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WIEN/ Theater an der Wien: WERTHER von Gaetano Pugnani. „Oper konzertant“

15.12.2012 | KRITIKEN, Oper

Musikalische Rarität im Theater an der Wien: „Werther“ von Gaetano Pugnani (Vorstellung: 15. 12. 2012)

 In seiner Reihe „Oper konzertant“ führte das Theater an der Wien am 15. 12. 2012 wieder eine musikalische Rarität auf: „Werther“ von Gaetano Pugnani. Das Libretto des Melodrams nach Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werthers verfasste der italienische Komponist selbst. Fast 200 Jahre nach seiner Aufführung am Wiener Burgtheater wurde das lange verschollen gewesene Werk im Jahr 1996 in der Musiksammlung der Wiener Philharmoniker wiederentdeckt und rekonstruiert.

 Gaetano Pugnani (1731 – 1798) gilt als ein typischer Vertreter der Übergangszeit zur Wiener Klassik und wurde bis ins 20. Jahrhundert von Geigenvirtuosen besonders geschätzt. Er selbst war ein musikalisches Wunderkind und anerkannter Violinvirtuose. Seinen zweiteiligen „Melologue“ schrieb Pugnani etwa zur Zeit der Anwesenheit Goethes in Italien, doch sind sich die beiden nie begegnet. Auch dürfte Goethe von dieser Komposition nichts erfahren haben.

 Die Aufführung im Theater an der Wien koppelte Pugnanis Musik mit dem deutschen Originaltext des Werther. Auf diese Weise verband sich Musik und Literatur zu einem Kosmos der Empfindsamkeit, der Liebe und der Verzweiflung, die von der Camerata Salzburg unter der einfühlsamen Leitung von Michael Hofstetter wunderbar zum Ausdruck gebracht wurde. Die ins Ohr und ans Gemüt gehende Musik des Komponisten schilderte die ländliche Idylle mit Sturm und Regen eines Gewitters ebenso wie alle Gefühlswallungen von Werther – von Liebessehnsucht über Melancholie bis hin zu seinen Selbstmordgedanken. Sogar der Schuss um Mitternacht des 22. Dezember wurde musikalisch umgesetzt.

 Dazu ein Zitat aus einem Artikel von Karin Bohnert, der im informativ gestalteten Programmheft abgedruckt ist: „Bei seiner Komposition gehorcht Pugnani keinem vorgegebenen formalen Muster mehr, sondern erfindet sein Melodram neu, den Erfordernissen der im Text geschilderten Situation entsprechend. Dadurch gelingen ihm deskriptive Passagen von großer Eindringlichkeit und Dramatik, die sich von seiner sonstigen eher konventionellen Kompositionsart abheben. Es gibt Stücke sowohl in traditioneller wie in nichttraditioneller Weise, ein rondeau alla francese, Fantasien und mehrere Tänze.

 Der Wiener Schauspieler Ulrich Reinthaller – er absolvierte das Reinhardt-Seminar und war Mitglied der Mozart-Sängerknaben – übernahm die Rezitation des Melodrams, wobei ihm seine große Bühnenerfahrung zugute kam. Mit großer Wortdeutlichkeit und perfektem Mienenspiel bot er eine das Publikum packende Leistung. Für die dramaturgische Einrichtung des Abends, die für einen geschickten Mix von Musik und Rezitation sorgte, war Peter Back-Vega verantwortlich.

 Schade, dass das Theater an der Wien nur etwa zur Hälfte besetzt war. Doch die Besucher, die gekommen waren, haben es gewiss nicht bereut. Tosender, lange anhaltender Applaus am Schluss der Vorstellung für den Werther-Darsteller, der auch mit vielen Bravorufen bedacht wurde, für den Dirigenten und für das Orchester.

 Udo Pacolt, Wien – München

 

 

 

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