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WIEN / Volksoper „Die Hochzeit des Figaro“ Premiere 25.11.2012

26.11.2012 | KRITIKEN, Oper

Volksoper Wien

“DIE HOCHZEIT DES FIGARO”  Premiere  25.11.2012

Der tolle Tag – als ein toller Abend

Vor rund vier Jahrzehnten kam MARCO ARTURO MARELLI nach Wien an die Volksoper um sein Handwerk zu erlernen, vor 23 Jahren inszenierte er “Die Hochzeit des Figarozum ersten Mal an diesem Haus. Gestern Abend hatte er wieder unglaublichen Erfolg mit einer Neuinszenierung dieses Werks, das er mit zurückgenommenen Mitteln und in historisierendem Rahmen auf die Bühne stellte, als sehenswert witzig-tumultösem Kampf der politischen Generation des brüchig gewordenen Ancien Régime gegen den gesellschaftlichen Fortschritt, aber auch als dem damit angesagten Kampf der Geschlechter. Und es war ein Abend des uneingeschränkten Publikumszuspruchs!

Herbstliche Pastelltöne zauberten die Kulissenwände mit ihren Andeutungen von Fresken auf die Bühne, verschieblich gaben sie immer neue Schauplätze frei bis diese sich zuletzt in eine efeuüberwucherte Szenerie für den nächtlichen Showdown verwandelten. Marelli war hier auch sein eigener Bühnenbildner, Dagmar Niefind für die stimmigen Kostüme verantwortlich.

Graf und Kammermädchen: Konstantin Wolff und Rebecca Nelsen

Sehenswert die Personenführung, individuell geformt für jeden einzelnen der Charaktereauf der Szene. Der polternde, handgreifliche, in seiner Raserei ironischerweise fast bemitleidenswerte Graf des Konstantin Wolff, dessen angenehm männlich timbrierter Bariton mit der herrischen Attitüde ausgerechnet in seiner großen Arie die Kraft etwas verließ. Seine Gegenspielerin, Rebecca Nelsen als Susanne mit sehenswertem und detailreichem Spiel, glaubwürdig als Kämpferin gegen die Ansinnen des Grafen und als liebender Partner für ihren kammerdienenden Bräutigam. Mit einer ganz vorzüglichen “Rosenarie” krönte sie ihre ausgezeichnete Leistung. Mit der deutschen Sprache tat sich als Figaro Jasushi Hirano schwerer als die anderen Akteure, ebenso mit seinem Spiel, dass in seiner ständigen Zappeligkeit stark an den “Arlecchino” aus Goldonis “Diener zweier Herren” erinnerte. Auch wenn in den Figuren dieser Oper von Ferne noch die Commedia winkt, hier wirkte der Figaro mit diesen formalen Zitaten eher wie ein Fremdkörper und nicht wie ein ernstzunehmender und persönlichkeitsstarker Gegenspieler seines Herrn. Schade.

Mittendrin, wahrlich als Ruhepol mit ihrer so gut und ruhig geführten, bis in die Höhen so klaren und farbigen Stimme Jacquelin Wagner als Gräfin, selbstbewußt im Auftreten, glaubhaft verzweifelnd an ihrem streunenden Gatten. Eine mit recht umjubelte Leistung.

Eine geschlossene Ensembleleistung bot das restliche Personal des Schlosses, der atemlose, naiv und gar etwas zu dümmlich dargestellte Cherubino der Dorottya Láng mit der hübschen Stimme, Sulie Girardi als Marcellina als wunderbare Studie einer Intrigantin, aber auch als liebende Mutter Figaros, Stefan Cerny als in Basstiefen orgelnder Bartolo. Gerade letzterem raubte die deutsche Übersetzung viel vom buffonesken Humor dieser Rolle, allerdings hatte die herrliche Nummer mit den aufgefangenen Büchern, die er so gekonnt mit dem Kammermädchen ablieferte, großen Szenenapplaus.

Rebecca Nelsen verliebt, unter ihr der eifersüchtige Jasushi Hirano

Paul Schweinesters köstlicher Basilio, Wolfgang Gratschmaiers gekonnt stotternder Don Curzio und der liebenswürdig-besoffene Gärtner des Martin Winkler und nicht zuletzt die Barbarina der Mala Malastir mit ihrer außerordentlich gelungenen Talentprobe ergänzten in den kleineren Rollen. Auch der von Holger Kristen einstudierte Chor trug zum Erfolg des Abends bei.

Wie gut das Orchester der Volksoper klingen kann, wie präzise und drängend der “Tolle Tag” abschnurren kann, das konnte Dirk Kaftan, derzeitiger GMD in Augsburg, wieder beweisen, seine bisherige und so erfolgreiche Tätigkeit ist ja auch mit seinen Dirigaten in Graz in bester Erinnerung.

Viel Zwischenapplaus, großer und einhelliger Jubel am Schluss für eine sehenswerte Aufführung.

 

Peter SKOREPA / Fotos: Wiener Volksoper-Barbara Palffy

 

PS.: Ohne den positiven Eindruck des gestrigen Abends schmälern zu wollen: Diese deutsche Fassung raubt letztlich Mozart all seiner komponierten Leichtigkeit, vor allem bei den Rezitativen. In Zeiten internationaler Ensembles und der damit naturgemäß schwereren Verständlichkeit des Gesungenen sowie dem Vorhandensein der schon im vorigen Jahrhundert erfundenen Übersetzungsanlagen, wäre es höchste Zeit, diesem Kuriosum bei italienischen und französischen Opern ein Ende zu setzen. Auch Altabonnenten sollten lernfähig sein!

 

 

 

 

 

 

 

 

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