Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / TheaterCenterForum: DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK

23.02.2013 | Theater

WIEN / TheaterCenterForum:
DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK von Frances Goodrich und Albert Hackett
Premiere: 20. Februar 2013, besucht wurde die Vorstellung am 22. Februar 2013

Als 1978 die Mini-Serie „Holocaust“ mit Meryl Streep über die amerikanischen Bildschirme flimmerte, hat dies das Bewusstsein der amerikanischen Öffentlichkeit für den Massenmord an den Juden im Dritten Reich weit mehr sensibilisiert als alle Zahlen in Statistiken oder Dokumentationen über die Konzentrationslager: Menschliches Elend lässt sich nicht theoretisch, sondern nur über menschliche Geschichten vermitteln. Darin liegt auch das Geheimnis von Anne Frank – und die Wirksamkeit, die nie enden wird. Weil es ganz einfach eine wahre Geschichte ist.

Man kennt sie: Das 13jährige jüdische Mädchen, das 1942 mit ihrer Familie in Amsterdam vor der Naziverfolgung abtauchte und bis 1944 in einem Dachgeschoß versteckt lebte, hat diese ihre Geschichte in einem Tagebuch festgehalten, das später ein Welterfolg wurde – als Buch, als Film, im Fernsehen, auf Bühnenbrettern. Das Schauspiel von Frances Goodrich und Albert Hackett ist nun im TheaterForumCenter (Raum II) zu sehen und hat in einem richtig beengten Bühnenbild von Erwin Bail durch Rochus Millauer eine gewissermaßen liebevoll-sensible Inszenierung erfahren, die eine zu Herzen gehende Tragödie entfaltet. (Allerdings ist die „Filmmusik“, die etwas zu reichlich über das Geschehen gegossen wird, angetan, es einigermaßen zu entschärfen, wenn nicht gar zu sentimentalisieren.)

Acht Menschen drängen sich in ein paar Räumen und werden nur durch die Aufopferung einer einzigen  „Gerechten“ überhaupt zwei Jahre lange am Leben erhalten – Sandra Högl spielt diese Miep Gies ohne das geringste Pathos, aber das Hohelied des anständigen Menschen ist es allemal. Aber der Abend lebt von Anna Sophie Krenn in der Titelrolle, die es schafft, das Publikum innerhalb von zweieinhalb Theaterstunden nicht nur an ihrem Schicksal, sondern auch an ihrem „Reifen“ Anteil nehmen zu lassen – von dem noch lispelnden, fröhlichen Kind, das in der Enge der „Gefangenschaft“, aber mit Hilfe ihres Tagebuchs und durch eine erste Liebe zu einer jungen Frau heranwächst. So, wie das ohne jegliches Gedalke, kindliches Getue oder falsche Töne gespielt wird, gibt das nicht weniger als ein rundes, ergreifendes Schicksal. Es ist, als ob man diese Anne Frank kennen würde und nicht begreifen möchte, dass ein Mörderregime ihr nicht erlaut hat, ihr Leben zu leben….

Starke Leistungen kommen auch von den anderen Damen des Stücks: Christine Renhardt als Mutter Frank, die ihre Verzweiflung in sich hineinfrisst und nur einmal mit eruptiver Gewalt herauslässt; Sandra Pascal still und stark als Annes Schwester Margot; und vor allem Irene Budischowsky als Frau van Daan, anfangs noch ganz Weibchen im Pelzmantel, das entschlossen scheint, sich von der Situation nicht unterkriegen zu lassen, nach und nach Opfer der Verzweiflung, mit einer wunderschönen Szene, wenn sie einmal ihren Egoismus überwindet, um ihren Mann zu trösten…

Es war wohl die Stärke des Otto Frank, die es ermöglicht hat, dass acht Menschen zwar nicht friktionsfrei, aber doch einigermaßen vernünftig auf engstem Raum und unter elendsten Bedingungen zusammenleben konnten, und Hannes Lewinski macht diese Persönlichkeit glaubhaft, während Franz Haller als Herr van Daan und Adi Straßmayr als Albert Dussel, der noch später zur Gruppe stieß, der Situation mit weniger Selbstdisziplin begegneten. Berührend Bernhard Kölbl als der junge Peter van Daan, Annes erste Liebe.

Am meisten trifft wohl jeden, der sich mit der Geschichte von Anne Frank befasst, dass die acht Unglücklichen von den Deutschen zu einem Zeitpunkt noch gefunden, deportiert und ermordet wurden, als sie sich durch die Invasion schon fast gerettet fühlen durften. Tatsächlich hat nur der Vater Otto Frank überlebt – und das Tagebuch seiner Tochter der Welt gegeben. Zum ewigen Gedächtnis an sie – und das Geschehene.

Renate Wagner

Bis 9. März 2013 (tgl. außer So. & Mo.)

 

 

Diese Seite drucken