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WIEN / Theater der Jugend: OLIVER TWIST

16.10.2018 | KRITIKEN, Theater


 Fotos: Theater der Jugend /  Rita Newman

WIEN / Theater der Jugend / Theater im Zentrum:
OLIVER TWIST nach Charles Dickens von Jethro Compton
Premiere: 16. Oktober 2018

Ja, sagen wir es gleich: Was da im Theater der Jugend unter dem Titel „Oliver Twist“ in Szene geht, ist – auch wenn man „nach Dickens“ konzediert – reiner Etikettenschwindel. Sollte je ein jugendlicher Theaterbesucher nun meinen, „Oliver Twist, das kenn’ ich“, so irrt er. Was der britische Theatermacher Jethro Compton hier bearbeitet und auf die Bühne gebracht hat, hat mit dem Original so gut wie nichts mehr zu tun.

Man weiß natürlich, was das Ziel war: Charles Dickens’ grandiose Schilderung von Kinderelend, sozialen Abgründen, brutaler Ausbeutung und zynischem Verbrechen im London der 1830er Jahre in die heutige Welt zu versetzen, wo angeblich auch bei uns Hunderte Kinder zu den Obdachlosen zählen. So, wie Oliver Twist (bei Dickens nach ausführlicher Vorgeschichte) einst im Moloch London gestrandet ist, so finden wir den Jungen zerlumpt in einer U-Bahn-Station, wo er dann zur Bande von Fagin gebracht wird – der heute Waffen-, Drogen- und Menschenhändler ist und mit dem Original so wenig zu tun hat wie seine jugendlichen Opfer, die er zu Verbrechen missbraucht. (Der Gefahr, das „Räuberleben“, sprich Diebereien, für romantisch zu halten, entgehen Stück und Aufführung immer wieder nicht. Kriminalität als flottes Abenteuer.)

Jethro Compton hat so gut wie alles umgeschrieben, so dass diese Paraphrase über Hier und Heute, die vielleicht auch ein bisschen dick aufgetragen ist, eigentlich nicht unbedingt mit einem berühmten Roman in Zusammenhang gebracht werden sollte. Zudem sind Stück und Aufführung, an sich schon für die Elfjährigen und Älteren gedacht, harter Tobak – es ist eines, Elend zu zeigen, ein anderes, körperliche Brutalitäten und Mord auf die Bühne zu bringen, als ob es nichts kostet. Und das in keiner Weise schonungsvoll. Offenbar nach dem Motto, die Kids von heute halten das schon aus, dergleichen sind ja zumindest von ihren Videospielen her gewohnt…?

Dabei sind die Darsteller ungewöhnlich farblos, wohl, weil sie im Inszenierungslärm so weit untergehen, dass sie sich kaum profilieren können – das gilt für Stefan Rosenthal als Oliver ebenso wie für Uwe Achilles als Fagin. Die verlorenen Kids heutigen Zuschnitts, die sich da in der Verbrecherszene teilweise ziemlich wohlfühlen, gewinnen auch nur wenig Profil, am ehesten noch Claudia Waldherr. Dann wird das Gute, das dem originalen Oliver Twist widerfährt, hier durch eine edle Bürgermeisterin (Lynne Williams) verkörpert, und weiter ist wenig bemerkenswert.

Außer dass ganz laut und deutlich verkündet wird, dass die Gesellschaft an der Jugend-Kriminalität schuld sei. Wie auch immer – jedenfalls werden die Kids im Publikum lehrstückhaft aufgefordert, ihren Blick vor dem Elend auf der Straße nicht zu verschließen. Wenn sie diese Erkenntnis in ihr Erwachsenenleben mitnehmen, wäre schon etwas gewonnen durch diese Produktion, deren Verlierer eindeutig Charles Dickens heißt.

Renate Wagner    

 

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