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WIEN / Völkerkunde Museum: NAGA

01.02.2012 | Ausstellungen

WIEN / Museum für Völkerkunde:
NAGA – Schmuck und Asche
Vom 1. Februar bis zum 11. Juni 2012 

 Kopfjäger mit Sinn für Ästhetik…

 Das Museum für Völkerkunde befindet sich noch in einem Zwischenzustand: Das Haus ist renoviert, aber ein Großteil jener Bestände, die seinen Ruhm ausmachen – von der Montezuma-Federkrone bis zu den Benin-Bronzen – werden noch nicht ausgestellt. Der alte Direktor ist zurückgetreten, der neue – der Niederländer Steven Engelsman – kommt erst im Mai. Bisher gab man mit bemerkenswerten Kleinausstellungen (etwa über Etta Becker-Donner, die noch zu sehen ist) Lebenszeichen. Nun hat man eine Großausstellung zu bieten, die zwar zuerst in der Schweiz zu sehen war, aber vor allem auf den wissenschaftlichen Leistungen von Österreich basiert – über die Kultur der Naga. Dem Besucher kann angesichts der Pracht des Gebotenen der Mund offen bleiben.

Von Heiner Wesemann

Die Naga    Unter dem Begriff „Naga“ fasst man zahlreiche Bergstämme im nördlichen Indien an den Grenzen zu Burma und China zusammen. Das heutige „Naga-Land“ ist – so wird es mitgeteilt, um die Dimensionen für uns klar zu machen – etwa so groß wie die Steiermark, wird aber von rund zwei Millionen Menschen bewohnt. Das Besondere der Naga ist vordringlich ihre materielle Kultur – aber diese hing eng und unvermeidlich mit der Tatsache zusammen, dass sie Kopfjäger waren  und das angeblich noch bis um 1970 herum. Das bedeutet, dass die unabhängig von einander an den Abhängen des Himalaya lebenden und agierenden Stämme diese ihre Tradition beibehielten, als die britischen Kolonialherren kamen, als die christlichen Missionare sie von ihrer Naturreligion zum Christentum bekehrten (das sie in einer ganz eigentümlichen Mischform pflegen), und dass die Stämme auch noch in den Unabhängigkeitskriegen, die die Naga dann gegen die indische Regierung führten, auf Kopfjagd gingen. Vordringlich untereinander, von Stamm zu Stamm…

Die Kopfjagd    Die Kopfjagd ist ein blutiges, tödliches Ritual, dient aber nicht der Brutalität, sondern hat einen eindeutig spirituellen Hintergrund: Wer den Kopf eines anderen Menschen „erobern“ kann, holt sich auch dessen Kraft und Macht. Wenn man in der Ausstellung prachtvolle Objekte in ihren leuchtenden Farben betrachten kann wie etwa Zeremonialkörbe, dann sind die dort so effektvoll applizierten kleinen Affenköpfe oder Menschendarstellungen keinesfalls nur Dekoration – sie verzeichnen, wie auch andere Arten des Schmucks (etwa Armbänder), wie viele menschliche Trophäen der Besitzer schon erkämpft hat. Dabei huldigen die Kopfjäger auch dem Ahnenkult wie viele Naturvölker – vor den Gräbern wurden lebensgroße, reich geschmückte Modelle der Toten aufgestellt, zumindest wenn es sich um die „Dorfkönige“ handelte…

 

 Ritualhut / Kopftrophäe

Die Wiener Sammlung      Es ist Mode geworden, die europäischen und amerikanischen Museen dahingehend „anzuklagen“, Kulturgut anderer Völker gewissermaßen verschleppt zu haben. Dass viele Dinge unrettbar verloren wären, hätten die Forscher sie nicht gekauft und sorglich in ihre Institutionen gebracht, wo sie bewahrt, beschützt und wissenschaftlich bearbeitet werden, steht dabei meist nicht zur Debatte. Die Kultur der Naga ist ein Beispiel dafür.
In den Jahren 1936/37 hat der Wiener Ethnologe Christoph Fürer-Haimendorf eine umfassende Feldforschung durchgeführt und 1939 in dem Werk „Die nackten Nagas. Dreizehn Monate unter Kopfjägern Indiens“ beschrieben. Alte Eingeborene erinnern sich noch heute an ihn – dankbar auch für die großzügigen Preise, die er für die Objekte zahlte, die er gekauft hat. Sie machen die Naga-Sammlung des Wiener  Museums für Völkerkunde zu einer der größten existierenden überhaupt. Die umso wichtiger ist, als in den Kampfhandlungen der Jahrzehnte seither die meisten Kunstobjekte verschwunden sind.

Alte Pracht und neue Realität    Die Wiener Ausstellung, die auf 400 Objekte zurückgreifen kann, nennt sich (wie schon die Vorgängerausstellung in Zürich, die nicht identisch war) „Naga – Schmuck und Asche“. Der Schmuck bezieht sich auf die Kostbarkeiten, die man hier zeigt, und deren Ästhetik und Originalität auch konzeptionell war: Wenn ein Mann sich einen Kopfschmuck schuf, dann folgte er nicht unbedingt vorgegebenen Mustern, sondern vielmehr dem Prinzip, je origineller und auffälliger sein Stück wurde, umso größer war das Prestige des Trägers. Darum ist die Sammlung Fürer-Haimendorf von so stupender Vielfalt, Buntheit (mit einer Dominanz von Rot und Schwarz) und Originalität.
Andererseits hat man auch in jüngster Zeit bei den Naga geforscht, darunter der Wiener Ausstellungskurator Christian Schicklsgruber, der 2007 einiges Aktuelle mitbrachte. Er war allerdings vor allem auf der Suche nach dem Wissen der Alten, die etwa Symbole ihrer Objekte noch deuten konnten. Das ist den jungen Naga, die sich als christianisierte Volksgruppe im hinduistischen Indien nicht wohl fühlen, weitgehend verloren gegangen. Um diese als „Asche“ bezeichnete Gegenwart auch zu dokumentieren, hat man etwa eine Naga-Küche von heute aufgekauft (im Hintergrund läuft ein Video-Film darüber, wie darin agiert wird): Es ist tatsächlich eine vergleichsweise glanzlose Gegenwart. So dient eine Ausstellung wie diese nicht nur, wie gerne behauptet wird, einer Exotismus-Sucht der Ersten Welt, sondern erweist sich auch als Bewahrung von in den Zeitenläuften verlorenen Kulturgütern.

Naga – Schmuck und Asche
Museum für Völkerkunde
1010 Wien, Neue Burg, Heldenplatz
1. Februar bis 11. Juni 2012
täglich, außer Dienstag, 10–18 Uhr

 

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