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WIEN / Theater an der Wien: POLIFEMO

23.02.2013 | Oper

   
Porpora / Farinelli / Fagioli

WIEN / Theater an der Wien:
POLIFEMO von Nicola Porpora
Konzertante Aufführung, 22. Februar 2013 

Wer sich je mit der Biographie von Joseph Haydn befasst hat, ist auf den Neapolitaner Nicola Antonio Porpora (1686-1768) gestoßen. Der junge, ambitionierte Haydn hat sich für Kammerdienerdienste verdingt (u.a. das Stiefelputzen), um von dem großen Porpora Kompositionsunterricht zu erhalten, den er sich sonst nicht hätte leisten können… Das spricht doch für den Rang des Mannes, der sich in ganz Europa als erfolgreicher Musiker umtat. 1735 trat er in London mit seiner Oper „Polifemo“ in direkte Konkurrenz zu Georg Friedrich Händel – und konnte dem dortigen Musikpublikum seinen Schüler Farinelli in einer phantastischen Rolle präsentieren.

Weder Porpora noch seine Werke sind außer bei Fachleuten im Bewusstsein eines breiten Musikpublikums geblieben. Das Theater an der Wien spielte nun den „Polifemo“ als konzertante Aufführung, und Dirigent Rubén Dubrovsky wandte sich vor der Vorstellung an das bestens gefüllte Auditorium, um ein paar einführende Worte zu sagen. Denn, wie er meinte, die Oper erzählt zwar bekannte Geschichten: jene von Acis und Galathea, jene des Riesen Polifem und Odysseus (Ulisse), auch noch die von Ulisse und der ihn umwerbenden Calipso, was im Libretto von Paolo Antonio Rolli aber dann ein schönes Durcheinander ergäbe.

Aber darauf kam es nicht an. Porporas Partitur, die für seine Zeit durchaus originell war, war auf große Sängerleistungen ausgerichtet, vor allem auf das einmalige Können des Kastraten Farinell. Bei seinen Gesangskünsten sind, wie man liest, die Damen reihenweise in Ohnmacht gefallen. Für die von ihm einst gesungene Rolle des Aci bot das Theater an der Wien nun den argentinischen Countertenor Franco Fagioli auf, der mit seiner Leistung des Publikum sprachlos machte – und von Anfang an zu Ovationen hinriss. Er ließ nicht nur ein faszinierendes Timbre hören, sondern auch eine Virtuosität in Trillern und Koloraturen (einmal auch im „Duett“ mit einer Barockoboe), angesichts derer ihn die Gruberova als ihr männliches Gegenstück anerkennen müsste. Ob höchste Höhen oder auch, zum Beweis der Vielfalt, eine erstaunliche Mittellage – Franco Fagioli hat einem heutigen Publikum eine Ahnung vermittelt, wie grandios ein Farinelli gesungen und, mehr noch, wie er gewirkt hat. Ein verzückter Zuhörer rief „Farinelli!“, und exakter konnte man das höchste Lob nicht ausdrücken.

Angesichts dieser Leistung hatten es alle Kollegen schwer, der zweite Countertenor, der Katalane Xavier Sabata als Ulisse (der allerdings mit seiner Arie am Ende des zweiten Aktes, „Dell’ immortal bellezza“, für  edle Stimmkultur dann entsprechend akklamiert wurde) oder auch der chilenische Bariton Christian Senn mit seiner bemerkenswerten Tiefe in der Titelrolle . Unter den Damen – Laura Aikin als Galatea und Mary-Ellen Nesi als Calipso – stach Hannah Herfurthner als Nerea mit wunderbaren glockenklaren Tönen hervor.

Die Sänger waren gelegentlich auch als gut gelaunte Darsteller zu erleben – in der Szene, wo Ulisse den Riesen Polifemo betrunken macht, war eine Flasche Wein mit Gläsern beteiligt, man becherte fröhlich beim Singen, und die wachsende Trunkenheit wurde durchaus gespielt.

Rubén Dubrovsky lieferte mit dem Bach Consort Wien eine fulminante Aufführung, deren dreieinhalb Stunden nie langweilig wurden. Die Vielfalt der Musik zwischen lyrischen Momenten und martialischen Klängen kam zu voller Wirkung, die Sänger wurden umschmeichelt, nicht zugedeckt. Übrigens: Auch das Orchester applaudierte am Ende dem Countertenor-Star, dem man am 27. März in Händels „Solomon“ wieder begegnen wird.

Heiner Wesemann

 

 

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