Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Theater der Jugend: ALICE IM WUNDERLAND

02.06.2012 | Oper

 

WIEN / Theater der Jugend im Renaissancetheater: 
ALICE IM WUNDERLAND nach Lewis Carroll
Premiere:  1. Juni 2012  

Wenn das Theater der Jugend schlicht und einfach „Alice im Wunderland“ ankündigt, so hätte man manches erwartet – nicht aber, dass hier ein veritables Musical auf die Bühne gestellt wird, und das so souverän, dass man die Produktion unverändert in jedes echte „Musical“-Theater versetzen und damit reüssieren könnte. Das hat mit der geschickten dramaturgischen Fassung zu tun, die offenbar von dem Regisseur Henry Mason stammt, den flotten Liedtexten und vor allem mit der Musik von Thomas Zaufke, die weit mehr ist als nur die routinierte Rhythmik, die sonst in diesem Genre meist geboten wird.

Mason ist Brite, das heißt, dass Lewis Carrolls „absurdes“ Kinderbuch von Alice, die vom weißen Kaninchen in ein abstruses Wunderland mitgenommen wird, ihm sozusagen heilig ist – und das, so wie sie ist. Das bedeutet, dass die Geschichte weder modernisiert noch verfremdet wird, denn sie ist in ihrer „Originalfassung“ spontan, frech, hinterfragend und heutig genug. Da dürfen die Protagonisten ohne weiteres die Kostüme des vorigen Jahrhunderts tragen (Jan Meier besorgte die komplette Ausstattung, wobei er auf „weniger ist mehr“ setzte, aber in einfallsreicher Buntheit alles mitbrachte, was die Geschichte braucht). Und Mason stößt die jugendlichen Zuschauer nicht wie das Buch direkt ins Geschehen, sondern gibt dem Ganzen noch einen drolligen familiären Hintergrund, von dem aus Alice dann in die Traumwelt abdriftet, wobei er genaue Bezüge zwischen Wirklichkeit und Phantasie hergestellt hat.

Jetzt müssen nur noch die Darsteller können, was man ihnen abverlangt, und das ist stark – auch Choreograph Jerôme Knols ist gnadenlos: Da wird getanzt, dass sich im besten Sinn die Bretter bieten, und eine dreiköpfige Musiker-Band unter der Leitung von Stephanie Hacker sorgt im Hintergrund für nie erlahmenden Schwung.

Ananda Assmann ist eine Alice mit blonden Locken und in jenem Gewand, wie man sie aus den Zeichnungen der Original-Bücher kennt, und sie ist ein genau so kluges und forsches Kind, wie Carroll sie erdacht hat, spielend, singend, tanzend ohne einen Wunsch offen zu lassen. Besonderes Lob muss man Christian Graf in vielen Rollen spenden – lange Jahre in der Nestroy-Schmiede Schwechat haben aus ihm einen geistig und körperlich so außerordentlich beweglichen Darsteller gemacht, der in jeder seiner vielen Rollen brilliert. Wie auch Barbara Spitz und Karola Niederhuber, die zuerst ein köstlich-maliziöses Tanten-Duo ergeben und dann – auch immer im Gleichschritt – in den absurdesten Figuren wieder gefunden werden können.

Julia Ribbeck ist die sympathische Gouvernante und glitzernd böse Herz-Königin, Uwe Achilles der Papa und andere mehr, Horst Eder der Opa und andere mehr, Merten Schroedter ein weißes Kaninchen zum Verlieben, und auch alle anderen machen ihre Sache prächtig.

Bedenkt man, dass es in unserer Kinderbuch-Literatur diese „absurde“ Schiene eigentlich nicht gibt, ist das jugendliche Publikum mit höchstem Verständnis und höchstem Vergnügen bei der Aufführung mitgegangen. „Alice“ wie sie leibt und lebt und ein gelungenes Musical dazu – da sollte sich mancher „erwachsene“ Wiener Theaterbesucher, der sonst gar nicht auf die Idee käme, ins Theater der Jugend zu gehen, schleunigst Karten für das Renaissancetheater kaufen!

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken