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WIEN / Theater an der Wien: SHAKESPEARE DANCES

10.05.2016 | Ballett/Tanz, KRITIKEN

Shakespeare Dances - WEEG

WIEN / Theater an der Wien:
SHAKESPEARE DANCES
Szenen aus Shakespeare-Balletten von John Neumeier
Hamburg Ballett
Premiere in Wien: 9. Mai 2016  

Die Gastspiele des Hamburg Balletts (seit mehr als 40 Jahren identisch mit seinem Chef John Neumeier) haben im Theater an der Wien Tradition. Vor drei Jahren hat Neumeier anlässlich seiner Rückschau auf 40 Jahre in Hamburg drei seiner im Lauf der Jahre entstandenen Shakespeare-Choreographien unter dem Titel „Shakespeare Dances“ zusammengefasst. Und wann kann man besser damit gastieren als heuer, dem Jahr von Shakespeares 300. Todestag?

Der dreieinhalbstündige Abend im Theater an der Wien bot etwas für Leute, die das Optimum für ihr Geld bekommen wollen. „Wie es euch gefällt“, „Hamlet“ und „Was ihr wollt“, zusammen geschmiedet, wobei der junge Mann mit Rucksack und Fahrrad, der den Abend einleitet, „Jacques“ sein soll, jener Narr in „Wie es euch gefällt“, der die berühmten Worte „Die ganze Welt ist Bühne“ spricht… So beginnt es, zwischendurch gibt Jacques hier und dort Hinweise, denn selbstverständlich ist eine Choreographie nicht das Stück, und vielleicht versteht nicht jeder alles (was allerdings auch nicht nötig ist).

„Wie es euch gefällt“ also zu Beginn, die älteste der Arbeiten nach Shakespeare-Motiven, 1985 entstanden, Rokoko-Kostüme mit anmutigen Sprüngen, klassischen Gesten. Neumeier hat seine ganzen Stars nach Wien mitgebracht – abgesehen von dem immer wiederkehrenden Carsten Jung als Jacques (der allerdings nicht viel tanzen darf), sind es hier Alexander Riabko als Orlando und Silvia Azzoni als Rosalind, die geradezu hinreißend das „Falling in Love“ dieser beiden Figuren verströmen. Dennoch – es ist die gewissermaßen konventionellste, am wenigsten anregende Produktion der drei, und nicht wenige Zuschauer verschwanden in der ersten Pause. Womit sie den besseren Teil des Abends versäumten.

Hamlet 2_(c) Holger Badekow H und Ophelia~1
©Holger Badekow

Szenen aus „Hamlet“ (aus dem Jahr 1985 / 1997), zur scharfen Musik von Michael Tippett, sind schon optisch interessanter, in eine Militarismus-Welt versetzt, die Körpersprache des Modern Dance im Dienste von menschlicher Düsternis und Verzweiflung, was den Damen Lesley Heylmann als Geruth (Neumeier bezieht sich da nicht nur auf Shakespeare, sondern auch auf die ältere Überlieferung) und Anna Lauder als Ophelia etwas besser gelingt als Edvin Revazov, den man sich als Hamlet dämonischer vorstellen könnte.

Auch nach diesem Teil seilten sich wiederum Besucher ab, und die versäumten dann definitiv das Beste: „Vivaldi oder Was ihr wollt“ von 1996, so witzig, so ironisch, so hinreißend in der „schlaksigen“ Körpersprache, den Slapstick-Elementen, der erneut hinreißend ausgespielten Fähigkeit Neumeiers, seine Interpreten Gefühle tanzen zu lassen…

Shakespeare Dances - Vivladi

©KiranWest

Hier ist (in witzig ironisierten Renaissance-Kostümen) Carolina Aguero als Viola) die Königin, aber auch ihr Orsino Dario Franconi ist hinreißend, desgleichen das zweite Paar (alle Nebenfiguren fehlen und gehen nicht ab) die Französin Hélène Bouchet als Olivia und Konstantin Tselikov als Sebastian.

Zum Ende lässt Neumeier die Paare und Figuren der anderen Stücke wie von ungefähr langsam ins Geschehen sickern, und das wäre ein hinreißend poetisches Ende. Doch Neumeier wollte noch mehr und schickte das gesamte Ensemble mit roten Nasen in ein kollektives finales Furioso, das dem Publikum den verdienten stürmischen Applaus direkt aus den Händen riß.

Wer ist man, John Neumeier etwas raten zu wollen? Aber angenommen, man dürfte – dann kann er den ersten Teil verlustlos weglassen, ein tragischer Shakespeare mit „Hamlet“ und ein komischer mit „Was ihr wollt“ reichten künstlerisch völlig, und der Abend wäre nicht überlang. Aber das nur nebenbei bemerkt…

Renate Wagner

 

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