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WIEN / Theatermuseum: WELT DER OPERETTE

02.02.2012 | Ausstellungen

 

WIEN / Österreichisches Theatermuseum:
WELT DER OPERETTE – Glamour, Stars und Showbusiness
Vom 2. Februar 2012 bis zum 24. September 2012 

 Nichts für Betschwestern und Hypermoralisten…

 Es ist schon vorgekommen, dass Nachlässe in Kisten verstaubten, weil die damit beschenkten Institutionen weder die Zeit noch das Personal hatten, sie aufarbeiten zu lassen. Fällt man aber in solche Materialsammlungen, kann man gewissermaßen reich werden: Das Österreichische Theatermuseum hat sich, wie Direktor Thomas Trabitsch bei der Pressekonferenz erzählte, angesichts des Nachlasses von Hubert Marischka  plötzlich mit einer solchen Fülle von Schätzen konfrontiert gesehen, dass daraus nur die Ausstellung „Welt der Operette“ (mit dazu gehörigem Katalog) werden konnte. Sie wird nun im ersten Stock des Hauses großzügig aufbereitet – und dabei kann man nur einen Bruchteil dessen zeigen, was man besitzt, und auch einen Bruchteil dessen, was zum Thema noch zu sagen wäre (so musste man, mit Ausnahme von Frankreich und Deutschland, die Operette im übrigen Europa vernachlässigen): Zentrum der Betrachtung ist, wie könnte es anders sein, Österreich und Wien.

Von Heiner Wesemann

Ein Zitat zum Einstieg      „Die Operette ist doch schließlich nicht für Betschwestern, spröde alte Jungfern und Hypermoralisten gemacht“, hieß es 1885, und mit diesem Zitat wird man in eine Welt der überbordenden Fülle geleitet. Wenn man in der Wiener Ausstellung mit Gegensätzen arbeitet, so stehen einander etwa für die dreißiger Jahre die betont „heile Welt“ der Nazis und die herrlich jüdisch-dekadente Welt der Operette einander geradezu provokant gegenüber. Nicht nur hier wird der Zeitgeist beschworen – er begleitet die vielen anderen Aspekte des Themas, Musik, Theater, Ausstattungsprunk, Sinnlichkeit, große Persönlichkeiten.

Allein geht gar nichts     Keine Operette kann eine „einsame“ Schöpfung sein. Wenn es schon oft (nicht immer) ein Komponist war, der ein Werk schuf, so waren jedenfalls in der Regel viele Textdichter am Werk (und die Juden waren mit ihrem schnellen Witz und ihrer virtuosen Sprachbeherrschung in diesem Genre die besten). Dazu kamen Ausstatter, Regisseure, Choreographen – und die großen Interpreten, ohne die es nicht ging. Die Ausstellung würdigt sie, auch mit originellen Details. So sieht man nicht nur ein überdimensionales Bild der großen Josefine Gallmeyer, sondern auch einen kleinen Holzgalgen: Dort pflegte die konkurrenzbewusste Dame die Bilder jener Kolleginnen aufzuhängen, die ihr punkto Popularität in die Quere kommen konnten… Aber mochte sie rivalisierende Damen auch abwehren: Die Tenöre (Tauber!) und die Komiker Girardi (!) gehörten ebenso unverzichtbar zur Operette wie die Diven…

Grotesk, frivol, bunt und – kommerziell    Vier Schwerpunkte zeichnen das Wesen der Operette aus (und werden in der Ausstellung thematisiert): Die Groteske ist ein Urelement des Genres (besonders zu beobachten bei den französischen Anfängen bei Offenbach), und immer wieder konnte das Geblödel bis ins Absurde kippen. Elementar war der Anteil der Erotik – dass  Elsie Altmann-Loos hier auf einem berühmten Foto mit geöffnetem Kimono ihren Busen herauslugen lässt, hat die Männerwelt vermutlich mehr entzückt als Adolf Loos (von dem sie damals allerdings schon geschieden war). Essentiell waren auch die optisch-rauschhaften Ausstattungen, wobei man Kitsch nicht scheute, sondern bewusst einsetzte – ironisch gebrochene Bedürfnis-Befriedigung. Und schließlich war da der kommerzielle Aspekt: Die Operette durfte alles, nur eines nicht: nämlich nicht gefallen. Erst ab 1933 hat man die Operette in Deutschland auch subventioniert:  Hitler liebte bekanntlich die „Lustige Witwe“, man kennt die hektischen Bemühungen der Nazis, die jüdischen Vorfahren des geschätzten Johann Strauß auszuradieren. Was immer man gegen Hitler sagen mag, kann, muss – sein Musikgeschmack war in Ordnung, schließlich teilen ihn Hunderttausende von Operettenliebhabern (und auch noch Wagnerianern) in aller Welt…

Wien nicht nur du allein    Geboren wurde das frech-subversive, mit hinreißender Musik ausgestattete Genre der Operette in Frankreich, Jacques Offenbach hieß sein Vater, aber in Wien stieg man sehr schnell in das neue Genre ein. Das sich übrigens keinesfalls geschmeichelt fühlt, wenn man es mit der Oper vergleicht (oder wertend in die Nähe hebt) –Operette ist eine Kunstform für sich und will es sein. Die Ausstellung führt bis in die USA, wo es nicht zuletzt der Emigranten wegen auch eine lebhafte Operettenszene gab (auch die Streisand ist vertreten, auch sie sang Operette).

Multimedial    Die Ausstellung erfüllt ihr Thema nicht nur international, sondern auch multimedial – neben Fotos, Dokumenten, Plakaten, Klavierauszügen, Kostümen, Entwürfen, Miniaturnachbauten, die zu betrachten sind (Gestalter: Sam Madwar), hört man überall Musik, kann sich per Touchscreen Persönlichkeiten herzaubern, wird von Videobeispielen überschüttet. Das Begleitbuch im Brandstätter Verlag ist kein Katalog im klassischen Sinn, der die Objekte auflistet, sondern ein Schauband der Bilderfülle und eine Sammlung von Aufsätzen, die das Thema nach den verschiedensten Gesichtspunkten einkreisen. 

Österreichisches Theatermuseum, Lobkowitzplatz 2
Bis 24. September 2012, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr

 

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