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WIEN / Vienna’s English Theatre: TIME STANDS STILL

02.02.2012 | Theater

WIEN / Vienna’s English Theatre:
TIME STANDS STILL by Donald Margulies
Premiere 1. Februar 2012,
besucht wurde eine Voraufführung  

Wenn die Deutschen neue Stücke schreiben, sorgen sie mit Sicherheit dafür, dass dem Publikum der Kopf bei der Überlegung raucht, was denn damit gemeint sei – und wie peinlich dumm man doch ist, dass man hier nicht mitkommt (was natürlich niemand zugeben will). Wenn Briten oder Amerikaner ein Stück schreiben, tun sie es für hier und heute. Man sucht sich ein Thema, das aktuell ist, das ein Publikum interessiert und beschäftigt, und bereitet es so auf, dass man weiß, worum es geht, und dass man am Ende auch noch über das Gebotene nachdenken kann, wie ein vernünftiger Mensch es eben tut. Das System hat seine Vorteile, ganz ohne Zweifel, wenn es auch natürlich nicht das allein seligmachende ist.

Vienna’s English Theatre spielt nun das jüngste Werk des Amerikaners Donald Margulies (Jahrgang 1954), das 2009 herauskam und für den Tony Award nominiert wurde. Die deutschsprachige Erstaufführung fand in Hamburg statt, und die für Theater ungemein praktikable Grundsituation – eine Zimmerdekoration, vier Darsteller – ließ die Kritiker an Yasmina Reza denken. Aber Margulies ist weniger bissig und auch weniger humorvoll: Er hat gleich ein paar schwergewichtige Themen, und er handelt sie geradezu nachdenklich ab.

Dabei hat man als Zuschauer anfangs etwas Mühe, in die Sache einzusteigen: Wenn Sarah und James in ihre gemeinsame Wohnung kommen, sie mit einem kaputten  Bein und sehr vielen Narben, geht es ziemlich lange Zeit darum, dass sie sich diese Blessuren bei ihrem Job als Fotografin im nahöstlichen Kriegsgebiet zugezogen hat. Ihr Gefährte ist Kriegsberichterstatter, die beiden sind also offensichtlich das ideale intellektuelle Paar im adrenalinträchtigen chicen Beruf, immer den Tod vor Augen, aber mit der großen Aufgabe, der Menschheit ihrerseits die Augen über das Elend anderswo zu öffnen…

So ist es – ist es so? Ein Teil der Handlung besteht darin, dass der Autor den angeberischen Idealismus dieses Berufs kritisch und zunehmend härter hinterfragt. Vor allem, als James angesichts der Todesgefahr, in der Sarah geschwebt hat, nach und nach keine Lust mehr verspürt, wieder in die Kriegsgebiete zu gehen. Zumal sich die angebliche Sinnhaftigkeit dieses Tuns zumindest bei Sarah als die Abenteuerlust eines Adrenalinjunkies herausstellt, die zu einem „normalen“ Leben gar nicht fähig ist…

Dieses „normale“ Leben führt Richard, Redakteur und Verleger und Freund der beiden, vor, als er plötzlich mit Mandy auftaucht, die den Intellektuellen zuerst als das wahre Dummchen erscheinen muss. Aber nach und nach behauptet sich der alternative Lebensentwurf, eine Familie zu haben, für einander da zu sein, dem Egoismus den Altruismus entgegenzusetzen, die berufliche „Selbstverwirklichung“ vielleicht nicht so übermäßig hoch zu schätzen: Warum solle sie in den Beruf zurückgehen, meint Mandy, ihr Baby im Arm, was habe sie denn schon so Wichtiges getan, was, das wichtiger sei, als dieses Kind aufzuziehen?

Nun, am Ende macht jeder es auf seine Weise, und wenn Margulies auch nicht predigt, wenn er sicherlich nicht jede Frau in die Küche zurückschicken will (wie Feministinnen vielleicht aufjaulen wollen), so bleibt doch klar, wo seine Sympathien liegen – bei Richard und Mandy einerseits, bei James andererseits, der anderswo eine menschliche Beziehung sucht. Sarah hingegen macht noch, als er geht, ein Foto von ihm – bevor sie zum nächsten Kriegsschauplatz aufbricht.

Zu simpel? Vielleicht. Aber ein starkes Thema, in vielen Aspekten aufbereitet und zur weiteren Behandlung in den Köpfen der Theaterbesucher hingestellt. In Vienna’s English Theatre unter der Regie von Martin Platt sehr schön gespielt, am überzeugendsten von Mandy in Gestalt von Carrie Getman: So schön und klug, wie sie sich entwickelt, geniert man sich am Ende fast, dass man zu Beginn geneigt war, gemeinsam mit Sarah auf sie herabzusehen…

Die Männer, Howard Nightingall als James und Dave Moskin als Richard, kennt man in diesem Haus, sie sind stark und überzeugend und letztlich sympathisch, während Shannon Koob als Sarah den schwarzen Peter gezogen hat: Sie ist es, mit der der Autor abrechnet, wobei er spekulative Kriegsberichterstattung (unter verlogenen Vorwänden) ebenso wenig leiden kann wie Leute, die das Unglück der anderen (unter ebenso verlogenen Vorwänden) ausschlachten… Shannon Koob vertritt ihren Standpunkt: Dass sie verliert, ist beabsichtigt.

Nach der länglichen Anlaufzeit wird die Geschichte wirklich spannend. Man könnte einen Schulaufsatz darüber schreiben. Ein gelungenes Theaterstück macht allen mehr Vergnügen.

Renate Wagner

 Till 10 March 2012,  Performances daily at 7.30pm, ex. Sundays

 

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