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WIEN / Theater an der Wien: SATYRICON

23.01.2013 | Oper

WIEN / Theater an der Wien: 
SATYRICON. Oper in einem Akt von Bruno Maderna
Konzertante Aufführung in verschiedenen Sprachen
23. Jänner 2013

Der ganze Abend dauerte schließlich genau eine Stunde, und er hat dem Theater an der Wien – was man hier nicht gewöhnt ist – keinesfalls ein volles Haus beschert. Dabei waren Gelegenheiten, Bruno Madernas letztem Werk, dem Operneinakter „Satyricon“, zu begegnen, in den letzten Jahren nicht eben reich gesät – 1991 konnte man während der Salzburger Festspiele eine Aufführung von Tabori im Studio Mozarteum sehen, und die Wiener Taschenoper spielte das Werk 1999 im Jugendstiltheater. Da kann man es sich aus der Distanz von 14 Jahren schon noch einmal antun. Zumal es zwar über einen unzweifelhaften Vergnügungs- und Unterhaltungsfaktor verfügt, aber nicht wirklich einfach ist. Und das liegt an vielen Faktoren.

Selbst wenn man „Das Gastmahl des Trimalchio“ aus dem „Satyricon“ des Petronius einmal gelesen hat, ist man – so nicht eingeschworener Lateiner – bezüglich der Details des Werks wohl nicht sattelfest. Maderna hat sich stückwerkartig daraus bedient und Einzelszenen geschaffen, diese auch noch in verschiedenen Sprachen gehalten (voran Englisch, man hört auch Französisch, Italienisch, Latein, sogar bei Deutsch kann man gelegentlich kurzfristig stutzen) – für Übertitel hat es nicht gereicht, fürs Mitlesen im Programmheft war es zu dunkel, also blieb man auch vielfach im Dunkeln des Verständnisses.

Die Einführung im Programmheft war ausführlich und übersichtlich, aber selbst das hilft nicht, wenn man in einer Welt von Geräuschen, Tönen und unverständlicher Sprache versinkt. Das ist vermutlich wirklich ein Werk, das man sich mit oftmaligem Hören erarbeiten müsste, weil ja schon inhaltlich ein schönes Chaos herrscht. Das Herstellen der  Zeitbezüge, die der Komponist (auch als sein eigener Librettist) hier kurz vor seinem Tod noch kritisch-satirisch anbrachte, wären ja doch vor allem einem Regisseur bei einer szenischen Aufführung überlassen.

Brillant, was Maderna als „Musik“ anbietet – man könnte es als ein „Erkennen Sie die Melodie“-Quiz für Fortgeschrittene betrachten. Der Komponist collagiert, fröhlich durch die Musikgeschichte räubernd,  von alter Musik über Wagner bis Puccini und Populäres (ob Märsche, ob Rummelplatztöne) alles. Der Gluck’sche Orfeus, Wagners Ring-Motive, Puccinis Musetta-Walzer sind kein Problem für den Hörer. Man möchte allerdings Madernas eigene Aussage bezweifeln, er habe keinen Ton selbst komponiert: Da klingt vieles (und nicht nur die vom Tonband kommenden Zwischenspiele) nach Avantgarde pur, wie sie sich auch heute noch nicht „durchgesetzt“ hat – in dem Sinn, dass das Publikum sie so selbstverständlich hinnimmt, wie man sich schließlich auch an Beethovens Letzte Streichquartette oder an Wagners „Zukunftsmusik“ (die uns heute so gegenwärtig ist) gewöhnt hat. Vielleicht war das Paar aus der ersten Reihe, das irgendwann das Weite suchte, nicht das einzige, das sich auf die evidente Schwierigkeit des „Satyricon“ fürs Publikum nicht länger einlassen wollte.

Wie „arrangiert“ man eine konzertante Aufführung, wenn man die Sänger nicht an Pulte stellt, was hier wohl kaum angebracht gewesen wäre? Im Programmheft stand da kein Verantwortlicher aufgeführt, aber es war sehr geschickt, die Protagonisten an Kaffeehaustischchen zu setzen und nur zu ihren „Nummern“ vortreten zu lassen – und wenn als Hauptperson der Brite Nigel Robson als Trimalchio an der Reihe war (glücklicherweise sehr oft), dann ging ohnedies hemmungslos die Show ab, egal in welcher Sprache (er erreichte als Einziger im Englischen jene Deutlichkeit, die auch Verständlichkeit nach sich zog). Aber auch Janina Baechle „spielte“ Fortunata, die hoch zickige Ehefrau des Helden, lustvoll und überzeugend, so wie Oliver Ringelhahn als Habinnas vor allem die altbekannte Erzählung von der Witwe von Ephesos nützte. Vier Mitglieder des Vokalensembles NOVA  (Ursula Langmayr, Johanna von der Deken, Colin Mason, Gerd Kenda) waren voll bei der Sache, ob sie ihre Kehlen à la Alte Musik oder sehr neutönend bewegen mussten.

Zum Schlussapplaus kam verdientermaßen dann auch das Klangforum Wien auf die Bühne, denn was die Musiker unter der Leitung des eleganten  Emilio Pomàrico geleistet haben, geht über „normale“ Anforderungen weit hinaus. Der Klangkosmos des Bruno Maderna beschränkt sich ja nicht auf „Musik“ im üblichen Sinn, er bezieht Geräusche jeglicher Art mit ein, die oft auf die virtuoseste Art zu erzeugen waren – und die seltsamsten Wirkungen hervorriefen.

Kurz, da musste man als Zuschauer beim Overkill der Eindrücke auf der Strecke bleiben. Wahrscheinlich sollte man sich jetzt einmal eine CD des „Satyricon“ zulegen.

Renate Wagner

 

 

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