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WIEN / Theater an der Wien: ULYSSES

06.09.2012 | Oper

WIEN / Theater an der Wien:
ULYSSES von James Joyce
Spezialfassung für das Theater an der Wien von Manfred Hess
6.September 2012

Gleich zu Beginn des Programmhefts ist ein bezauberndes Foto abgebildet: Die junge Marilyn Monroe sitzt auf einem Kinderspielplatz im gestreiften T-Shirt, mit angestrengter Miene in ein Buch vertieft. Es ist der „Ulysses“ von James Joyce, eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur – wenn auch mit Sicherheit nicht eines der meist gelesenen. Denn seine Schwierigkeit ist phänomenal. Darum gibt es auch immer wieder Versuche, den Roman zumindest partiell zu „gestalten“ und solcherart einem breiteren Publikum zu vermitteln. Das Theater an der Wien ging zu Saisonbeginn prominent besetzt in einen Literatur-Exkurs.

Als man in den Zuschauerraum kam, konnte man auf einer Leinwand vor dem Eisernen Vorhang lesen:
„What did you do in the Great War, Mr. Joyce?“
„I wrote Ulysses. What did you do…?“

Die Hoffnung eines hinter mir sitzenden Engländers, der Abend würde in englischer Sprache stattfinden (Deutsch konnte er sich Joyce nicht vorstellen), wurde nicht erfüllt: Selbstverständlich sprach man Deutsch, und es funktionierte hervorragend. Die Leinwand bewährte sich im Lauf des Abends übrigens noch als Ort stimmungsvoller Projektionen.

Die „Spezialfassung“, die Manfred Hess (der auch eine 23stündige Hörspielfassung des Buches erstellt hat) für das Theater an der Wien schuf, bestand in Mini-Ausschnitten aus allen 18 Kapiteln des Buches. Angereichert wurde dies durch historische Fotos und genaue Angaben über Ort, Zeit, Bezeichnung usw. der jeweils angerissenen Szene. Man hat sich sogar Mühe gemacht, die jeweilige literarische Technik (Joyce verwendete bekanntlich für jedes Kapitel einen anderen Stil!) kundzutun. Kurz, ein kluges, sorglich ausgearbeitetes Unternehmen.

Karl Markovics war Leonard Bloom, Nicholas Ofczarek, der – gelegentlich mit englischen Wortspenden zusätzlich –  die Erzählerfunktion übernahm, gab anfangs auch Sohn Telemach. Vor allem im zweiten Teil ging das Geschehen stark auf Corinna Harfouch als Molly Bloom über: Als Sirene, Kalypso, Nausikaa und Penelope hatte sie vier grandiose Möglichkeiten, ihr brillantes Können auszuspielen. Ihre gurrernden Sirenen-Töne waren eine Köstlichkeit für sich.

Dass der an sich literarische Abend ein in hohem Maße musikalischer wurde, lag bei den unglaublich vielseitigen Fähigkeiten der kurz als „Percussionistin“ bezeichneten Evelyn Glennie. Sie ist nicht weniger als eine verdiente „Dame des britischen Empire“ (die auch bei der Eröffnung der Olympiade vertreten war): Ob Xylophon, ob Trommel, ob singendes Glas, ob Marimba-Rasseln, ob Vibraphon, ihre Auftritte zwischen den Szenen waren Höhepunkte für sich – falls sich nicht ohnedies Corinna Harfouch zu ihr kauerte und beide zusammen „Sirenen-Töne“ kreierten…

Das Haus war rappelvoll, und nach der Pause verlor das Publikum auch seine Schüchternheit vor der Weltliteratur und applaudierte zwischendurch heftig, allerdings nur den Damen. Was nichts gegen die exzellenten Herren sagt.

Es war ein origineller Abend, der weit mehr war als nur eine Einführung zur folgenden Monteverdi-„Ulisses“-Premiere.

Heiner Wesemann  

 

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