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WIEN / Theresianum: POLNISCHE HOCHZEIT

29.07.2012 | Oper

   

WIEN / Wiener Operettensommer / Theresianum:
POLNISCHE HOCHZEIT von Joseph Beer
Premiere: 19. Juli 2012,
besucht wurde die Nachmittagsvorstellung am 29. Juli 2012   

Es ist nicht die „Ungarische Hochzeit“ (die ist von Dostal), es ist nicht das „Polenblut“ (das ist von Nedbal) – es handelt sich um die „Polnische Hochzeit“, und das ist ein Werk, das keiner kennt. Zumindest nicht in Wien. Sein Komponist hieß Joseph Beer (1908-1987), die Operette wurde 1937 in Zürich uraufgeführt und damals auf rund 40 Bühnen in acht Sprachen nachgespielt. Der Wiener Erstaufführung, geplant für 1938, kamen die Nazis dazwischen.

Beer konnte fliehen und überleben, aber er zählt zu jenen, deren Leben trotzdem zerstört wurde: Denn hört man die „Polnische Hochzeit“, so ist das eine so begabte Musik, dass dem damals noch so jungen Komponisten eigentlich eine große Zukunft hätte bevorstehen müssen…

Er war nicht der einzige, der in den dreißiger Jahren noch Operetten komponierte, als gäbe es keine Gegenwart, die anders aussah, und kein Morgen. Stolz, Abraham, Straus, Benatzky, Dostal und auch Lehar taten es ebenfalls. Und Beer hatte mit Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald die damals besten Librettisten, die auch dafür sorgten, dass die „Polnische Hochzeit“ über weite Stellen wirklich witzig ist. Sie ging unter, wie so viele Werke dieser Zeit. Zu Unrecht.

Dass man dies nun feststellen kann, 84 Jahre nach der Uraufführung, dankt man der Institution des Wiener Operettensommers, der seit einigen Jahren im Hof des Theresianums (das war schließlich einst die „Favorita“, ein Habsburgisches Lustschloß!) vor einem stimmungsvollen barocken Brunnen-Ambiente Operettenaufführungen veranstaltet. Im allgemeinen hält man sich an das Populäre (heuer steht parallel das „Land des Lächelns“ auf dem Programm). Die Ausgrabung der „Polnischen Hochzeit“, die auch einiges an „Restaurationsarbeit“ erforderte, weil das Werk nicht ganz erhalten war, ist wirklich eine Leistung, und Charles Prince, der mit der Hingabe eines Bernstein dirigierte, hatte auch seinen Anteil daran.

Denn, wie erwähnt, die Musik ist hoch begabt, und dass sie hier und da an Kalman erinnert, ist ja kein schlechtes Zeichen. Beer war erstklassig in der melodischen Erfindung, er schuf neben Arien auch Coupletartiges, das Komikern witzige Entfaltungsmöglichkeiten bietet, und es gab neben pittoresk-folkloristisch-„polnischen“ Volks- und Tanzszenen auch Blinzeln in die Welt der damals glitzernden Shows.

Die Handlung ist ein bisschen anders gestrickt als sonst – die Heldin Suza kriegt nicht den Tenor (der wird mit der Soubrette abgespeist), sondern erweist sich als emanzipierte Frau, die das Leben ihrer hilflosen Cousine selbst in die Hand nimmt: Um dieser die Ehe mit einem reichen Alten zu ersparen, geht sie unter dem Schleier mit diesem zum Traualtar – und bereitet ihm danach (der Widerspenstigen Zähmung ist harmlos dagegen) dermaßen die Ehehölle auf Erden, dass er alles verspricht, um sie nur los zu werden. Dann bekommt zu guterletzt auch Suza ihren Liebsten. Zwei alte Herren sind ihre eigenen Komiker, und das Ganze erweist sich in der Regie von Marion Dimali als kurzweilig und dauernd in Bewegung (was für Operette klassischen Zuschnitts, die als solche geboten wird, unabdingbar wichtig ist). Intendant Markus Windberger hat ein nötiges, atmosphärisches szenisches Minimum geschaffen, und Milena Milanova sowie Valéria Müller-Király sorgten für lebhafte Choreographie.

Wenn man jetzt erwähnt, dass die erste Stunde der Sonntagnachmittagsaufführung bei buchstäblich strömendem Regen stattfand, so hat das Publikum, das sich durch die Bank die um einen Euro angebotenen Regenhäute überzog, zwar auch eine große Durchhalte-Leistung gesetzt. Aber wie die Sänger pitschnaß agierten, als existierte der Regen nicht, und gar wie die Tänzer tapfer mit vollstem Einsatz agierten und dabei riskierten, sich den Knöchel zu brechen – das zeigt, zu welchen Aufopferungen man diesseits und jenseits der Bühne fähig ist, um sommerliches Freilichttheater zu erleben. Nach der Pause wurde das Wetter auf einmal schön, es schien sogar die Sonne (!), der Schauplatz entfaltete seinen vollen Zauber, und man merkt wieder, dass die Institution kein leerer Wahn ist.

 

Patricia Nessy ist der geborene Operettenstar, dazu zählt auch, dass sie dafür sorgt, in ihren Kostümen phantastisch auszusehen und ihre Schlankheit, Gewandtheit sowie ihre darstellerischen und tänzerischen Fähigkeiten zur richtigen Wirkung zu bringen. Diese Suza fegt als Temperamentsbündel über die Bühne, singend, tanzend und mit dem sängerischen Aplomb der wahren Diva.

Die zweite große Rolle des Stücks ist der betrogene Alte Graf Staschek Zagorsky, dem Peter Josch mit Humor und durchaus auch Würde begegnet und dessen Schmäh stellenweise an Fritz Muliar erinnert; man könnte sich schlechtere Vorbilder vorstellen.

Christian Bauer schmettert den Liebhaber, Iris Marie Kotzian schmachtet ihn an und bekommt ihn, der so komische wie gewichtige Rainer Spechtl ist der zweite Komiker des Abends, und nur der Erwählte von Suza, von Roman Straka sehr sympathisch dargestellt, bleibt schon von der Rolle her ein wenig im Hintergrund. Michaela Mock bezieht hoffentlich zwei Gagen dafür, dass sie sich von einer riegelsamen Köchin in einen martialischen russischen General verwandelt…

Mit einem nachdenklichen Couplet des Grafen Staschek über das Älterwerden endete der Abend übrigens etwas unvermittelt, denn man hätte durchaus noch ein bisschen Gesang und Tanz zu den nun angekündigten zwei polnischen Hochzeiten sehen wollen. Aber der Himmel gab schon wieder Laut, und vielleicht wollte man es auf ein zweites Regenbad nicht ankommen lassen…

Jedenfalls sollten sich Musikfans den Abend nicht entgehen lassen. Und hoffentlich haben einschlägige Intendanten (Volksoper, Baden, Ischl usw.) ihn gesehen. Denn die „Polnische Hochzeit“ verdient mehr als nur fünf Vorstellungen in einem Wiener Sommer, wo die Aufmerksamkeit der Medien für das Ereignis (Kunststück, wenn Salzburg und Bayreuth mit Neuigkeiten explodieren) leider gering war.

Renate Wagner

Letzte Vorstellung: 31. Juli 2012

 

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