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WIEN/ Volksoper: FIDELIO. Premiere

26.05.2014 | KRITIKEN, Oper

Fidelio“ Premiere 25.Mai 2014 in der Volksoper Wien

Viele Buh-Rufe für das Regieteam

Markus BOTHE ist an seinen eigenen Ideen in der Regiearbeit kläglich gescheitert. Was wollte er uns offenbaren – dass sich unser Leben  auf dünnem Eis bewegt? Dass die „Fidelio“ Problematik immer noch zeitlos und derzeit überaktuell ist? Wo immer in irgendeinem Land auf der Welt Kriege herrschen, und dass ebenso auch in Europa nicht nur Armut und Ungerechtigkeit zum täglichen Alltag gehören, sondern in verschiedenen Ländern auch immer wieder Bürgerkriege derzeit wie auch auch in Zukunft geführt werden? Nehmen wir nur als Beispiel die Gefangenenlager in Kuba, China, Nordkorea und Südamerika – was hat sich geändert?

Nichts hat sich seit Jahrhunderten und mit heutigem Tag verändert Herr Bothe! Nur wenn sie schon die unheilvolle und zerstörerische Welt dem Publikum vorführen wollen – so sollten sie doch mehr in die Tiefe gehen. Mit ihrer Interpretation von Inszenierung haben sie leider nicht den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn alles wirkt oberflächlich, flach und grotesk gegenüber dem Ernst der Lage – dies war sicherlich auch nicht im Sinne Beethovens.

Denn er, der mit jeder Faser seines Herzens dieses musikalische Monumentalwerk schuf, verstand sehr wohl die Bedeutung des Urtextes von Jean Nicolas Bouilly, welches zunächst von Sonnleithner ins Deutsche übersetzt, später dann von Georg Friedrich Treitschke in weiterer Folge bearbeitet wurde – doch Sie haben es offenbar nicht verstanden.

Bedenke man, dass die Urfassung (Leonore), die zunächst aus 3 Akten bestand, in der Uraufführung am 20.11.1805 am Theater an der Wien zunächst vom Publikum abgelehnt wurde, so stößt man hier ebenso auf Unverständnis, was ihre Regiearbeit betrifft. Nur gab es damals andere Beweggründe und Umstände, warum diese Oper zunächst durchfiel. Nämlich weil das Theater an der Wien überwiegend von französischen Soldaten besucht, und das Werk offenbar mit einer Spieldauer von über 3 ½ Stunden einfach zu lang war.

Dieses außerordentliche Werk, welches immer wieder textlich und musikalisch neu bearbeitet und ständig gekürzt wurde, wurde für Beethoven selbst zu einem Leidensweg. Ein Leidensweg wo viele „Ränke und Kabalen“ von Seiten der Theaterdirektion und dem Sängerpersonal zu erdulden waren.

Bei dem die Ouvertüre ständig verändert wurde, bei dem entweder die Blasinstrumente zu schwer waren – oder weil die dritte Ouvertüre immer noch zu lang und für die Streicher nicht zu spielen waren. Wo Beethoven dann letztendlich eine vierte Ouvertüre (in E- Dur) schrieb, die dann endlich mit der Abänderung des Buches von Treitschke, unter eigener Leitung des Meisters am 23.Mai 1814 im Kärntnertortheater uraufgeführt wurde.

Bedenke man das zwischen der Entstehung dieses Werkes bis zur zweiten Uraufführung beinahe 10 Jahre dazwischen lagen, so ist es geradezu erstaunlich, dass dieses viel umstrittene Werk überhaupt einen bedeutenden Platz im Opernrepertoire eingenommen hat. Wobei es heute aus internationalen Spielplänen nicht mehr wegzudenken ist.

Speziell auch Beethovens Gesangslinie wirkt instrumental und kommt den natürlichen Möglichkeiten der menschlichen Gesangstimme nicht immer entgegen.

Dass diese Oper schwer zu besetzen und auch für manche Sänger eine große Herausforderung ist, hat man insbesondere an diesem Abend bemerkt. Musikalisch gesehen könnte man nicht einmal meckern.

Denn unter dem Dirigat von Julia JONES erklang insbesondere auch die Ouvertüre sehr kraftvoll. Die Führung der Duette, Arien, Terzette und Quartette waren ausgesprochen gut, und auch das Finale entwickelte sich zu einer musikalischen Steigerung, welches durchaus dem Werk gerecht wurde. Nur die Blechschäden bei den Hörnern, nicht überhörbar, waren hier offenbar nicht im musikalischen Gleichklang zu bringen.

Ein ausgesprochener Hoffnungsträger war Sebastian HOLECEK in der Partie des Don Pizarro, mit seiner inzwischen enorm entwickelten dynamischen und kraftvollen Stimme. Dazu kommt seine brisante Bühnen – Erscheinung, seine sehr ausgeprägte Bühnensprache, die  in der Darstellung des Gouverneurs ausgesprochen überzeugend wirkte.

Selbst Thomas PAUL (Jaquino) mit seiner Spieltenorstimme wirkte zumindest präsent, schien anfangs ein wenig befangen, aber entwickelte im Laufe des Abends viel Spielfreude und stimmliches Niveau.

Leider eine sehr blasse Marzelline (Rebecca NELSEN), wobei sie zwar die Arie „O wär ich schon mit dir vereint…“ nicht einmal so schlecht gesungen hat, aber darstellerisch nicht gerade den Vorstellungen dieser Partie entsprach. Das kann natürlich auch in erster Linie an der Regie gelegen haben, bei der es hier einfach an der Führung einzelner Solisten doch sehr gemangelt hat.

Jede einzelne Rolle hätte hier schauspielerisch als auch darstellerisch erarbeitet gehört. Es fehlte in dem Gesamtkonzept überhaupt an Intensität, und selbst Leonores meist gesprochener Satz „und du bist tot!“ klang doch eher freundlich im Vergleich zu dem, was uns Christa Ludwig in den siebziger Jahren offerierte. Wobei man der diese Aussage wirklich abnahm, weil es derart überzeugend über die Rampe drüber kam.

Nein auch Marcy STONIKAS schien mir nicht gerade überzeugend, wobei ich mir manchmal selbst die Frage stellte, warum spürt und fühlt sie nicht diese Rolle, geschweige denn, was sie singt?

In diesem hochdramatischen Fach muss man auch Aggressionen entwickeln, und man braucht ein ordentliches Potential an schauspielerischem Talent, um dieser Partie als Leonore überhaupt gerecht zu werden. Darstellung und Gesang sollten hier im harmonischen und überzeugenden Einklang stehen.

Auch dies mag wohl an der mangelnden Regiearbeit liegen.

Schlimm genug, dass im Rezitativ und Arie der Leonore im Adagio kurz vor dem Allegro con brio „Komm, Hoffnung, laß den letzten Stern der Müden nicht erbleichen!“ eine kurze Entblößung des Oberkörpers stattfinden muss, die eigentlich überhaupt keinen Sinn ergibt.

Auch die Gesamtoptik im Finale wirkt wegen der ausgesprochen schlechten Kostüme ( Leonore steht im schwarzen Unterhemd und Florestan in der grauen Unterhose auf der Bühne) doch nicht gerade ästhetisch.

Roy Cornelius SMITH konnte zumindest in der Arie „Gott, welch Dunkel hier…“ stimmlich überzeugen. Aber auch hier störte eindeutig der amerikanische Akzent. Natürlich sind viele gute internationale Sänger/innen an deutschsprachigen Opernhäusern vertreten, man hätte sich zumindest bei dem Fidelio um gute deutschsprachige und akzentfreie Protagonisten umsehen müssen.

Zu erwähnen wäre noch Günther HAUMER in der Rolle als Minister Don Fernando, er der zwar erst im Finale auftritt, aber durchaus ein tolles Erscheinungsbild abgab.

Gut einstudiert waren auch die Chorpartien unter der Choreinstudierung von Thomas BÖTTCHER.

Ansonsten „but not lease“ eigentlich eine enttäuschende Aufführung, die gerade am Rande des Erträglichen ablief, wenn man die Augen schließt, um zumindest der Beethovenschen Musik zu lauschen. Denn weder Regie noch Bühnenbild standen hier im Einklang mit dem Erhofften und Erwarteten.

Applaus für die Hauptprotagonisten, insbesondere für Sebastian HOLECEK und eben unüberhörbare Buh – Rufe für den Regisseur, wobei sich offenbar das Publikum diesmal einig war, dass man einen „Fidelio“ in dieser Art und Weise so nicht inszenieren kann.

Manuela Miebach

 

 

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