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WIEN / Theater im Park: Andreas Schager als „SIEGFRIED AUF ABWEGEN“

Eine spannende und  erkenntnisreiche Expedition an die Grenzen einer Welt

 

WIEN / Theater im Park (Belvedere): Andreas Schager als „Siegfried auf Abwegen“

3. August 2020

Von Manfred A. Schmid

Mit Erfindungsreichtum, Improvisationskunst und enormer Kreativität hat die Kulturbranche auf die existenzbedrohliche Situation reagiert, mit der sie sich seit gut einem halben Jahr konfrontiert sieht. Das reicht von frühabendlichen Serenaden auf heimischen Balkonen, um die die unmittelbare Nachbarschaft im Wohnblock zu erfreuen und aufzumuntern, über die Nutzung von nicht für möglich gehaltenen Standorten für Auftritte verschiedenster Kunstgattungen bis hin zu gewissermaßen institutionalsierten flahsmobs, bei denen Art, Ort und Zeitpunkt der jeweiligen Veranstaltung erst knapp vor Beginn bekanntgegeben werden. Dass es im Zuge dieser Innovationen in diesem Sommer sogar zur Gründung eines Wagner-Festivals im Weinviertel kommt, wer hätte das gedacht? Ein spektakulärer Coup ist auch Georg Hoanzl und Michael Niavarani mit ihrem in kürzester Zeit etablierten Angebot „Theater im Park“ gelungen. Dass man nun im zum Schwarzenberg-Palais gehörigen Park seit 1. August in den Genuss eines vielfältigen Kulturprogramms kommen kann, grenzt – kennt man die österreichischen Behördenwege und Auflagen – an ein Wunder.

Nun hat dort der Heldentenor Andreas Schager, der heuer in Bayreuth in der Neuinszenierung des Ring als Siegfried- übrigens als erster Österreicher – angetreten wäre, die Chance genützt, mit einem bunten Programm auch breitere Publikumsschichten anzulocken. „Siegfried auf Abwegen“ ist der augenzwinkernde Titel des gemeinsam mit seiner Frau, der Geigerin Lidia Baich, und am Klavier begleitet von Helmut Deutsch dargebotenen Abends, der dem Künstler die Möglichkeit bietet, seine bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Den Auftakt macht, wie könnte es anders sein, das „Schmiedelied“ aus Wagners Siegfried. Ein imposanter Requisiteur, der im Laufe des Abends immer wieder in Erscheinung tritt, um nötiges Gerät und Scherzartikel für den jeweiligen Programmpunkt zu liefern, schleppt einen hölzernen Amboss herbei und überreicht Siegfried einen Hammer, mit dem er Nothung, sein „neidliches Schwert“, schmieden kann. Der vom niedersausenden Hammer erzeugte Klang ist jedoch etwas zu schrill, so dass Schager alsbald nur noch auf das Holz klopft. Soll ja bekanntlich Glück bringen. Und tut es auch. Bei diesem Auftritt ist der sympathische, bodenständig gebliebene Schager jedenfalls in seinem ureigensten Element.

Lidia Baich führt als launige Moderatorin durch das Programm und erfreut zwischendurch immer wieder auch mit ausgewählten Kostproben aus ihrem Repertoire das Publikum, das nicht so zahlreich erschienen ist wie erhofft, sich aber sehr angetan zeigt. Obwohl schon bei der ersten Nummer punktgenau der Regen beginnt und bis zu Schluss anhält, verlässt kaum jemand den Park, sondern alle harren gebannt und mit bereitgestelltem Regenschutz ausgestattet, auf den weiteren Verlauf. Auf Wagner folgen seine – als mehr oder weniger weitläufige Verwandtschaft angekündigten – Kollegen Mozart und Beethoven: mit der Bildnisarie des Tamino, „Brünhilde ist bezaubernd schön“, und dem Lied „An die ferne Brünhilde“. Warum auch nicht?

Der folgende Programmblock führt – instrumental von Baich mit dem feurig dargebotenen „Czardas“ von Monti eingeleitet – dorthin zurück, wo der Wagnertenor Schager seine Sängerkarriere begonnen hat: ins Operettenfach. In den schmetternd und nicht ohne Schmelz dargebotenen „Ja, das alles auf Ehr“ (Johann Strauß) und „Dann geh‘ ich zu Maxim“ (Lehar) lässt er erahnen, warum man ihn dann doch bald für das Heldenfach entdeckt hat. Dann geht es von der leichten Muse (die gar nicht so leicht ist, nur darf man die Mühe nicht spüren) wieder kurz zurück in ernstere Gefilde. An die Wiener Staatsoper wurde der international  gefeierte Star erst relativ spät geholt. Im Dezember 2017 debütierte er dort als Apollo in Daphne von Richard Strauss. Mit dessen Arie „Jeden heiligen Morgen“ stellt Schager sein Publikum kurzfristig auf eine harte Probe. Das ist wirklich keine leichte Kost, doch mit dem darauffolgenden „Wolgalied“ aus Lehárs Zarewitsch, bei demwie schon mehrmals zuvor – Lidia Baich den wehmüig-satten Klang ihrer Geige einfließen lässtist man wieder versöhnt.


Der Park blieb zum Glück nicht leer. Reger Zuspruch!. Foto: Markus Wache

Es gibt noch Bernsteins „Maria“ (auch hier konsequent als „Brünhilde“ gesungen, was sich inzwischen schon etwas überstrapaziert ausnimmt) aus der Westside Story, eine ungemein zarte Liebeserklärung, die nun ihrerseits den heldischen Tenor ziemlich auf die Probe stellt, bevor das offizielle Programm mit Paul Ankas Evergreen „My Way“ beschlossen wird. Sinatra ist er keiner. Hätte auch niemand erwartet.

Aus den Zugaben stechen das eingehende „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen“ hervor, mit Baichs fein flötenden Geigentönen und einigen Walzerschritten mit ihrem Mann, sowie – was heutzutage offensichtlich bei keinem Tenor fehlen darf – Calafs „Nessun dorma“. Mit dieser Arie stößt Schager freilich an seine Grenzen, denen er es in diesem Programm einige Male angenähert hat. Aber das gehört bei einem solchen Crossover-Programm, früher hätte man dazu einfach „ein bunter Abend gesagt“, wohl dazu. Grenzen warten darauf, ausgelotet zu werden. Und Schagers Expedition  ist, mit der kundigen Unterstützung durch Helmut Deutsch, einer Ikone der Liedbegleitung, durchaus erfolgreich verlaufen. Das Publikum, dass von Schager an passenden Stellen merhmals aufgefordert wurde, mitzusingen, und das auch bereitwillig tat, dankt mit herzlichem Applaus.

 

 

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