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WIEN / Theatermuseum: GEGEN KLIMT

11.05.2012 | Allgemein, Ausstellungen

 

WIEN / Österreichisches Theatermuseum: 
GEGEN KLIMT
Die „Nuda Veritas“ und ihr Verteidiger Hermann Bahr
Vom 10. Mai 2012 bis zum 29. Oktober 2012  

 „Gegen Klimt“ war natürlich „für Klimt“….

 Gesetzt den Fall, ein amerikanisches Museum besäße die „Nuda Veritas“ des Gustav Klimt: Man würde dankbar in die Knie gehen und ihm vermutlich einen eigenen Raum bauen. Das Wiener Theatermuseum besitzt die „Nuda Veritas“ und lässt sie Jahr und Tag im Depot verkommen. Immerhin war das Klimt-Jahr ein Anlass, sie einmal für eine kleine Ausstellung mit dem beabsichtigen Aufreger-Titel „Gegen Klimt“ hervorzuholen, die im großen Konzert der Wiener Klimt-Ausstellungen eher eine Nebenrolle spielt. Aber sagen wir, dass es eine interessante sei.

Von Heiner Wesemann

Die Nuda Veritas    Die „nackte Wahrheit“ von 1899 ist, wie könnte es bei Klimt viel anders sein, eine sehr schöne nackte Frau mit einem Spiegel in der Hand, um deren Beine sich eine Schlange windet. Darüber ist, in verschnörkselter Secessions-Schrift, der Schiller-Ausspruch zu finden: „KANNST DU NICHT ALLEN GEFALLEN DURCH DEINE THAT UND DEIN KUNSTWERK – MACH ES WENIGEN RECHT. VIELEN GEFALLEN IST SCHLIMM“. Der Nachwelt gefällt Klimt weit besser als der Mitwelt. Einen Teil der Kämpfe, die um ihn ausgetragen wurden, macht das Theatermuseum an der Person von Hermann Bahr klar. Mit dessen Nachlass, der reichlich für die Ausstellung herangezogen wird, ist auch das Klimt-Werk in den Besitz des Hauses gelangt. Als Modell der dargestellten geheimnisvollen Schönen mit dem wallenden Haar hat man die Klimt-Geliebte Marie Zimmermann „geoutet“.

Hermann Bahr, der Kämpfer    Hermann Bahr, der „Herr aus Linz“, wie Karl Kraus ihn höhnte, nahm als meinungs- und wortmächtiger Journalist in der „Moderne“ von Wien um 1900 eine bedeutende Stellung sein. Selbst Verfasser von Lustspielen, von denen einige (vor allem „Das Konzert“) heute noch gelegentlich gespielt werden, nahm er vor allem die Partei der jungen Literaten, die sich unter dem Motto „Jung Wien“ zusammen gefunden hatten. Aber er kämpfte auch für die Welt der modernen Kunst, voran Klimt.

 

Die Kämpfe    Vor allem die so genannten „Fakultätsbilder“ für die Universität (die später zerstört wurden), haben den Kampf um Gustav Klimt besonders angeheizt. In der Streitschrift „Gegen Klimt“, die er zusammen mit Klimts Kollegen Kolo Moser herausgab, fasste Bahr zusammen, was er an Schmähungen gegen den Künstler fand, in der Absicht, die Gegner zu desavoiren. Man kann dieses Werk in Jugendstil-Styling, wenn man den langen Atem hat, Seite für Seite (31 im Ganzen) an der Wand des Theatermuseums nachlesen. (Lieber täte man es in einem Katalog.) Die Klimt-Gegner waren aber nicht nur Zwerge: Karl Kraus etwa ätzte, die „Snobs warten den Herbst ab, um pünktlich in einen neuen, von Herrn Bahr bereits angesagten Klimt-Taumel zu verfallen.“ Schon damals lief unendlich viel über die Ebene der Medien und der Propaganda…

 

Klimt fürs Arbeitszimmer   Bahr, der von sich bekannte: „Ich habe auf der Welt nichts so gern als Bilder von Klimt“ (dieses und andere Zitate kann man im Theatermuseum von der Wand ablesen), hat die „Nuda Veritas“ im Jahr 1900 erworben (und um 4000 Kronen ziemlich günstig – das seien heute, wie die Ausstellungsgestalter meinen, 23.000 Euro. Am freien Markt wäre wohl das Hundertfache und mehr zu erzielen…).
Der Platz, den das Gemälde bei Bahr in der Villa, die Josef M. Olbrich ihm baute (sie lag in Ober St.Veit / Hietzing), war genau vorgesehen: Das Theatermuseum zeigt die Ausstellung in zwei Räumen, rechts ist der „Nuda Veritas“ ein würdiger Platz inmitten von schwarzem Samt eingeräumt, links ist jenes Foto überdimensional aufgeblasen, das Bahr – in einem seltsamen Mönchskittel – in seinem Arbeitszimmer neben dem Bild zeigt. Bahr hat, wie er selbst bekannte, aus diesem wirklich magisch wirkenden Kunstwerk immer wieder persönlich Kraft bezogen.

Desiderata    Das ist, nach dem „Kleist“, schon die zweite Ausstellung des Hauses ohne Katalog. Damit bringt man sich selbst um die Nachhaltigkeit seiner Arbeit. Was nicht dokumentiert wird, ist so gut wie nicht gewesen. Man weiß um die Sparmaßnahmen allerorten, aber man sollte sinnvoll sparen. Und ein Direktor müsste beim Generaldirektor (und Sponsoren) ebenso so lange vorstellig werden, bis man die Früchte der Arbeit auch zwischen Buchdeckeln vorlegen kann – für eine Zukunft, wenn die „Nuda veritas“ wieder im Keller schlummert…wenn sie nicht nach dem Klimt-Jahr, wie angedeutet, vielleicht doch einen Platz „im Freien“ findet, so dass man dieses Ausnahmewerk immer im Museums-Rahmen betrachten kann.

Bis 29. Oktober 2012, täglich außer Dienstag 10 bis 18 Uhr

 

 

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