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WIEN / Vienna’s English Theatre: ENGAGING SHAW

28.03.2012 | Theater

WIEN / Vienna’s English Theatre: 
ENGAGING SHAW von John Morogiello
Premiere: 28. März 2012,
Besucht wurde eine Voraufführung

Man verdankt George Bernard Shaw eine Handvoll exzellenter Theaterstücke und viele vergnügte Theaterstunden. Die nunmehrigen in Vienna’s English Theatre zählen dazu, obwohl er diesmal nicht der Autor, sondern der Held des Geschehens ist. Nach dem, was das Internet über John Morogiello verrät, ist er ein amerikanischer Stückeschreiber, der mit Gebrauchsware eine Menge Erfolg hat. Aber „Engaging Shaw“ reicht darüber hinaus – das ist ein Theaterspaß der höheren Art, brillant mit intellektuellem Florett gefochten und auf Augenhöhe mit dem „Star“, der hier beschworen wird: Shaw.

Vermutlich ist hierzulande nicht allzu viel von dessen Privatleben bekannt – Opernfreunde wissen, dass er als Musikkritiker viel über Wagner geschrieben hat (und dass „My Fair Lady“ auf seinem Pygmalion-Stück basiert), man kennt seinen Briefwechsel mit Stella Patrick Campbell (weil als „Geliebter Lügner“ oft auf den Bühnen), weiß auch, dass er ebenso ausführlich mit Ellen Terry, dem großen Theaterstar, korrespondierte, ja, und den Literatur-Nobelpreis bekam er auch. Und zumindest „Helden“ wird immer wieder gespielt, alle heiligen Zeiten seine „Heilige Johanna“, „Caesar und Cleopatra“, „Candida“, „Frau Warrens Gewerbe“, „Der Arzt am Scheideweg“ und noch ein paar mehr. Der Mann, dessen Lebenspanne (1856-1950) von Queen Victoria bis nach den Zweiten Weltkrieg reichte, ist nicht ganz vergessen.

Von seinem Privatleben allerdings weiß man wenig. Aber nach „Engaging Shaw” ist das anders. Da erfährt man, wie der schrullige, verbohrte Ire zu seiner nicht minder eigenwilligen Frau gekommen ist, und man kann sich bestens vorstellen, welch äußerst seltsame (offenbar sexlose, aber intellektuell äußerst stimulierende) Ehe sie geführt haben, die ihnen vermutlich bestens entsprach …

Man glaubt dem Autor, dass er gut recherchiert hat, denn die Situation wirkt absolut glaubwürdig: Dass Shaw sich bei dem Ehepaar Webb aufhielt (vor allem Beatrice Webb genießt einen großen Ruf unter den englischen Frauenrechtlerinnen), denen er durch die sozialistische „Fabian Society“ verbunden war. Dass Charlotte Payne-Townshend, eine reiche, unkonventionelle, damals schon 40jährige Irin sich diesen „besonderen“ Mann in den Kopf gesetzt hat. Und wie unendlich anstrengend es war, ihn einzufangen.

Das geht in einem Vier-Personen-Stück in der Regie von Andrew Hall (in viktorianischem Pomp ausgestattet: Terry Parsons) äußerst flott über die Bühne, und man muss aufpassen wie ein Haftelmacher, denn da ist jeder Satz eine Pointe, die in diesem gemischten Doppel souverän übers Netz geworfen, aufgefangen und zurückgegeben wird. Dabei geht es nicht nur um einen eitlen Dichter und eine kluge Frau, sondern auch um Theorie und Praxis der Intellektuellen – da wollen sie nach „modernen“ Regeln einer neuen Gesellschaft leben, und letztendlich bleiben sie ja doch in den bewährten Bedürfnissen von Partnerschaft, ja sogar Ehe hängen…

Robin Kingsland ist George Bernard Shaw, und er zeichnet das „heilige Monster“ geradezu liebevoll, spielt die Eitelkeit nicht unerträglich aus, lässt dem blitzenden Kopf noch eine Menge Raum für gute Eigenschaften. Amanda Osborne kämpft mit den Waffen einer klugen Frau, die nur manchmal in den Abgrund der Konvention stürzt und dann so lästig, besitzergreifend und keifend wird, wie Shaw es nicht verträgt. Shuna Snow lässt keine Sekunde daran zweifeln, welch bedeutende Frau diese Beatrice Webb gewesen sein muss, und Charles Armstrong ist bezaubernd als Sidney Webb, den nur die aufrichtige Liebe seiner Gattin davor bewahrt, untergebuttert zu werden…

Ein Spaß für Intellektuelle. Ziemlich gutes Englisch sollte man als Zuschauer mitbringen, sonst hat man vielleicht nur die Hälfte davon. Was auch nicht wenig wäre.

Renate Wagner

 

 

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