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WIEN/ Volksoper: GRÄFIN MARIZA – Wiederaufnahme

14.01.2020 | Operette/Musical

12.01.2020: „GRÄFIN MARIZA“ (Volksoper, Wiederaufnahme)

Quasi als erste „kleine“ Premiere im Neuen Jahr wurde am Währinger Gürtel die Wiederaufnahme der ur-ungarischen Operette in der ansprechenden Interpretation von Thomas Enzinger begangen, der die Geschichte vom verarmten Grafen und seiner steinreichen, aber im  Misstrauen gegenüber ihren geldgierigen Verehrern unglücklich gefangenen Gräfin in die Entstehungszeit nach dem 1. Weltkrieg verlegt und sie von Tschekko, dem alten Diener der Mariza (berührend Franz Suhrada), einem kleinen Mädchen (anmutig Emma Westerkamp, ein Kind des Kinder- und Jugendchors des Hauses) im Rückblick erzählen lässt, wobei das Kind mit seinen teils naiven, teils einfühlsamen Fragen das Geschehen vorantreibt.

In den chiquen Kostümen der Zwanziger Jahre (Bühnenbild und Kostüme: Toto) machte  Caroline Melzer eine elegante Figur und gestaltete die fordernde Titelpartie wortdeutlich, fast mühelos, mit sicherer Höhe als in aller Überheblichkeit doch stets auch verletzliche junge Frau von Stand. Im „unteren Drittel“ verfügt sie vielleicht nicht über die Durchschlagskraft, die der Komponist der Rolle abverlangt, die er ganz nahe am „jugendlich-dramatischen Ufer“ angesiedelt hat. Dennoch legt sie im 2. Akt ein emotionales Finale hin, das auch den schonungslosen Blick einer Filmkamera nicht scheuen müsste. Carsten Süss hingegen brauchte als Tassilo ein Auftrittslied lang, um stimmlich in die Gänge zu kommen und hatte seine starken Momente vor allem dort, wo er sich in baritonalen Gefilden, sicher vor allzu exponierten Höhen, bewegen durfte. Insgesamt ist ihm die Kraft, die er musikalisch auf die Gestaltung des Grafen im Gewand des Gutsverwalters aufwendet, anzuhören und anzusehen.

Mit Jakob Semotan (Baron Zsupán) und Juliette Khalil (Komtesse Lisa) stand ein geradezu ideales Buffo-Paar auf der Bühne, das es verstand, die Möglichkeiten seines „Nebenfachs“ voll auszuschöpfen und stimmungsmäßig den Pulsschlag der an sich ja eher ernsten Geschichte in die Höhe zu treiben. Das zierliche, mit erstaunlich kräftiger Stimme ausgestattete „süße Mädel vom Dienst“ und der etwas stattliche, mit unglaublicher Bewegungskomik gesegnete „Elvis-Verschnitt“ harmonieren in Statur und Energie hervorragend und steckten mit der Freude, die sie sichtlich selbst an ihrem Tun fanden, auch das Auditorium an.

Toni Slama, der als Fürst Populescu ja in dieser Produktion eher auf den wenig sympatischen, intriganten Schnösel reduziert ist, gab sein Bestes und war nur in den Gesangsnummern ohne Verstärkung auf aussichtslosem Posten. Als Fürstin Božena platzierte Volksopern-Legende Helga Papouschek im dritten Akt gekonnt ihre Pointen, sekundiert vom Direktor des Hauses, der in der ihm eigenen Weise mit dem vertrottelten Kammerdiener Penižek am Ende des Abends einen komödiantischen Höhepunkt setzte. (Dass die Gewohnheit abgekommen ist, an dieser Stelle des Werks dem Publikum ein Wiedersehen mit seinen ganz großen Lieblingen zu schenken, die sich von der Bühne eigentlich schon zurückgezogen haben – man denke etwa an die unvergessene Welitsch – sei hier, ohne die Verdienste der beiden genannten Darsteller im Mindesten schmälern zu wollen, dennoch mit ein wenig Bedauern angemerkt.) Annely Peebo las mit dunkler, dramatisch-fülliger, in der Höhe nicht ohne Weiteres anspringender Stimme der Mariza die Zukunft aus der Hand, Nicolaus Hagg oblag die etwas undankbare, für den „Informationsstand des Publikums“ aber wichtige Aufgabe des Karl Stephan von Liebenberg. Gregory Rogers führte als Primas die obligate Zigeuner-Kapelle an.

Orchester und Chor, Kinderchor und Bühnenorchester der Volksoper zeigten sich von ihrer besten Seite, vor allem die Konzertmeisterin und der quasi im Dauereinsatz befindliche Musiker an der Zymbal seien eigens hervorgehoben, und auch das Wiener Staatsballett sorgte für feurige Stimmung. Sie alle standen unter der Leitung des jungen deutschen Dirigenten Karsten Januschke, der die kostbare Kálmán‘sche Partitur schwungvoll, wenngleich sowohl in Tempo und Lautstärke nicht immer ganz sängerfreundlich, zum Leben erweckte.      

Valentino Hribernig-Körber

 

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