Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

WIEN / Theater an der Wien: TELEMACO

20.02.2012 | Oper

  Fotos: Barbara Zeininger

WIEN / Theater an der Wien: 
TELEMACO von Christoph Willibald Gluck
Premiere: 19. Februar 2012  

Zur Vorgeschichte dieser Oper kommt man um ein paar historische Grübeleien nicht herum. Wer immer dafür verantwortlich war, zur Hochzeit des – damals noch Kronprinzen – Erzherzogs Joseph mit seiner bayerischen Cousine Maria Josepha von Christoph Willibald Gluck ausgerechnet eine „Telemach“-Oper zu diesem Libretto von Marco Coltellini zu bestellen, der muss entweder dümmer gewesen sein, als die Polizei erlaubt, oder ein boshafter, bösartiger Sadist. Jeder wusste, dass Joseph nach dem Tod seiner heiß geliebten ersten Gattin Isabella nicht mehr heiraten wollte. Und schon gar nicht die hässliche bayerische Prinzessin, die ihm gänzlich zuwider war – aber gegen die Wünsche seiner Mutter Maria Theresia war er so machtlos wie der Rest der Familie.

Und da spielt man eine Oper, die in ihrer Grundstimmung nicht nur ausschließlich tragisch, sondern von geballten negativen Empfindungen erfüllt ist. Wie muss sich Joseph gefühlt haben, wenn Odysseus sich heftig gegen die aufgezwungene Liebe von Circe wehrt? Wie die bedauernswerte Braut (der an seiner Seite ein elendes Leben bevorstand), wenn sie die hoffnungslose Liebe einer abgewiesenen Frau vorgeführt bekam? „Ganz mein Schicksal“ konnten die beiden denken – und es war doch als strahlende Festoper zu einer Hochzeit gedacht…

Nun, dieser „Telemaco“ wurde zur Uraufführung 1765 gar kein Erfolg und danach auch lange Zeit nicht. An der Musik kann es nicht gelegen sein, wie man nun im Theater an der Wien entschieden feststellt. Erst seit kurzem „wieder entdeckt“, hat man es mit einem prachtvollen Werk zu tun, das auf dem Weg von Händel als barockem Ausgangspunkt über die eigene Gluck’sche Opernreform (weg von der virtuosen Theaterbombastik zu einer psychologischen Wahrhaftigkeit des Ausdrucks) schon bei Mozart angekommen ist. Die Handlung bleibt allerdings das Problem – auch das zeigt die Wiener Aufführung.

Ulisse ist auf der Insel der streitbaren, besitzergreifenden Circe gefangen. Sein Sohn Telemaco und der kretische Prinz Merione suchen und finden ihn dort. Nebenbei verliebt sich der Ulisse-Sohn in die schöne Asteria. Dass diese junge Dame, die ihren Vater nicht kennt, sich als kretische Prinzessin und die ohnedies für Telemaco vorgesehene Braut entpuppt, das ist so selbstverständlich, dass man es nicht einmal erwähnen muss. Und Ulisse? Der möchte nur weg, heim zu Penelope. Und Circe? Die tobt das ganze Stück hindurch, bis sie am Ende aus Wut die eigene Insel vernichtet. Das mag dramatisch klingen, ist es aber nicht. Tatsächlich hatte man, von wundervoller Musik geradezu eingelullt, zumindest bis zur Pause Mühe, die Augen offen zu halten… (Diese Erfahrung tauschte ich in der Pause mit drei absolut kompetenten, interessierten Opernbesuchern aus, denen es genau so ging.)

Regisseur Torsten Fischer erklärte, und er sei für diesen Mut bedankt, dass man eine Oper wie diese nicht im Supermarkt spielen lassen könne. Tatsächlich ließ er sie nirgends spielen, das heißt – in keinem Umfeld, sondern in einer bestrickenden Theaterdekoration. Und das ist durchaus einsichtig: Welche große Geschichte sollte man da schon mit Gewalt erzählen? (Schlimm genug, wenn in diesem No Man’s Land die aus ihrer Verwandlung in Bäume erwachten Gefährten des Odysseus gleich mit Gewehren herumwacheln.) Kurz, die Ausstattung von Vasilis Triantafillopoulos und Herbert Schäfer ersetzt die Regie, und das nicht schlecht. Die Insel der Circe ist eine riesige, runde, bewegliche Scheibe, von der man, wenn sie entsprechend hoch gehoben wird, auch noch das dramatisch blutrote Gerüst erkennt, auf dem sie ruht und bewegt wird. Aber der Clou ist der ebenfalls runde riesige Spiegel, der an der Decke hängt und das Geschehen reflektiert – auf dem Kopf stehend. Das hat schon einmal eine schöne Symbolik, wenn man auch nicht so recht weiß, welche. Und was die Bewegung des von Christoph Willibald Gluck reichlich beschäftigten Chores betrifft, so hat Regisseur Torsten Fischer mindestens ebensoviel an den reflektierenden „Spiegel“ gedacht wie an die Scheibe am Boden. Was er allerdings inszeniert hat  – das weiß man nicht so recht, und es spielt auch keine wirkliche Rolle, denn eine Geschichte wird ja so oder so nicht daraus. (Claus Guth hätte alle vermutlich in der Luxusvilla einer Millionärin namens Circe eingesperrt, von Leibwächtern umgeben, in Drogenparties verstrickt, und dort Psychoterror ausbrechen lassen…) Was Fischer bietet, ist ein absolutes ästhetisches Vergnügen, eindrucksvolle Bilder, in denen sich Sänger gemessen bewegen und singen. Das ist, bedenkt man die vielen Spielarten von Inszenierungen, die man zu alter Musik schon gesehen hat, auch eine Lösung. Vielleicht nicht einmal die schlechteste. Von ein bisschen göttlicher Langeweile einmal abgesehen…

Nicht der Titelheld ist die wichtigste Figur der Geschichte, sondern Circe, die unaufhörlich zankt, tobt und wütet, aber dabei das zeigt, was laut Shakespeare das Schlimmste überhaupt ist: „Hell hath no fury like a woman scorned“ (wobei der Spruch auch William Congreve zugesprochen wird – egal, soll einmal jemand versuchen, mit einer verschmähten Frau zurecht zu kommen). Alexandrina Pendatchanska ist beileibe nicht immer schön anzuhören, aber sie spielt und singt diese Zauberin als pure Hexe mit einer Intensität, die vor allem gegen Ende die herrliche Gemessenheit der Musik zu feuriger Dramatik anzündet.

Valentina Farcas gibt die Lichtgestalt der Asteria (folglich auch immer weiß gekleidet) mit klarer, heller, zur Figur passender Stimme. In der Hosenrolle des Merione hat man in Anett Fritsch eine lebhafte Interpretin, die wie ein Mezzo klingt, aber laut Programmheft sonst hohe Sopranrollen singt.

Bejun Mehta ist Telemaco, und man kennt ihn als einen jener Countertenöre, die die mögliche Schönheit und nicht die schrille Exzentrik dieser Stimmlage hören lassen. Er erweist sich immer wieder als Meistervirtuose (etwa in ausgeschwelgten Pianissimo-Passagen), kann aber nicht verleugnen, dass die Stimme in der Mittellage oft ganz aussetzt. Sie wird allerdings glücklicherweise dort selten verlangt. Als Ulisse wirkt Rainer Trost, zumal sportlich im schwarzen Ruderleibchen, ein Anblick für Damen, eher wie der Bruder als wie der Papa, der Tenor ist angenehm, nur wenn es ins allzu Dramatische geht, hörbar überfordert.

Fischer hat die stumme Rolle der Penelope mit der des Orakels kombiniert, Anna Franziska Srna darf bedeutungsvoll einherschreiten und ihre tiefgründigen Sätze auf Deutsch sprechen.

Die Akademie für Alte Musik Berlin erwies sich als prachtvoller Klangkörper, um unter der Leitung von René Jacobs die Gluck’sche Schönheit (zu der auch mancher fast modern wirkender Geräuscheffekt gehört) voll auszukosten. Der Arnold Schoenberg Chor (geleitet von Erwin Ortner) war gefordert wie selten, diesmal auch mit der Statisterie des Hauses in der ausgefeilten Bewegungsregie des Abends.

Es gab, muss man es erwähnen (es ist hier ja obligatorisch), frenetische Beifallsstürme. Und sie waren absolut nicht unberechtigt.

Renate Wagner

 

Diese Seite drucken