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WIEN / Theater an der Wien: WEIHNACHTSORATORIUM I-VI

18.12.2014 | Ballett/Tanz

Weihnachtsoratorium Ballett von John Neumeier 
Fotos: Holger Badekow

WIEN / Theater an der Wien:
WEIHNACHTSORATORIUM I-VI
Ballett von John Neumeier
Musik von Johann Sebastian Bach
Gastspiel des Hamburg Ballett
Premiere: 17. Dezember 2014 

Es gibt auch die richtigen Werke zur richtigen Zeit, und ungeachtet des allgemeinen Weihnachtsstresses füllte sich das Theater an der Wien wie es schien bis zum letzten Platz, als „Weihnachtsoratorium I-VI“ am Spielplan erschien. John Neumeier hat mit seinem Hamburg Ballett ohnedies einen festen Platz in diesem Haus, hat also seine Version des Bach’schen „Weihnachtsoratoriums“ schon vor Jahren hier gezeigt, als es nur die ersten drei Tage umfasste. Nun hat er das Werk vor einem Jahr in Hamburg komplettiert, und das Theater an der Wien hat heuer seinen „Weihnachts“-Schlager – mit einer Schöpfung die so spartanisch ist wie brillant, so weit weg vom Klischee wie dem heutigen Verständnis angenähert.

Spartanisch ist die Bühne von Ferdinand Wögerbauer, die mit wenig mehr als transparenten Plastik-Teilen arbeitet, mal ein Kreuz-Symbol, mal eine Goldfläche auf die sich ständig, aber quasi unauffällig wandelnde Bühne bringt, die solcherart allein den Tänzern gehört. Nein, hier herrscht gar kein „Bibel-Look“. Menschen in heutigen Gewändern, mit den für die Moderne wohl unverzichtbaren Koffern, stehen wie eine Flüchtlingsschar zögernd da, wandern dahin. Den Mann, der sich – mit Wollmütze auf dem Kopf – aus dem Geschehen löst, einen kleinen Christbaum bei sich trägt, den er nach und nach schmückt, der erst wie ein Stadtstreicher am Rande wirkt, später mittanzt, würde man nicht unbedingt als „Christus-Spiegelung“ sehen, wenn man es nicht im Programm lesen würde. Er ist in Gestalt des äußerst eindrucksvollen, gelegentlich auch die Mundharmonika blasenden Lloyd Riggins jedenfalls nicht zuletzt dazu wichtig, alle Elemente des Geschehens zusammen zu halten.

Weihnachtsoratorium Ballett von John Neumeier

„Die Mutter“ (Anna Laudere), ein schlichtes Geschöpf in Blau, und „Ihr Mann“ (Carsten Jung) sind Maria und Josef heute auf der Flucht, zwei Tänzer, die sich unter ihrem Schicksal vor allem winden, während die anderen hinreißend „tanzen“ dürfen – vor allem die beiden Engel (Silvia Azzoni, Alexandr Trusch) und die Heiligen Drei Könige, die wild herumhopsen und wenig Respekt zeigen (Marc Jubete, Florian Pohl, Thomas Stuhrmann – wer immer von ihnen Kaspar, der Mohr [in diesem Fall wohl kaum ein Afroamerikaner] sein soll, trägt eine Sonnenbrille…), der dramatische Herodes (Dario Franconi).

Besonders hinreißend sind Neumeier aber die Ensembleszenen gelungen, die vordringlich zu Bachs mitreißenden Chören getanzt werden: Das ist so bewundernswert stürmisch und dabei doch gleitend geschmeidig, dass man gar nicht wahrnimmt, wie kompliziert die Sprünge, wie raffiniert die Figuren sind. Und wenn Neumeier am Ende das „Jauchzet, frohlocket“ des Beginns als DaCapo und krönenden Abschluss bringt, ein Fest in Weiß, ein tänzerischer Jubelsturm – dann hat er seinen dreieinviertelstündigen Abend, der naturgemäß die eine oder andere Länge hat, unvergleichlich gekrönt. Tanz pur, wie es schöner kaum geht.

Für Wien wurde die musikalische Einstudierung neu erstellt, mit Erwin Ortner, der sonst meist „nur“ seinen Arnold Schoenberg Chor leitet, diesmal am Pult des Wiener KammerOrchesters (wobei auch der Chor im Orchesterraum Unterschlupf gefunden hatte). Leider war das Sängerquartett nicht durchgehend so ideal besetzt wie mit dem schönen, ausdrucksvollen Bassbariton von Andrè Schuen: Bei dem Tenor Andrew Tortise mangelte es an Mittellage und die Höhe klang nicht immer schön, ähnlich flackerte die Stimme von Sopranistin Lenneke Ruiten, der mancher hohe Ton entglitt, und der Alt von Ann-Beth Solvang verlor noch durch ihre totale Wortundeutlichkeit.

Es wäre schön gewesen, einem „Doppel“-Abend beizuwohnen, einem musikalischen Teil, der das Niveau des tänzerischen erreicht hätte. Aber letztlich ist man ja zum Hamburg Ballett gekommen. Und das erntete am Ende hellen Jubel. Wie anders sollte man auf solch ein „Jauchzet, frohlocket“ auch reagieren? Als Neumeier dann selbst auf die Bühne kam, schwoll der Beifall zum Orkan und die Ovations wurden standing.

Renate Wagner

 

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