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WIEN / TheaterForumCenter: KEIN PLATZ FÜR IDIOTEN

17.02.2012 | Theater

 

WIEN / TheaterForumCenter:  
KEIN PLATZ FÜR IDIOTEN von Felix Mitterer
Eine Produktion der Schaubühne Wien
Premiere: 16. Februar 2012 

Vor 35 Jahren hatte in Tirol das Stück „Kein Platz für Idioten“ Premiere, und dieses erste dramatische Lebenszeichen eines damals 29jährigen machte auf einen Autor aufmerksam, dem man nach dieser Talentprobe eine große Zukunft voraussagen konnte. Dergleichen klappt ja nicht immer, wie man weiß – in diesem Fall ist die Rechnung mehr als aufgegangen: Felix Mitterer hat seither alles eingelöst, was er damals an Talent und Menschlichkeit auf den Tisch gelegt hat.

Die Geschichte des „Idioten“ Wastl (ein Behinderter der Art, wie man sie gerne als „Dorftrottel“ bezeichnete) ist herzzerreißend: Im ersten Akt erlebt man den Hassausbruch der Mutter gegen dieses ihr Kind. Sie ist eine bis an die Grenzen ihrer Kräfte schuftende Bäuerin, für die ein „richtiger“ Sohn die nötige Hilfe an Hof gewesen wäre, der unfähige Sohn nur eine Last, für die man kein Gefühl aufbringt – wobei die Härte dieser Menschen natürlich auch aus ihrem harten Leben resultiert: Dieses bewältigt man nicht mit einer empfindsamen Seele und einer zarten Konstitution. Aber die Attacken der Mutter gegen den hilflosen, sich duckenden Halbwüchsigen – da braucht man unten im Zuschauerraum wirklich Nerven, um das zu ertragen. Als Gegenpol ist da ein alter Hufschmid, der schlicht reagiert wie ein Mensch und sich des Jungen annimmt.

Im zweiten Akt sind der Alte und der Junge im Wirtshaus, wo sie von einem der Gäste und der Kellnerin mit schöner Selbstverständlichkeit und Anstand akzeptiert werden, während der Gendarm sie mit aller Bosheit attackiert, die vielen Menschen eigen ist, die sich gerne an den Schwachen vergreifen. (Die Klamotten-Episode der deutschen Touristin fährt ein wenig stark ins Klischee hinein – aber Mitterer hat ja später am Erfolg seiner Piefke-Saga erlebt, wie todsicher genau diese Effekte wirken.)

Der dritte Akt bewegt sich dann am Rande der Erträglichkeit – wenn der Alte und der Junge, der an seiner Seite zwar nicht normal, aber verständlich kommuniziert, zuerst glücklich den Geburtstag des Wastl feiern (mit dem längst vergessenen, einst so populären „Wunschkonzert“ aus dem Radio) – und dann der Junge von dem Alten schreiend und zuckend weggeschleppt und in die Psychiatrie verbracht wird, weil er in aller Unschuld die Sexualität entdeckt und damit der Umwelt den Vorwand gegeben hat, ihn wegzustecken, wegzusperren, unsichtbar zu machen…

Seit 1977 ist viel Zeit vergangen, das Bewusstsein der Menschen hat sich verändert, die politische Korrektheit funktioniert (gelegentlich bis zum Meinungsterror) – aber wie viel ist im Grunde wirklich anders geworden? Selbst wenn sich heute wohl erzogene Menschen genieren, ihren Abscheu gegen „idiotische“ Behinderte (das ist ja nicht dasselbe wie jene, denen man Rollstuhlplätze einbaut) offen Ausdruck zu geben – wegschauen möchte man ja doch.

Und das erlaubt dieses Stück nicht, das natürlich nur einen Einzelfall zeigt und diesen in arg demonstrativer Deutlichkeit. Aber die Aussage lautet auf jeden Fall: Diese Betroffenen, die nicht das große, sondern das schwarze Los gezogen haben, sind nicht Abfall, sondern – Menschen. Und der „Alte“ des Stücks macht vor, was ein Stückchen Menschlichkeit im besten Fall bewirken kann.

Marcus Strahl, der Regisseur des Abends, den er mit seinem Ensemble der „Wiener Schaubühne“ in den Räumen des TheaterForumCenters realisiert hat, erwähnte bei seinen einführenden Worten, dass „Kein Platz für Idioten“ allerorten ein oft gespieltes Mitterer-Stück ist – nur in Wien nicht. (Er sagte dabei nicht, dass für die letzte Aufführung in der Stadt, 2001 in Ateliertheater, auch er als Regisseur verantwortlich war.) Das zeigt eigentlich, wie wenig man mit diesem Problem konfrontiert werden will. Oder mit den ungeheuren Emotionen, die Mitterer in Gang setzt?

Will man die „Idioten“ spielen, muss man sich zu ihnen bekennen. Unterspielen geht da nicht, es ist auch kein Sozialdrama, sondern ein Menschenstück, in das auch immer wieder  klug ein paar Möglichkeiten für erlösendes Lachen eingearbeitet sind. Das hat einen andeutungsweise realistischen Rahmen (Sam Madwar), und darin darf der Wastl in Körpersprache und Rede so unglücklich agieren, dass es weh tut (Oliver Hebeler), da muss der Alte einfach so herzlich und gut sein wie Johannes Kaiser, die Mutter so entsetzlich verzweifelt und böse, wie es sicher nicht leicht zu spielen ist: Johanna Mertinz macht das beeindruckend – und erscheint im Akt darauf „verkleidet“ auch noch als die deutsche Touristin. So viel (vielleicht echte) Unechtheit in dieser Klischee-Figur steckt, so richtig bis ins Detail ist die Kellnerin, die Kerstin Raunig mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit darstellt, obwohl es kaum eine Rolle ist. Drei Herren des Dorfs vertreten dramaturgische Positionen – Martin Gesslbauer, sehr sympathisch als „der Anständige“, Rudi Larsen als „der Miese“, Felix Kurmayer als „der Politiker“ (und folglich das Allerletzte).

Felix Mitterer wurde vom Publikum schon bei der Begrüßung vorweg stürmisch gefeiert, wie erst, als er inmitten des Ensembles erschien. Sein Erstlingswerk mag grob geschnitzt sein, aber die Wirkung stellt sich unweigerlich ein – und von diesem Mitterer wissen wir schließlich, dass er in den Jahrzehnten danach wirklich gelernt hat, mit seinem Können souverän umzugehen.

Renate Wagner

 

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