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WIEN / Theater der Jugend: LOST IN YONKERS

02.05.2012 | Theater

WIEN / Theater der Jugend im Renaissancetheater: 
LOST IN YONKERS – EINE GANZ NORMALE FAMILIE von Neil Simon
Premiere: 17. April 2012,
besucht wurde die Vorstellung am 2. Mai 2012  

Als „Lost in Yonkers“ 1991 am Broadway herauskam (es war, wie ich aus eigener Anschauung berichten kann, eine absolut hinreißende Aufführung), bedeutete dies für das Schaffen von Neil Simon einen weiteren Quantensprung (wie seine autobiographischen Stücke über arme Judenjungen in Brooklyn davor): Der König des Boulevards zeigte sich hier wiederum als Dramatiker, bei dem man zwar lachen durfte – wo einem aber bei genauem Hinsehen das Lachen vergeht.

Denn „Grandma Kurnitz“, um die es in diesem Stück vordringlich geht, ist eine erschreckende Figur, ein Charakter von fast biblischer Größe: Die alte Frau, der man als zwölfjähriges Judenmädchen in Berlin den Vater erschlagen und den Fuß gebrochen hat, so dass sie lebenslang am Stock gehen muss, die mit kleinen Kindern in die USA auswanderte und in Yonkers einen Laden betreibt, der von sechs Kindern zwei gestorben sind und die anderen eindeutig „beschädigt“ wurden – die kindlich naive Bella, die sprachgestörte Gert, der kriminelle Louie, der weit über das Maß hinaus unsichere und schüchterne Eddie… Sie alle Opfer einer Frau, die gnadenlose Härte gegen sich und die anderen auf ihr Banner geschrieben hat, um zu überleben – und keine weitere Verletzung (innere oder äußere) ihrer Person zu dulden… Faszinierend, wie Simon klar macht, dass diese Frau schreckliche preußische „Tugenden“ (wie etwa Stahlhärte) aus einem Land mitgebracht hat, das sie als Hitler-Staat aus tiefster Seele hasst.

Wenn der verwitwete Sohn Eddie im Kriegsjahr 1942 dieser seiner schrecklichen Mutter, vor der er nur zittern kann, seine beiden halbwüchsigen Söhne bringt, weil er als Vertreter reisen muss, um seine (durch Krankheit und Tod seiner Frau erwachsenen) Schulden zu zahlen, dann ist vieles, was da im Haus der Oma passiert, rein äußerlich scheinbar heiter. Aber im Grunde hat Simon hier an fast allen Figuren entlang Tragödien geschrieben…

Direktor Thomas Birkmeir hat sich im Theater der Jugend das Stück selbst als Regisseur hergenommen, und wenn die Aufführung Schönheitsfehler hat, dann liegen sie in der Länge (da hätte vieles gekürzt gehört, auch um Sentimentalität einzudämmen) und in der Besetzung der Hauptrolle. Denn die hoch geschätzte, für filigrane Williams-Heldinnen ideale Sylvia Eisenberger ist alles andere als eine Grandma Kurnitz, die wirklich beängstigend sein müsste und natürlich auch sehr jüdisch (wobei Neil Simon – er darf – auch das Negative der Gestalt zeichnet und ihr gegenüber eigentlich nicht verständnisvoll-knieweich wird). Nichts davon bringt die Eisenberger, die nicht einmal grimmig dreinsehen kann und nie zum Schrecken von Teenagern (geschweige denn von ganz Yonkers) werden könnte.

Ideal hingegen die Besetzung der gestörten Bella mit Pia Baresch, die all die Naivität und spontane Unschuld ausstrahlt, die diese Figur in sich trägt (und weil sie zusätzlich so hübsch ist, wird ein Zauberschöpf daraus). Für einen 13- und einen 15jährigen wirken Raphael Nicholas und Stefan Rosenthal eindeutig zu reif, aber sie tun, was sie können. Der kriminelle Onkel Louie (Frank Engelhardt), der unsichere Papa Eddie (Uwe Achilles) und die gereizte Tante Gert (Paola Aguilera) finden ausgezeichnete Besetzungen, und bemerkenswert ist auch, wie Jens Jehle ein in mehrere Ebenen gegliedertes Bühnenbild schuf.

Das jugendliche Publikum lachte zwar oft am falschen Ort, zeigte sich aber von der Geschichte, die ihren Anspruch nie verleugnet, zu Recht sehr beeindruckt.

Renate Wagner

 

 

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