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WIEN / Völkerkundemuseum: AUS DEM PAZIFIK

23.05.2012 | Allgemein, Ausstellungen

 

WIEN / Museum für Völkerkunde:
AUS DEM PAZIFIK
Ein Sammler aus Leidenschaft –  F. H. Otto Finsch (1839-1917)
Vom 16. Mai 2012 bis zum 8. Oktober 2012

 Respekt und Leidenschaft

Die Ausstellung ist mit nur zwei Räumen klein, aber sehr fein, und sie verband ihre Präsentation mit einem wichtigen Ereignis in der Geschichte des Museums für Völkerkunde: Generaldirektorin Sabine Haag präsentierte mit dem Holländer Steven Engelsman den Mann, der nun (nach einem längeren Interregnum) an der Spitze des Hauses steht und dieses nach den Umbauten gänzlich neu positionieren muss. Der alte Glanz – von der mexikanischen Federkrone bis zu den Benin-Bronzen besitzt man hier Höchstrangiges – muss auf einer Ebene moderner museologischer Erkenntnisse wieder hergestellt werden. Die Ausstellung über den deutschen Forscher Otto Finsch bietet nun Gelegenheit, wenigstens einen Teil der im Haus vorhandenen Pazifik-Schätze (konkret in diesem Fall Papua Neuguinea) zu zeigen. Eine kleine, aber feine Gemeinsamkeit –  Steven Engelsman kommt aus der Rembrandt-Stadt Leiden nach Wien, und ausgerechnet in Leiden war Otto Finsch seines Zeichens auch Museumskurator… 

Von Heiner Wesemann

 

Friedrich Hermann Otto Finsch    Wer je in Neuguinea war, der ist vermutlich auch in Finschhafen vorbei gekommen – eine Region an der Nordküste, die noch heute nach diesem bedeutenden Forscher benannt ist, dessen Verdienste um diese Insel gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können. Otto Finsch, geboren 1839 in Schlesien, gestorben 1917 in Braunschweig, Sohn eines bekannten Glasmalers, sollte Kaufmann werden, wandte sich aber der Naturwissenschaft, zuerst der Ornithologie zu. Schon früh konnte er zahlreiche Reisen unternehmen, in denen er seinen ethnologischen Interessen nachkam, er arbeitete auch als Wissenschaftler an den Museen in Leiden und Bremen. Entscheidend für seinen Nachruhm sind seine beiden großen Südsee-Expeditionen (1879-1882 und 1884-1885), die hervorragendes Material über Papua Neuguinea nach Europa brachten – Kunstwerke, die an Ort und Stelle, wie man festhalten muss, natürlich verrottet und verloren wären, da die Eingeborenen sie zwar für den Tagesbedarf und den Ahnenkult herstellen, aber nicht in unserem Sinne „aufbewahren“. 

Ein vorbildlicher Forscher    Vielleicht hatte Otto Finsch von seinem Vater, dessen Entwürfe für Glasobjekte in Schlesien heute noch hergestellt werden, ein außerordentliches Zeichentalent geerbt. Jedenfalls sind neben seinen sorgfältig geführten Tagebüchern vor allem seine Skizzen und Zeichnungen geradezu als sensationell zu bezeichnen. Penibel zeichnete er Gerätschaften oder Schmuck nach, aber beispielsweise auch Menschen, Tiere, Landschaften. Finsch brachte Fotos mit, studierte die lokalen Sprachen, führte Kataloge über Objekte, die auch – mit seiner feinen Schrift bezeichnet – im Original mitgebracht wurden, kurz, arbeitete geradezu vorbildlich, mit hervorragender Beobachtungsgabe, Bewunderung und Respekt über die spezifische Kultur der Einwohner Neuguineas.

  

Die Wiener Bestände    Otto Finsch hatte keine direkten Bezüge zu Wien, weit eher zu Bremen und Braunschweig, der letzten Station seines Lebens, wo sich große Teile seiner Sammlung befinden (ebenso wie in Berlin, wo man doppelt so viel von seinem Nachlass besitzt wie in Wien). Doch auch in Wien wusste man von Finschs ganz besonderer Arbeit, und der Ethnologe Franz Heger, der am damaligen Naturhistorischen Museum arbeitete (aus dessen ethnographischer Sammlung durch seine Weitsicht und Bemühungen das Museum für Völkerkunde hervorging), hat der Witwe und der Tochter von Finsch jene Teile des Nachlasses abgekauft, die nun gezeigt werden – vor allem die in Wien befindlichen 26 Bände der Tagebücher, die Verzeichnisse, Skizzen und Zeichnungen. Die Objekte der Ausstellung – Masken, Werkzeuge, Waffen, Muschelgeld, Schmuck und rituelle Objekte  –  konnte man teilweise aus den eigenen Sammlungsbeständen des Museums ergänzen.

  

Problem Kolonialismus    Man hat der kleinen, feinen Ausstellung, die jeden Südsee-Fan begeistern muss, auch einen informativen Katalog beigegeben, der zwar nicht ein komplettes Verzeichnis der Finsch-Sammlung bietet, aber vieles zeigt und dokumentiert. Problematisch, weil unhistorisch gedacht, sind die „Vorwürfe“, die man Finsch als einem „Vorreiter“ der deutschen Kolonialbestrebungen macht. Nun war der Kolonialismus der Großmächte seit der Entdeckung Amerikas ein fester Bestandteil jeglicher Machtpolitik, und gerade im 19. Jahrhundert versuchten neben den Engländern, Spaniern und Portugiesen, die sich so vieles bereits gesichert hatten, auch die anderen Mächte, ihren Teil vom Kuchen – und der hieß damals vor allem Afrika und der Pazifik – an sich zu reißen. Nicht nur die Deutschen, auch die Franzosen, Italiener, Holländer, Belgier. Und selbst wenn man schon Gebiete besaß, die sich für Rohstoffe ausbeuten ließ, man wollte mehr. Und die Deutschen holten sich neben den Briten  tatsächlich einen Teil von Neuguinea. Dass Finsch den Sepik, den zentralen Fluß Neuguineas, „Kaiserin Augusta-Fluss“ nannte, hat ebenso wenig überlebt wie das „Kaiser-Wilhelms-Land“ (Hauptstadt: Finschhafen), aber den Bismarck-Archipel gibt es noch immer… und die Briten haben ihr Neubritannien, ihr Neuirland hinterlassen.

Gewiß, es gibt ein Gemälde (von seinem Schwiegervater Moritz Wilhelm Hoffman nach einer eigenen Skizze von Finsch gemalt), das Finsch als den „weißen Mann“ inmitten von Eingeborenen zeigt, aber das macht ihn noch nicht zum Imperialisten – im Gegenteil, sein Verhalten den Eingeborenen gegenüber war vorbildlich. Keinesfalls hat Otto Finsch die Wissenschaft als Vorwand benutzt, um den kolonialen Bestrebungen zu dienen, diese waren eher ein Seiteneffekt seiner Tätigkeit. Ihm heute daraus einen Vorwurf zu machen, dass er diesbezüglich ein Mann seiner Zeit war, entbehrt jeglicher Berechtigung.

Bis 8. Oktober 2012, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr

 

 

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