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WIEN / Vienna’s English Theatre: BLACK PEARL SINGS!

12.09.2012 | Theater

WIEN / Vienna’s English Theatre:
BLACK PEARL SINGS! von Frank Higgins
European Premiere
Premiere: 12. September 2012,
Besucht wurde eine Voraufführung

Vienna’s English Theatre hat mit dem Stück „Black Pearl Sings!“ von Frank Higgins einen goldenen Griff getan, und wenn Wien wirklich die Theater- und Musikstadt ist, für die sie sich hält, müsste dieser Abend der gefragte Hit in the Town sein. Denn dem Autor ist wirklich Außerordentliches geglückt – die amerikanische Problematik zwischen Schwarz und Weiß auf vielen Ebenen, mit hinreißendem Humor und politischem Bewusstsein gleicherweise, mit Schärfe ebenso wie mit zielsicherem Witz aufzuarbeiten, und das Ganze noch mit einer Reihe von wundervollen „schwarzen“ Songs zu garnieren.

Und weil dergleichen nur funktionieren kann, wenn es vor allem von der Titelrollenträgerin „Black Pearl“ auf wirklich höchstem Niveau realisiert wird – darum wird der „goldene Griff“ durch Carole Alston vervollständigt, die eine darstellerische und gesangliche Meisterleistung hinlegt, wie man sie nicht alle Tage sieht.

Zwei Personen nur reichen aus, um alles aufzublättern, was der Autor erzählen will. Susannah Mullaly arbeitet für die Library of Congress, aber eigentlich für sich und ihre ehrgeizig verfolgte Karriere, wenn sie sich vorgenommen hat, sich auf das damals – 1933 – weitgehend schon verlorene musikalische Kulturgut der Schwarzen, möglichst noch aus der Zeit der Sklaverei, zu konzentrieren. Wer sind die Menschen, die diese Lieder noch kennen und singen können? In einem texanischen Gefängnis trifft sie auf Alberta ‘Pearl’ Johnson, verurteilte Mörderin (nebenbei bekommt man mit, dass sie einem Mann sein bestes Stück abgeschnitten hat, also ist man versucht, an einen Vergewaltiger zu denken), an der die gönnerhaften Appelle der feinen weißen Dame abprallen: Sie gibt ihr Wissen nur preis, wenn sie frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird und ihre Tochter suchen kann, die verschwunden ist…

Hinreißend der „Kampf“, den sich die beiden Damen liefern, und dabei wird vor allem die Haltung der Weißen demontiert, die sich ihren schwarzen Mitbürgern mit dem hochmütigen Interesse von Ethnologen nähern, die es mit einer seltsamen und natürlich minderwertigen Spezies zu tun haben, während Pearl klar macht, dass schwarzes Selbstbewusstsein so viel wert ist wie weißes. Wenn sie dann am New Yorker Broadway als Sängerin vermarktet werden sollen, kommt es auch zu demütigenden Szenen, bis Pearl als erwartete Siegerin aus dem Duell hervorgeht.

Das hat, mit wohl spekulierten Effekten, alle Qualitäten eines „well made play“, das sein Anliegen unmissverständlich unter die Leute bringt, und ist von enormem Unterhaltungseffekt, der erstens aus der Verschiedenheit der Charaktere, zweitens ebenso aus der Qualität der Musikstücke resultiert. Und Carole Alston singt so großartig (den ganzen Abend a capella, mit einer Stimme, die durch wunderbare Fülle ihre fehlende Begleitung quasi selbst produziert), dass man meint, es gäbe gar nicht genug Musik an diesem Abend, und spielt so großartig, dass ihre Partnerin sich warm anziehen muss. Dabei hält sich Adrienne Ferguson mit ihrer altjüngferlichen Attitüde sehr gut – sie hat nur eine absolut nervende Art zu sprechen.

Matt Sykes-Hooban verwandelt den schlichten Raum im Gefängnis des ersten Teils dann im zweiten Teil in eine New Yorker Künstlerwohnung (In schwarzen Wohnungen gäbe es keine Köpfe von weißen Leuten, meint Pearl angesichts der groß platzierten Neger-Kopfplastik…), und Akin’ Babatunde’ hat für den Schlagabtausch auf hoher Ebene gesorgt. Das sollte man wirklich nicht versäumen.

Renate Wagner

Bis 20. Oktober 2012 in Vienna’s English Theatre

 

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