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WIEN/ Volksoper: DON GIOVANNI. Ein spektakulärer Don Giovanni verbunden mit gesanglichem Hochleistungssport!

15.11.2015 | Oper

Volksopernpremiere “Don Giovanni” am 14.11.2015

 Ein spektakulärer Don Giovanni verbunden mit  gesanglichem Hochleistungssport!

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Copyright: Barbara Palffy/ Volksoper

 Die Malerei hinterlässt in dieser Inszenierung doch eindeutig ihre Spuren. So ist es doch nicht zu verwundern, denn der Regisseur, Bühnen – und Kostümbildner Achim FREYER, bekannt auch als Maler und Graphiker in der internationalen Kunstszene, setzt hier auf optische und bildnerische Akzente. Er verleiht dieser Inszenierung seine eigene bildnerische Handschrift, wobei auch einige Miro – und Kandinsky Einflüsse zu erkennen sind. Freyers Vielseitigkeit zeigte sich bereits in der Zusammenarbeit mit Bertold Brecht, bei dem er zunächst als Meisterschüler für das Bühnenbild verantwortlich war. Neben seiner Arbeit als Bühnen – und Kostümbildner begann er 1977 mit seinen ersten Inszenierungen von Uraufführungen zeitgenössischen Musiktheaters, mit dem er in den darauffolgenden Jahren mit Inszenierungen am Nationaltheater München, Staatoper Stuttgart und Hamburg mit seinen überaus einfallsreichen Inszenierungen nicht nur für Aufregung sorgte, sondern auch große Erfolge erzielte. Freyer ist Sammler internationaler Kunst des 20. und 21.Jahrhunderts, er gründete 2013 in Berlin Lichterfelde West das Kunsthaus der ACHIM FREYER STIFTUNG. Er selbst ist ein Künstler von Weltrang, dessen charismatische Ausdruckskraft sich nicht nur in seinen Bildern bemerkbar macht, sondern auch in seinen Inszenierungen.

Natürlich lässt sich auch in dieser Volksoperninszenierung über Geschmack bekanntlich streiten. Aber wer einmal absieht von allen konventionellen althergebrachten Mozartinszenierungen, kann sich doch im Endeffekt für diese „mit den Augen hören“ so witzige und frivole Don Giovanni Inszenierung wirklich begeistern. Ein wenig Dekadenz ist nicht zu verleugnen, ist aber ebenso ein Spiegel der heutigen Gesellschaft wo Moral und Anstand schon lang nicht mehr zu den Tugenden gehören. Diese fehlende Tugend widerspiegelt sich auch sehr gut in Giovannis Darstellung (Josef WAGNER), die durch die Regiearbeit alle menschlichen Abgründe zum Ausdruck kommen lässt. Es ist doch auch immer wieder die Interpretation der Erotik, die Achim FREYER hier einfließen lässt. Nicht nur die Sehnsucht nach Freiheit, sondern doch in erster Linie die Gier nach Macht sind die charakterlichen Hauptmerkmale des Don Giovanni.

Freyers eigene Betrachtungsweise zu den einzelnen Figuren ist brisant, vielleicht manchmal sogar schwierig zu verstehen, aber doch von so starker psychologischer Bedeutung, sodass man nicht umhin kann, über sein Gesamtkonzept nachzudenken. Die eigentliche Verführung widerspiegelt sich im Spiel aber auch in der Absurdität, in der Exzesse einer Spaßgesellschaft zur Tagesordnung gehören. Vielleicht ist es auch das, was uns Freyer in seiner Inszenierung sagen möchte. Denn neben Fress- und Saufgelage und Verwechslungsspiele zeigt es doch den faszinierenden Kontrast zwischen Liebe und sexueller Begierde.  Hier bewegt sich alles zwischen Himmel und Hölle, wo selbst das Leben zur Hölle werden kann. Einzigartig auch Freyers Personenführung, bei der jeder Bewegungsablauf und jede Geste bis ins Detail ausgetüftelt wurde, und auch die ständigen Veränderungen von Requisiten und das Hin- und Herbewegen von Kulissen auf offener Bühne geben der Inszenierung den besonderen Touch. Manchmal ist das Auge fast überstrapaziert, was die ständigen Bewegungsabläufe betrifft. Ebenso wurden auch einige Stimmorgane überstrapaziert, denn drei Stunden auf der Bühne volle Leistung zu erbringen ist eine Herausforderung für jeden Künstler. Doch man kann sagen, dass an diesem Abend gesangliche Leistung auf höchstem Niveau geboten wurde.

Eine großartige Kristina KAISER (Donna Anna) mit treffsicherer Stimmführung und Timbre und einem schmelzenden technisch perfekten Piano. Ebenso ist sie auch in der Darstellung der Partie überzeugend. Koloratursicher und mit schauspielerischer Komik agiert Anita GÖTZ, eine Zerlina, wie sie „im Buche steht“. Sie hält den vielen Herausforderungen dieser Inszenierung stand, schwebt an einem Seil gebunden über die Bühne, um noch einige andere akrobatische Leistungen zu vollbringen. Geradezu quirlig und mit viel Sex- Appeal beherrscht sie alle Verführungskünste, was das Zeug so hält. Josef WAGNER als Hauptfigur verdeutlichte nicht nur Spielfreude, denn als Don Giovanni verlieh er auch der  Partie den richtigen Charakter. Schauspielerisch kann man hier wirklich von einer „Leichtfüßigkeit“ sprechen, wobei auch der Humor nicht zu kurz kommt – und das verbunden mit stimmlicher Präsenz auch in der Hauptarie. Für die erkrankte Caroline MELZER sprang für die Partie der „Donna Elvira“ Esther LEE ein. Ebenbürtig so wie die anderen Kollegen und Kolleginnen kann man hier von einer guten Stimmführung und von einem angenehmen Timbre sprechen. Sehr lyrisch in der Mittellage überzeugte Jörg SCHNEIDER in der Partie des Don Ottavio, doch in der Höhe schien er einige Probleme zuhaben. Entweder war er wetterbedingt indisponiert oder die Stimme gehört einfach mehr aufgemacht. Für meine Begriffe ist er aber ein ausgezeichneter Mozartsänger und sicherlich auch ideal besetzt, so können hier doch einige Umstände der Grund dafür gewesen sein, das einzig in der Höhe stimmlich technische Schwierigkeiten nicht zu überhören waren.

Als Leporello konnte auch Mischa SCHELOMIANSKI überzeugen, ein blasser, wenig charismatischer Masetto war Ben CONNOR. Es fehlte diesem Bauernlümmel Masetto einfach die freche und burschikose Überzeugung. Als Komtur wäre noch Andreas MITSCHKE positiv zu erwähnen.

Musikalisch bewies das Volksopernorchester wieder einmal, dass es von der Klassik bis hin zum Musical so ziemlich alle musikalischen Register beherrscht. Einfühlsam und mit guter Führung unter dem Dirigat von Jac van STEEN ergab sich eine eigene Mozartsche Klangfarbe, wobei sich musikalische Ausdrucksform und Tempi absolut perfekt, auch nicht zu laut sich an den einzelnen Stimmorganen harmonisch anpassten.

Im Finale nach der Höllenfahrt traf man sich nach Einsicht und einem Versöhnungszeremoniell im Ristorante Giovanni. Ein weiterer Regiegag von Achim FREYER der in dem gesamten Bühnenbild keine großen Umbauten benötigte, sondern wo oft nur vom Schnürboden heruntergelassene Gegenstände oder beleuchtete Metall – oder Pappschilder oder eben die von Hand der Statisten verschobenen kleineren Kulissen den gewünschten (Lach)Effekt erzielten. Irgendwie sahen wir schon schon eine etwas durchgeknallte Inszenierung, in der es auch keine normal übliche Applausordnung gab, sondern wo man an einem Riesentisch der eigentlich die halbe Bühne einnahm, mit geladenen Gästen herumalberte und wo jeder einzelne Solist beim Applaus auf dem Tisch sprang um sich zu verbeugen. Diese lockere Atmosphäre unkonventionell und exzessiv, sollte vielleicht auch an die Künstlerfeste der Berliner HDK am Steinplatz erinnern, wo derartige wilde Feste in den fünfziger und sechziger Jahren stattgefunden haben. Umgekehrt sind aber hervorragende Bildhauer und Maler aus dieser Akademie hervorgegangen.

Doch für Teile des Publikums war das doch eine eher fremde Welt, die vielleicht auch bei einigen Kritikern auf Unverständnis stößt. Hier sollte man aber jedoch neue Perspektiven in der gesamten Inszenierung erschließen, die meines Erachtens zumindest auch ein junges Publikum ansprechen könnte.

Der übliche begeisterte Applaus kam seitens des Premierenpublikums. Ob Don Giovanni ein Dauerbrenner wird –
wird sich erst zeigen. Doch es lohnt sich durchaus, die Vorstellung ein zweites Mal sich anzusehen, um weitere neue Eindrücke und Erfahrungswerte zu sammeln. Denn leicht verdaulich ist dieses Opernwerk in dieser Inszenierung keineswegs.

Manuela Miebach

 

 

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