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WIEN / Volksoper: BALLETTABEND

03.03.2012 | Ballett/Tanz

WIEN / Volksoper: 
CARMINA BURANA / NACHMITTAGEINES FAUNS / BOLERO
Premiere: 2.März 2012  

Debussy, Ravel, Orff. „Nachmittag eines Fauns“, „Bolero“, „Carmina Burana“ – das ist eine Zusammenstellung der Superlative. Mit jedem Komponisten, mit jedem Werk verbindet man etwas Besonderes. Wenn das Wiener Staatsballett diese drei Werke für einen Abend in der Volksoper zusammenstellte, war der Triumph vorprogrammiert. Er stellte sich auch ein, selbst wenn nicht alle Interpretationen gleich überzeugten.

 

Alle Fotos: Barbara Zeininger

Zu Beginn der „Nachmittag eines Fauns“, eine Viertelstunde zu delikater Musik, choreographiert von Boris Nebyla. Mihail Sosnovschi als Faun: das Bekenntnis zum Animalischen schlechthin. Er ist, wunderbar gebändigt und kraftvoll in der Bewegung, wie ein wildes Tier. Er möchte sich bestätigen, sich ausleben, sich paaren: Tainá Ferreira Luiz gesellt sich zu ihm. Ausdruckstanz streift Bodenakrobatik, zwei herrliche „Geschöpfe“ verbinden sich. Ein wundervoller Einstieg.

 

Dann der „Bolero“, dieses musikalische Wunderwerk der minimalistischen Steigerung bis zum großen Ausbruch: Nicht von ungefähr stand der „Bolero“ in dem Film „10“ für den Sexualakt, eine Erregung, die sich letztendlich bis zur explosiven Befreiung steigert. András Lukács sah es anders, er inszenierte ein beeindruckendes Ritual. Zwanzig Tänzer, zehn Männer, zehn Frauen, in langen, weit fließenden schwarzen Taftröcken. Die Oberkörper sind frei, aber die Damen (mit schwarzem Spitzenschmuck um den Hals) tragen körperfarbene Trikots: keinerlei „oben ohne“-Sensation, das wäre zu billig. Lukács arrangiert, von einer Tänzerin ausgehend, die am Ende wieder allein auf der Bühne ist und quasi den Vorhang schließt, die Tänzer zu Gruppen, zu Reihen, zu Paaren, zum gewaltigen Kollektiv. Unglaublich musikalisch lässt er – bis zum rhythmischen Hüftschwung – den jeweiligen Charakter der Musik umsetzen. Es ist ein Spiel der höchsten Ästhetik, die aus Ravels sukzessivem Höherschrauben der Erregung  Bewegung macht – ungemein eindrucksvoll und rechtens bejubelt.

 

Das waren aber gewissermaßen nur die – relativ kurzen – Appetithappen. Danach sollte mit „Carmina Burana“, auch im Titel als Anreiz des Abends an die Spitze gesetzt,  der programmierte Höhepunkt folgen. Aber die aus Belgrad stammende Choreographin Vesna Orlic hatte es weniger leicht als ihre Kollegen, schon der Länge des Werks wegen – gut eine Stunde, eine Fülle in jeder Hinsicht divergierender Szenen, eingerahmt von einem gewaltigen Chor (der für die größten musikalischen Effekte zuständig ist), aber doch relativ frei interpretierbar. Da muss einem sehr viel einfallen.

Ein großer, überzeugender Bogen ist hier nicht gelungen. Am stärksten wirkt der Tanz, wenn Florian Hurler, gekleidet wie eine Priesterin, ihn mit großer Geste leitet. Da gibt es, immer wieder auftauchend, drei Paare: das junge feiert Hochzeit (Suzanne Kertész, Gleb Shilov), das mittlere (Ekaterina Fitzka in Blau, Samuel Colombet) wird von einer eleganten Rivalin in Rot gestört (Gala Jovanovic), dem alten (Gabriele Haslinger, Percy Kofranek) steht am Ende Tod und Trennung bevor. All das wirkt nicht überwältigend stark. In jener Passage, die Orff „In taberna“ nannte und wo er ein Gelage schildert, flippte die Choreographin aus: Zynische Mönche, die am Esstisch eine große silberne Schüssel lüften: Darunter sieht ein Kopf hervor (Tenor Jörg Schneider zuckt im Falsett aus). Dann stürzen sich alle über ihn, und über kurz oder lang werden Knochen genagt. Das Kannibalismus-Fest geht noch weiter: Unter den schwarzen Kutten gibt es rote Rüschen-Röcke, und dann ist CanCan angesagt… Ziemlich geschmacklos, aber niemand machte es der Choreographin beim stürmischen Schlussapplaus zum Vorwurf. Auch nicht das kitschige Ausufern zu einem in weiße Rüschen gekleideten Kinderchor…

Ihren Anteil am Beifall erhielten auch Beate Ritter, die sich mit Orffs wahrlich nicht einfachen Soprantönen (bis in die allerhöchsten Höhen) plagte und Klaus Kuttler, der viel Baritonales beisteuerte. Der Jubel galt ebenso dem eindrucksvollen Chor, den Thomas Böttcher einstudiert hatte, und schließlich dem Dirigenten Guido Mancusi, der zwar  Gustostückerln realisieren durfte – aber verdammt schwierige.

Es war, wie gesagt, ein einhelliger Erfolg. Offenbar konnten alle Choreographen des Abends das Publikum in gleicher Weise überzeugen.

Renate Wagner

 

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