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WIEN / Volkstheater-Bezirke: DIE GLASMENAGERIE

03.10.2012 | Theater

 

WIEN / Volkstheater in den Bezirken: 
DIE GLASMENAGERIE von Tennessee Williams
Premiere: 3. Oktober 2012 

Auch Theaterkritiker werden bisweilen müde, und es gibt Stücke, die ihnen tiefe Seufzer abringen, weil sie sie so oft gesehen haben und sich schwerlich vorstellen können, dass ihnen noch etwas Neues zu entlocken sei. Aber glücklicherweise ist man in diesem Beruf – beim Theater eben! – vor Überraschungen nicht gefeit. In der Außenbezirksvorstellung des Volkstheaters zeigt der Regisseur René Medvešek, dass man nur sehr genau zuhören muss, um aus der alten, scheinbar so ausgelaugten „Glasmenagerie“ des Tennessee Williams einen schlechtweg spannenden Theaterabend zu machen.

Es ist schon ein sehr „gut gemachtes“ Stück, das merkt man natürlich. Jede Figur behauptet als Individualität ihren Raum, steht aber für eine grundsätzliche Position im Leben. Wobei Williams die Menschen hier in die „Lauten“ und die „Leisen“ teilt. Zu den Lauten zählt Amanda Wingfield, die ehemalige Südstaatenschönheit, die bessere Zeiten gesehen hat und mit einer etwas schäbigen Realität nicht zurecht kommt. Sie zählt zu jenen Menschen, die sich in ihren Lebenslügen suhlen. Sie wissen alles, wissen alles besser und müssen dieses Wissen mit lauter Stimme  unbedingt jedermann aufdrängen – man kennt ihresgleichen. Sie können schmerzen, Nerven ziehen und Kraft aussaugen.

Auch Jim O’Connor, der junge Ire, der in der Highschool so brillant war und es dann typischerweise im Leben zu nichts bringt, ist ein Lauter – entschlossen, sich um jeden Preis durchzusetzen, ein Schwätzer, der ein bisschen Basiswissen der Analyse gelernt hat und dieses großspurig anwendet. Einer, der so lange von sich überzeugt sein wird, bis er dem Grab zugeht – und wahrscheinlich lebenslang ein Niemand geblieben ist.

Tom Wingfield ist leise, er ist ein Dichter, er verzweifelt an einer seismographisch aufgefangenen Realität, kann das leere Geschwätz der Mutter nicht ertragen – aber noch weniger das Schicksal der Schwester: Wenn er aus der Familie flieht, dann aus Mitleid, aus weichem Herzen. Tennessee Williams hat dies als junger Mann am eigenen Leib erlebt:  Und wenn er nicht die Kraft hatte, seine Schwester Laura in ihrem Elend zu ertragen, so gab ihm doch ein Gott, dieses Stück zu schreiben und sie in den Theaterhimmel zu heben.

Laura Wingfield, das Mädchen, das hinkt, das als stille Einzelgängerin geboren ist, das in einer lauten, brutalen Umwelt unweigerlich untergehen muss. Sie spielt mit filigranen Glastierchen, weil sie sich hier vor nichts fürchten muss. Und sie wird von der Mutter in die schreckliche Situation gedrängt, dass man ihr einen „Verehrer“ engagiert, der in ihr ganz kurz Hoffnungen weckt – und sie gleich wieder zerstört. Nicht, dass es sie wunderte…

Andrea Bröderbauer ist eine der interessantesten Lauras, an die man sich erinnert, aus dem einfachen Grund, weil sie das „arme Hascherl“ verweigert, das sich für diese Rolle so billig anbietet und tausendfach bedient wurde. Bei ihr stellt sich Lauras innere Stille und Anderssein nicht aus, es ist ein ganz normaler Seinszustand. Ein hübsches, etwas abwesendes Geschöpf, das mit keiner Geste um des Publikums Mitleid bettelt. Bemerkenswert.

Goldrichtig auch die Mutter als totaler Gegenpol: Amanda Wingfield muss genau die Nervensäge sein, die Doris Weiner mit nie erlahmender Energie auf die Bühne stellt, alles um sich totplappernd, nie an sich zweifelnd, fast unschuldsvoll in ihrer Penetranz. Allerdings verweigert man ihr (im Gegensatz zur Tochter) am Ende die Anteilnahme – die auch im Stück steckte, wenn man es anders spielte: Denn die Niederlage, die Amanda nach dem verfehlten Kuppelversuch einstecken muss, ist zu hart. Aber die Amanda der Doris Weiner, dessen ist man sicher, wird zu keinerlei Erkenntnis kommen.

Normalerweise gehört das Stück den beiden Frauen, und die zwei jungen Männer bleiben im Hintergrund. Nicht hier, da spielen sie absolut gleichwertig mit. Ferdinand Seebacher, neu im Ensemble, ist als Sohn Tom (also als der junge Tennessee Williams himself) so präsent, wie es der Erzähler einer Geschichte nur sein kann, und man spürt, wie weh ihm alles tut.  Tim Breyvogel macht den jungen Jim mit seinem amerikanischen Erfolgstraum mehr sympathisch als unerträglich, was der Figur gut tut: Tatsächlich ist die große Szene zwischen ihm und Laura der Höhepunkt des Abends, da hat der Regisseur tausend Nuancen der Beziehung gefunden und teilweise mit einer Zartheit angespielt, die die Bühne mit Hochspannung auflädt.

Der Raum von Hans Kudlich ist offen und bescheiden (die Aufführung wandert schließlich allabendlich von Spielort zu Spielort), die Kostüme von Aleksandra Kica weitgehend neutral (da könnte man vor allem bei Amanda mehr auf die Tube drücken). Es ist ein Abend ohne Mätzchen: Er erzählt, was man in dem Stück finden kann, und er beleuchtet bei seiner genauen Betrachtung der Figuren das eine oder andere Detail neu. Das Publikum schien zu spüren, dass es etwas Gutes sah.

Renate Wagner

 

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