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WIEN / Völkerkunde Museum: JENSEITS VON BRASILIEN

18.07.2012 | Allgemein, Ausstellungen

 

WIEN / Museum für Völkerkunde: 
JENSEITS VON BRASILIEN
Auf den Spuren von Johann Natterer durch Raum und Zeit
Vom 18. Juli 2012 bis zum 7. Jänner 2013 

Die Botschafter Brasiliens

 Das Museum für Völkerkunde war so lange geschlossen, dass man in Wien fast darauf vergessen hat. Nun hat man den Holländer Steven Engelsman berufen, das Haus innerhalb der nächsten fünf Jahre mit den wichtigsten Sammlungsbeständen aufzustellen und damit seinen einstigen glanzvollen Ruf wieder herzustellen. Eine Ausstellung wie „Jenseits von Brasilien“ ist sicher hoch geeignet, Aufmerksamkeit zu erregen: Erstens kann sie sich auf die eigenen Bestände stützen und damit sogar auf Sensationelles aufmerksam machen. Und zweitens ist sie ästhetisch so aufregend und museologisch so glänzend gemacht, dass sie quasi jede Art von Publikum ansprechen wird.

Von Renate Wagner

Als Leopoldine heiraten musste…   Wenn Prinzessinnen aus Kaiser-, Königs- und Fürstenhäusern in fremde Länder heirateten, bekamen sie üblicherweise nichts anderes mit als eine opulente Ausstattung aus Kleidung, Schmuck und manchmal Möbeln. Das Haus Habsburg, das man heute gerne gering schätzt, hatte viele Mitglieder, die sich außerordentlich für die Künste und Wissenschaften interessierten. Als Kaiser Franz I. seine zweite Tochter Leopoldine mit dem Hause Braganza verband (die erste Tochter, Marie Louise, hatte er schon Napoleon in den Rachen geworfen, wo sie sich glücklicherweise ganz wohl fühlte), schickte er 1817 mit der Zwanzigjährigen, die nach Brasilien aufbrach, eine 14köpfige Wissenschaftler-Crew  mit, deren Ergebnisse Österreich bis in heutige republikanische Zeiten auf völkerkundlicher Ebene ungeheuer reich macht. Was Leopoldine betrifft, so wurde sie die erste Kaiserin Brasiliens, und jeder Österreicher, der in diesem Riesenland herumgereist ist, wird immer wieder auf die Spuren der früh Verstorbenen (sie verbrachte bis zu ihrem Tod nur ganze neun Jahre in ihrer neuen Heimat) stoßen: Bis heute bringen die Brasilianer ihr und ihren Kindern (den Enkeln des Kaiser Franz) viel Zuneigung und Respekt entgegen.

 

Natterer, Pohl, Thomas Ender    Die österreichische Brasilien-Expedition, die mit zwei Fregatten von Triest aufbrach, war mit einer Handvoll hervorragender Wissenschaftler bestückt. Der damals erst 24jährige Maler Thomas Ender wurde durch persönliche Protektion des Fürsten Metternich mitgesandt und hat rund 700 Zeichnungen und Aquarelle angefertigt, von denen manche in der Ausstellung zu sehen sind. Man betritt sie übrigens geradezu poetisch durch einen Vorhang, den Enders Bild von der Hafeneinfahrt von Rio ziert… Wichtigster Mann der Expedition war der Zoologe Johann Baptist Natterer (1787 bis 1843), dessen wissenschaftlicher Sammelehrgeiz auch vor einem Spulenwurm nicht Halt machte, den man in einem Reagenzglas bewundern kann. Er blieb nicht weniger als 18 Jahre in Brasilien, unermüdlich reisend, forschend, Objekte zusammen tragend. Ebenfalls enorm wichtig war der Botaniker Johann Emanuel Pohl (1782 bis 1834), der über die Reise auch einen ganz wichtigen Bericht verfasste, aus dem sich in der Ausstellung Zitate finden. Sowohl Natterer wie Pohl waren gewissenhafte Wissenschaftler, die zu ihren Objekten genaue Beschreibungen lieferten, und sie näherten sich den zahlreichen indianischen Ethnien, denen sie begegneten, mit Respekt und Sympathie.

Die Geschichte einer Sammlung   Über zweitausend Objekte, viele davon höchstwertig, kamen in der Folge dieser Expedition nach Wien und erlebten ein wechselvolles Schicksal: Sie bekamen zuerst sogar ein eigenes Museum, waren dann in den Sammlungen des Kaiserhauses integriert, bevor sie im Museum für Völkerkunde ihre derzeitige Heimstatt fanden. Dass man diese sensationellen Objekte, eine der besten Brasilien-Sammlungen des 19. Jahrhunderts, im Grunde nicht ausreichend gewürdigt hat, will diese Ausstellung nun beheben und zuerechtrücken. Kuratorin Claudia Augustat hat dabei den Bogen weit gespannt, von pittoresker Vergangenheit bis Einblicke in die Gegenwart. Die Aquarelle, die man einst von den Schaukästen mit ihren Ausstellungsstücken gezeichnet hat, schmücken pittoresk den ersten Raum – mehr noch: einen Schaukasten von damals konnte man tatsächlich nachstellen, mit einer einzigen Ausnahme haben sich alle Stücke gefunden. Im übrigen huldigen die ersten drei Räume Leopoldine, Natter und der damaligen Expedition.

   

Auf den Spuren der Indianer    Die österreichischen Forscher haben nicht weniger als 70 ethnische Gruppen besucht, deren Objekte nun in der Ausstellung sorglich aufbereitet werden. Das ist für Fachleute zweifellos hoch interessant – der Normalbesucher wird hier nicht exakte Unterschiede zwischen Stämmen und Regionen festmachen, sondern eher die ungeheuren ästhetischen Wunder bestaunen, die durch diese Objekte gegeben sind:  Die materielle Kultur der „Naturvölker“ übt durch ihren Farben-, Formen- und Einfallsreichtum unveränderlichen Reiz auf uns aus. Ob prächtige Federn, ob Raubtierzähne, ob Tierhäute oder Pflanzenfasern, die Ergebnisse sind hinreißend. Und neben Kleidung, darunter auch Ritualkostümen und –masken, neben oft prachtvoll geschmückten Alltagsgegenständen und Waffen findet man auch einen unheimlichen Trophäenkopf. Ja, Kopfjäger waren sie auch.

 

Der Weg in die Gegenwart     Das Museum für Völkerkunde hat immer wieder auch ethnographische Fotoserien gekauft und fügt Bilder aus späteren Epochen in die Ausstellung, die dann mit Beispielen der materiellen Alltagskultur bis in die Gegenwart führt (im letzten Raum u.a. mit einer Videoinstallation, die jenen Hafen von Belem zeigt, von dem Natterer schließlich doch heimgereist ist). Man hat zwei Vertreter der Satere-Mawe-Volksgruppe eingeladen, an dieser Ausstellung mitzuwirken. Von ihnen wird erzählt, dass sie die alten Objekte ihres Volkes mit großer Bewunderung betrachtet haben. Wünsche, irgendetwas zurück zu erhalten, wurden absolut nicht laut. Man verliere eine Kultur nicht, weil sich Objekte anderswo befänden, meinten die Herren weise. Der Verlust einer Kultur bestände allein im Verlust von Wissen. Die Stücke aus ihrer Geschichte, die sich nun im „Haus des Kaisers“ befänden, betrachteten sie als Botschafter Brasiliens…

Museum für Völkerkunde, Neue Burg, Heldenplatz, 1010 Wien
Täglich außer Dienstag 10 – 18 Uhr

 

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