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WIEN / Vestibül: THOMAS UND TRYGGVE

06.10.2019 | KRITIKEN, Theater

THOMAS UND TRYGGVE
von Tove Appelgren
Österreichische Erstaufführung / Übernahme vom Residenztheater München
v. l. Anton Widauer, Enrico Riethmüller     Foto: Bauer

WIEN / Vestibül des Burgtheaters:
THOMAS UND TRYGGVE von Tove Appelgren
Premiere: 6. Oktober 2019

Das Burgtheater des Martin Kusej hat für das „Kindertheater“ ein ganz dickes Bündel geschnürt. Nicht weniger als sieben Premieren gibt es in der ersten Saison in diesem von Anja Sczilinski geleiteten „Burgtheaterstudio“, einige davon reisen auch durch Wiens Schulen. Wie die Produktion von „Thomas und Tryggve“ der finnisch-schwedischen Autorin Tove Appelgren. Anja Sczilinski hat das Stück für zwei junge Schauspieler schon am Münchner Residenztheater inszeniert, nun findet es in Wien in anderer Besetzung entweder den Weg ins Vestibül oder in die Schulklassen. Mögen die Kinder dort ebenso lebhaft Anteil nehmen, wie es bei der Premiere an einem Sonntagnachmittag der Fall war.

Man braucht wenig für dieses Stück (Bühnenbild: Bärbel Kober / Kostüme: Eva Bienert): eine Schulbank und ein paar Bretter, unter denen man abtauchen und nötigenfalls „verkleidet“ wieder auftauchen kann, ein paar Wäscheleinen, von denen man das eine oder andere Accessoire „pflückt“. Denn die beiden Darsteller der Titelhelden, zwei Schuljungen, bekommen noch einiges sonst zu spielen: den betrunkenen, proletarischen Vater von Thomas; die überfürsorgliche Mutter von Tryggve; Maki, die Art von aggressivem Rüpel, den es offenbar in jeder Schule gibt; Frieda, das Mädchen, in das Thomas sich so sehr verguckt; und Lehrer sind auch noch dabei. Und das muss mit minimalsten Mitteln bewältigt werden.

Neben diesem Theater-Kunststück geht es eigentlich ganz ernsthaft ums Kindsein: in die Schule gehen, Auseinandersetzung mit den Eltern, die Frage, wie man sich den Alltagsproblemen, die keinem erspart werden, stellt. Und wenn Tryggve, weil seine Mutter so sorglich ist, Strumpfhosen tragen muss und von allen dafür verlacht wird – dann muss sich Thomas entscheiden, ob er den Freund feige verleugnet oder zu ihm steht? Kurz, die Autorin, bekannt für ihre Kinderbücher, bietet den jugendlichen Zuschauern erkennbare Situationen.

Das Burgtheater hat aus dem Pool des begabten Nachwuchses, der in unseren Schauspielschulen in den Startlöchern steht, besonders erfolgreich gefischt: Enrico Riethmüller ist Thomas, der so gern stark sein will, aber es eigentlich nicht ist (und unter seinen Nebenrollen am amüsantesten als besorgte Mutter), Anton Widauer (der schon im Volkstheater als junger Werther auf sich aufmerksam gemacht hat) muss sich als zart besaiteter Tryggve mobben lassen, legt als der Vater von Thomas Wiener Jargon aus der untersten Lade an und braucht nur eine Haarspange, um die sympathische Frieda zu sein…

Die Kinder im Vestibül waren mit Feuereifer bei der Sache, spielten auch mit, wenn sie es gar nicht sollten, und haben in einer ungemein gut gemachten, lebendigen Dreiviertelstunde Theater zweifellos viel von sich selbst gefunden.

Renate Wagner

 

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