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WIEN / Volkstheater-Bezirke: DIE KAKTUSBLÜTE

04.04.2012 | Theater

WIEN / Volkstheater in den Bezirken: 
DIE KAKTUSBLÜTE von Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy
Premiere: 4. April 2012  

Es ist ja nicht unbedingt üblich, dass man in der Karwoche mit knalligem Boulevard antritt, aber genau das geschah für die jüngste „Bezirke“-Premiere des Volkstheaters. Dass die „Kaktusblüte“ des französischen Komödien-Autorenpaares Pierre Barillet und Jean-Pierre Grédy eine alte und ziemlich ausgelutschte Geschichte und daher so lustig nicht mehr ist – das war ja wohl nicht beabsichtigt. An dem Filmruhm von Matthau, Bergman, Hawn ist nicht zu rütteln, besser kann man es nicht machen, auch wenn das Volkstheater Doris Weiner für die titelgebende Sprechstundenhilfe – ein stachelige Dame, die spät aufblüht – einzusetzen hat. Die Weiner reist Jahr für Jahr mit vorbildlichem Einsatz durch die Bezirke (die Anmoderation des Abends, in den Vorstellungen „draußen“ Tradition, sonst stets ihre Sache, übernahm bei der Premiere Direktor Michael Schottenberg persönlich), dafür verdient sie eine Hauptrolle pro Spielzeit. Nächste Saison wird es, wie man schon erfuhr, die Amanda Wingfield in der „Glasmenagerie“ sein.

Doris Weiner genoss es also, von dem schrulligen Fräulein zum – na, nicht direkt Schwan, aber zur souverän fröhlichen Person zu mutieren, teilte sich aber den Damenanteil des Abends gerecht mit Pippa Galli: Mit einer Art Goldie-Hawn-Frisur und der rechten Mischung von lästiger Gutmenschen-Betulichkeit und jugendlicher Frechheit gab sie der lauen Geschichte so viel Schwung als möglich.

Interessant, dass man keinen der Herren, die auf die Bühne kamen, kannte – das heißt, Nachmittags-Soap-Sehern ist Stephan Schill vermutlich ein Begriff, und er hat auch schon optisch die leicht künstliche Erscheinung der unechten Fernsehfiguren. Er wirkt auch, als käme er aus einer jener etwas verquälten Boulevard-Aufzeichnungen, die man früher aus Berlin oder Frankfurt im TV sehen konnte. Kurz, spürbar ein wenig Fremdkörper inmitten der Österreicher, denen seine Kollegen spürbar angehörten: Michael Schusser, gut aussehender Nachwuchs, von dem man mehr sehen müsste, um ein Urteil zu fällen, und Reinhold G. Moritz, eindeutig Kabarettist, in vielen Rollen eingesetzt, was er als rabiaten Verkleidungsscherz begriff. So gewaltig, wie er aufdrehte, könnte man sich vorstellen, hätte Regisseur Andy Hallwaxx diese Figuren selbst gespielt, hätte er denn mitgewirkt.

Man gewann den Eindruck, Hallwaxx habe selbst gemerkt, wie relativ mühselig sich die alte Geschichte bis zur Pause schleppte, denn danach hat er – immer schon mit Musikdramaturgie arbeitend – gewaltig anziehen lassen, vor allem in witzig-gelungenen Tanzszenen und jener schamlosen und dann doch wieder legitimen Übertreibung, mit der die Schauspieler sicher sein können, Lachsalven und Sonderapplaus zu ernten.

So dass man dann am Ende des Gefühl hat, der von Hans Kudlich bemerkenswert praktisch ausgestattete, von Erika Navas altmodisch eingekleidete Abend sei lustiger gewesen, als er war. Um einiges länger als die zweieinviertel Spielstunden wirkte er jedenfalls.

Renate Wagner

 

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