeit am Haus keine Alternative: Aber wenn man eine Hauptrolle nicht besetzen kann, gibt es immer noch ein unglaublich probates Mittel – nämlich ein Stück gar nicht erst spielen…

Renate Wagner

 

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